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Anna Todd Headshot

Natalie

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BEFORE US
heyne verlag
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„Anna Todd ist erst 26 Jahre alt und schon jetzt ein PhĂ€nomen. Ihre erotische Fanfiction-Serie „AFTER" wurde zur meistgelesenen Online-Story der Welt und entwickelte sich im letzten Jahr auch in Buchform zu einem sensationellen Erfolg. Heute Abend könnt Ihr der Bestsellerautorin von 19-20 Uhr live Eure Fragen stellen, die sie vor laufender Kamera beantworten wird. Moderieren wird das GesprĂ€ch die Youtuberin Mona Kasten. Bastian Hagen, die deutsche Stimme von Hardin Scott, liest einige Passagen aus Anna Todds aktuellem Roman „Before us".

Als er das MĂ€dchen mit den blauen Augen und den dunklen Haaren kennenlernte, wusste er, dass sie ihn auf eine ganz neue Art herausfordern wĂŒrde. Sie war freundlich, die sanftmĂŒtigste Seele, der er je begegnet war - und sie war verknallt in ihn.

Er holte das naive MĂ€dchen aus ihrer aufgerĂ€umten, heilen Welt und schleuderte sie in ein finsteres, unerbittliches Reich, das ihr voll kommen fremd war. GefĂŒhllos machte er sie zu einer Ausgestoßenen, die erst aus ihrer Kirche und dann aus ihrer Familie vertrieben wurde. Das Gerede war vernichtend - in der Gemeinde flĂŒsterte eine bibeltreue Frau der nĂ€chsten ins Ohr.
In ihrer Familie war es nicht besser. Sie hatte niemanden, und sie beging den Fehler, mehr in ihm zu sehen, als er tatsĂ€chlich fĂŒr sie sein konnte.

Was er diesem MĂ€dchen antat, war fĂŒr seine Mutter der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das Ganze sorgte dafĂŒr, dass sie ihn nach Amerika schickte, in den Staat Washington, wo er bei seinem Möchtegern-Vater leben sollte. Weil er Natalie so behandelt hatte, wurde er selbst aus seiner Londoner Heimat vertrieben. Die Einsamkeit, die er die ganze Zeit schon in sich gespĂŒrt hatte, war endlich in seinem Alltag angekommen.

Die Kirche ist heute brechend voll. Reihenweise sitzen unsere Leute hier, alle vereint, um an einem heißen Julinachmittag zu beten. So ist es jede Woche, und meistens kommen dieselben Leute, die ich alle mit Namen kenne. Meine Familie war königlich in dieser kleinen dienstlichen Gemeinde.

Cecily, meine jĂŒngere Schwester, sitzt in der ersten Reihe neben mir, ihre kleinen Finger knibbeln an dem abblĂ€tternden Lack der hölzernen Kirchenbank herum. Unsere Kirche hat gerade einen Zuschuss bekommen, um einen Teil des Innenraums renovieren zu lassen, und unsere Jugendgruppe hat mitgeholfen, das Material einzusammeln, das die Gemeindemitglieder gespendet haben. Diese Woche sollen wir bei den ortsansĂ€ssigen GeschĂ€ften Farbe besorgen, und damit streichen wir dann die KirchenbĂ€nke neu. Ich habe meine Abende damit verbracht, von einem Baumarkt zum nĂ€chsten zu laufen und um Spenden zu bitten.

Ich höre ein leises Knacken und sehe, dass Cecily auf ihrem Sitzplatz gerade ein kleines StĂŒck Holz aus der Bank herausgebrochen hat. Als wolle Sie die Sinnlosigkeit der ganzen Sache demonstrieren. Ihre FingernĂ€gel sind pink lackiert, damit sie zu dem Reif in ihrem dunkelbraunen Haar passen, aber meine GĂŒte - sie kann ganz schön zerstörerisch sein.

