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Früher war ich eine erfolgreiche Managerin - dann warf ich hin, um Menschen zu helfen

11/04/2017 17:52 CEST | Aktualisiert 25/04/2017 12:47 CEST
Ryan McVay via Getty Images

Mehr als 10 Jahre habe ich in der Werbebranche gearbeitet. Als Projektmanagerin und Etat-Chefin für verschiedene Agenturen und als Marketing-Managerin bei einem der bekanntesten Mode-Versandhäuser Deutschlands - Zalando.

Für viele Menschen wahrscheinlich ein Traumjob. Auch über meine Bezahlung konnte ich mich nie beschweren.

Und dennoch: Irgendwie hatte mein Beruf immer einen faden Beigeschmack. Nicht, dass ich keinen Spaß an meiner Arbeit hatte, nein. Werbung und Kommunikation haben mich immer sehr fasziniert.

Es war aufregend zu entdecken, wie man Menschen gezielt beeinflussen kann und dazu bringt, Dinge zu kaufen oder zu tun.

Doch was zu Beginn meiner Karriere noch eine starke Faszination auf mich ausübte, wich bald einer ernüchternden Erkenntnis: Ob ich jetzt einen Laufschuh oder ein Hotelzimmer verkaufe - das würde rein gar nichts in der Welt ändern.

Ich kehrte der Branche den Rücken

Und das, obwohl unsere Welt momentan an einem historischen Scheidepunkt steht: Umweltkatastrophen bedrohen unser Klima, Bürgerkriege und Hungersnöte zwingen Menschen zur Flucht und Deutschland steht vor der größten Integrationsherausforderung der letzten Jahrzehnte. Und selbst in unserem reichen Land stolpern wir täglich über Probleme wie Obdachlosigkeit, Kinderarmut oder ungerechte Bildungschancen.

Alles, was ich tat: verkaufen, verkaufen, verkaufen. Immer weiter den Konsum anregen. Wer kauft, ist glücklich und wer glücklich ist, stellt keine Fragen. Mich hingegen quälte eine ganz große: Hatte mein Beruf einen tieferen Sinn, um dafür so viel meiner Energie aufzuwenden?

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Ich fand meine Antwort und entschied: Ich würde dieser Branche endgültig den Rücken kehren. Erfolg hin oder her.

Mein Verlangen, in der Welt etwas zu bewegen, sei es im Bereich Tierschutz, Integration oder Bildungsgerechtigkeit, war inzwischen groß genug geworden, um einen ganz neuen Weg einzuschlagen.

Doch wie sollte ich das anstellen? Viele meiner früheren Bewerbungen bei großen Hilfsorganisationen waren abgelehnt worden. Bei meiner Suche bin ich dann irgendwann auf das Unternehmen "On Purpose" gestoßen.

Menschen aus den verschiedensten Ländern lernen, mit kulturellen Unterschieden umzugehen

Als Teilnehmerin des Associate Programms erhalte ich dort Einblicke in verschiedene Sozialunternehmen und NGOs. Für diese Firmen ist Geld nicht der Maßstab der Dinge, sondern ein Mittel zum Zweck, um gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen.

In den vergangenen sechs Monaten habe ich den Verein "AFS Interkulturelle Begegnung" betreut. AFS ist einer der weltweit erfahrensten und größten gemeinnützigen Anbieter für Jugendaustausch und interkulturelles Lernen und versteht sich als Mittler zwischen den Kulturen.

Dort erlernen Menschen aus den verschiedensten Ländern mit kulturellen Unterschieden umzugehen. AFS verfolgt einen erfahrungsbasierten Lernansatz, begleitet von speziell entwickelten Trainingseinheiten, die unter anderem Kommunikations- und Konflikttheorie vermitteln und aufzeigen, mit welchen Stereotypen und Generalisierungen wir einander begegnen.

Zum Beispiel: Was ist typisch Deutsch? Was ist für uns richtig und was falsch? Welche Rolle spielt Pünktlichkeit in unserem Alltag? Wie sehen unsere Vorstellungen von Moral und Höflichkeit aus? Wie können wir unsere Werte anderen Kulturen vermitteln?

Das Ergebnis überraschte mich selbst

Durch solche Fragestellungen sollen Vorurteile abgebaut werden und die Integration in eine fremde Gesellschaft leichter gelingen. Das sind Themen, die auch Deutschland in den kommenden Jahren stark prägen werden. Man führt Menschen aus zwei Kulturkreisen zusammen und kreiert im besten Fall einen dritten, in dem alle friedlich miteinander koexistieren können.

Meine Aufgabe bestand darin, zu analysieren, wie effizient die Programme sind und welche gesellschaftliche Wirkung AFS hat. Das Ergebnis überraschte mich selbst. Was auf den ersten Blick etwas naiv klang, hat sich als höchst effektiv herausgestellt.

So können wir zum Beispiel Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern durch Seminare dabei helfen, einander zu verstehen - nicht nur sprachlich, sondern vor allem auch kulturell, was im Alltag sehr hilft. Dadurch können wir zum Beispiel Eskalationen in Flüchtlingsheimen vorbeugen und die schwierige Situation für alle Beteiligten einfacher machen.

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Auch wenn ich bei "On Purpose" viel weniger verdiene, die Arbeit dort erfüllt mein Herz mit Stolz. Ich merke richtig, wie ich mich reinhänge, einfach nur, weil die Themen mich wirklich berühren und ich meinen Beitrag für die Gesellschaft leisten kann.

Natürlich ist das finanziell ein riesiger Schritt zurück und mir ist auch klar, dass ich in Zukunft wahrscheinlich nie wieder so viel verdienen werde wie damals, aber immerhin: Ich bin glücklich!

Denn jetzt helfe ich Menschen, ein besseres Leben miteinander zu führen. Das ist mehr wert als jedes Gehalt.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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