»Cecily, wir renovieren die BÀnke nÀchste Woche. Bitte lass das.« Sanft nehme ich ihre kleinen HÀnde in meine, und sie schmollt ein bisschen. »Du kannst uns helfen, sie anzustreichen, damit sie wie- der schön aussehen. Das möchtest du doch gern, oder?« Ich lÀchle sie an.

Sie lĂ€chelt zurĂŒck, ein hinreißendes ZahnlĂŒckenlĂ€cheln, und nickt. Ihre Locken wippen mit und erfĂŒllen meine Mutter mit Stolz auf das Werk, das sie an diesem Morgen mit dem Lockenstab vollbracht hat.

Der Pfarrer ist mit seiner Predigt fast fertig, und meine Eltern blicken hĂ€ndchenhaltend nach vorn. Schweiß sammelt sich in meinem Nacken und rollt mir in klebrigen Tropfen ĂŒber den RĂŒcken, wĂ€hrend mir Worte ĂŒber SĂŒnde und Leid um den Kopf schwirren. Es ist so heiß hier drin, dass das Make-up meiner Mutter am Hals zu glĂ€nzen anfĂ€ngt und sich schmierige schwarze Ringe um ihre Augen legen. Es sollte die letzte Woche sein, die wir ohne Klimaanlage durchstehen mĂŒssen. Hoffentlich. Sonst stelle ich mich viel- leicht sogar krank, um nicht in diese glĂŒhend heiße Kirche gehen zu mĂŒssen.

Am Ende der Messe steht meine Mutter auf, um mit der Frau des Pfarrers zu sprechen. Meine Mutter bewundert sie sehr, ein bisschen zu sehr sogar, finde ich. Pauline, die First Lady unserer Kirche, ist eine knallharte Frau mit wenig MitgefĂŒhl fĂŒr andere, darum verstehe ich eigentlich gar nicht, warum meine Mom sie so toll findet.

Ich winke Thomas zu, dem einzigen Jungen in meinem Alter in der Jugendgruppe. Als er und der Rest seiner Familie an mir vorbei die Kirche verlassen, winken sie zurĂŒck. Um ein bisschen frische Luft zu schnappen, stehe ich auf und wische mir die HĂ€nde an meinem blassblauen Kleid ab.

»Kannst du Cecily zum Auto bringen?«, fragt mich mein Dad und lÀchelt vielsagend.
Er wird versuchen, meine Mutter von ihren SchwÀtzchen abzuhalten, so wie jeden Sonntag. Sie gehört zu den Frauen, die immer noch weiterplaudern, auch wenn sie sich schon mindestens dreimal verabschiedet haben.

In dieser Hinsicht komme ich ĂŒberhaupt nicht nach ihr. Statt- dessen eifere ich meinem Vater nach, der nur wenige Worte macht, die dann aber meistens ein Leben lang gelten. Und ich weiß, dass mein Dad sich freut, weil er so viel von sich selbst in mir wiederfindet: sein ruhiges Auftreten, das dunkle Haar, die blassblauen Augen und auch unsere KörpergrĂ¶ĂŸe. Oder den Mangel daran. Wir sind beide kaum einen Meter fĂŒnfundsechzig groß, obwohl er ein ganz kleines bisschen grĂ¶ĂŸer ist als ich. Cecily wird uns beiden schon mit zehn Jahren ĂŒber den Kopf gewachsen sein, zieht meine Mutter uns gern auf.

Ich nicke meinem Vater zu und nehme meine Schwester bei der Hand. Sie geht schneller als ich, in ihrem kindlichen Eifer lĂ€uft sie direkt durch den Rest der kleinen Menschenmenge. Ich will sie zurĂŒckhalten, doch sie dreht sich zu mir um, ein breites LĂ€cheln im Gesicht, und ich kann mich zu nichts anderem durchringen, als ihr hinterherzurennen.

Wir spurten los, rasen die Treppe hinunter und auf den Rasen. Cecily rempelt ein Ă€lteres Paar an, und ich lache, als meine kleine Schwester quietscht und um ein Haar Tyler Kenton umrennt, den Ă€tzendsten Jungen in unserer Gemeinde. Die Sonne scheint hell, meine Lunge brennt, und ich renne immer schneller, jage ihr hinterher, bis sie auf dem Rasen hinfĂ€llt. Ich gehe in die Knie, um nachzusehen, ob mit ihr alles in Ordnung ist, beuge mich ĂŒber sie und streiche ihr die Haare aus dem Gesicht. Die kleinen TrĂ€nenseen in ihren Augen drohen ĂŒberzulaufen, und ihre Unterlippe zittert heftig.

»Mein Kleid ...« Mit ihren kleinen HĂ€nden klopft sie auf ihr weißes Kleid, starrt auf die Grasflecken auf dem Stoff. »Es ist kaputt!« Sie vergrĂ€bt das Gesicht in ihren schmutzigen HĂ€nden, und ich greife nach ihnen und drĂŒcke sie ihr sanft in den Schoß.

Ich lĂ€chle und sage lieb: »Es ist nicht kaputt. Wir können es waschen, MĂ€uschen.«Mit dem Daumen wische ich ihr die TrĂ€ne fort, die ihr ĂŒber die Wange rollt. Sie schnieft, will mir aber nicht glauben.

»So was passiert andauernd; mir ist das mindestens schon dreißigmal passiert«, beruhige ich sie, obwohl es gar nicht stimmt.
Ihre Mundwinkel wandern nach oben, und sie muss lÀcheln.
»Gar nicht.« Wegen meiner Flunkerei sieht sie mich herausfordernd an.

Ich lege den Arm um sie und ziehe sie auf die FĂŒĂŸe. Mein Blick wandert ĂŒber ihre blassen Arme, weil ich sichergehen will, dass mir nichts entgangen ist. Alles sauber. Als wir ĂŒber den Friedhof auf den Parkplatz zugehen, habe ich immer noch den Arm um sie geschlungen. Meine Eltern kommen uns entgegen, weil mein Vater es offenbar endlich geschafft hat, meine Mutter loszueisen.

Auf der Fahrt nach Hause sitze ich mit Cecily auf der RĂŒckbank und male mit ihr kleine Schmetterlinge in ihrem Lieblingsmalbuch aus, wĂ€hrend mein Dad mit meiner Mom das Problem mit dem WaschbĂ€ren an den MĂŒlltonnen hinter dem Haus bespricht, mit dem wir uns seit einiger Zeit herumschlagen. Mein Dad lĂ€sst den Motor laufen, als er in der Auffahrt anhĂ€lt. Cecily gibt mir rasch einen Kuss auf die Wange und klettert von der RĂŒckbank. Ich folge ihr, umarme meine Mutter und bekomme von Dad einen flĂŒchtigen Kuss auf die Wange, bevor ich mich auf den Fahrersitz setze.

Mein Vater blickt auf mich herab. »Und jetzt fahr vorsichtig, mein KĂ€ferchen. Bei dem schönen Wetter heute sind 'ne Menge Leute unterwegs.« Er hebt eine Hand, um seine Augen gegen die Sonne zu schĂŒtzen, und blinzelt.

Es ist der sonnigste Tag, den es seit langer Zeit in Hampstead ge- geben hat. Bisher war es zwar heiß, aber die Sonne hat sich nicht gezeigt. Ich nicke und verspreche meinem Vater, vorsichtig zu fahren.

Ich warte, bis ich unsere Wohngegend hinter mir gelassen habe, ehe ich den Radiosender wechsle und Richtung Stadtzentrum fahre. Ich drehe die LautstĂ€rke auf und singe die Songs mit. Ich hoffe, dass ich in jedem der drei LĂ€den etwa drei Eimer Farbe bekomme. Wenn ich ĂŒberall nur einen kriege, bin ich auch zufrieden, aber eigentlich will ich drei, denn dann haben wir genug, um alles zu streichen.

Das erste GeschÀft, Mark's Paint and Supply, ist das billigste in der ganzen Stadt. Mark, der Inhaber, hat in unserer Gegend einen echt guten Ruf, und ich freue mich, ihn mal kennenzulernen. Ich stelle den Wagen auf dem beinahe leeren Parkplatz ab; nur ein metallicrot lackierter Oldtimer und ein Minivan parken auf der gesamten FlÀche. Das GebÀude ist alt und besteht aus Holzbalken und instabilen TrockenbauwÀnden.

Das M auf dem verbeulten Ladenschild kann man kaum noch lesen. Als ich die HolztĂŒr öffne, quietscht sie, und eine Glocke erklingt. Eine Katze springt von einem Karton herunter und landet direkt vor mir. Kurz streichle ich das FellknĂ€uel, dann steuere ich auf die Kasse zu.

Innen wirkt der Laden genauso unordentlich wie von außen, und durch das ganze GerĂŒmpel sehe ich den Jungen hinter der Kasse erst gar nicht und erschrecke. Er ist groß und breitschultrig und sieht aus wie jemand, der seit Jahren Sport treibt.

»Mark ...«, sage ich und komme ins Stocken, weil mir sein Nachname nicht gleich einfÀllt. Alle nennen ihn immer nur Mark.
»Ich bin Mark«, sagt eine Stimme hinter dem athletisch wirken- den Jungen.

Ich beuge mich zur Seite und sehe noch einen Jungen, der auf einem Stuhl hinter der Kasse sitzt, ganz in Schwarz gekleidet. Er ist viel schlanker als der andere, und trotzdem strahlt er irgendetwas aus, das ihn grĂ¶ĂŸer wirken lĂ€sst. Sein Haar ist dunkel und an den Seiten lang, und eine StrĂ€hne hĂ€ngt ihm in die Stirn. Auf den Armen hat er Tattoos, die aussehen wie zufĂ€llig verstreute schwarze Tintenflecke in einem Meer gebrĂ€unter Haut.

Eigentlich sind Tattoos nicht mein Ding, aber statt ihn kritisch zu beĂ€ugen, denke ich nur, dass alle außer mir schon braun sind.
»Stimmt nicht, ich bin Mark«, sagt eine dritte Stimme.

Ich blicke auf die andere Seite und sehe einen Jungen von mittlerer GrĂ¶ĂŸe, schmĂ€chtigem Körperbau und mit einem extrem dichten Igelschnitt. »Allerdings bin ich Mark junior. Wenn du meinen alten Herrn suchst: Der ist heute nicht hier.«

Der dritte Junge hat auch ein paar TĂ€towierungen, die aber systematischer angeordnet sind als bei dem mit den wilden Haaren, und er hat ein Piercing in der Augenbraue. Mir fĂ€llt ein, dass ich meine Familie mal gefragt habe, was sie davon halten wĂŒrde, wenn ich mir den Bauchnabel piercen lassen wĂŒrde, und ich muss heute noch lachen, wenn ich an ihre entsetzten Gesichter denke.

»Er ist der nettere von den beiden Marks«, sagt der Junge mit den wilden Haaren langsam und mit tiefer Stimme. Er lĂ€chelt, und in seinen Wangen erscheinen zwei schöne, tiefe GrĂŒbchen.
Ich lache, habe aber den Verdacht, dass seine Behauptung nicht mal annÀhernd stimmt. »Irgendwie bezweifle ich das«, necke ich ihn. Jetzt lachen alle, und mit einem LÀcheln auf den Lippen kommt Mark Jr. auf mich zu.

Der Typ, der auf dem Stuhl gesessen hat, steht auf. Er ist so groß, dass seine PrĂ€senz jetzt noch intensiver wirkt. Er kommt nĂ€her und ragt vor mir auf. Er sieht gut aus, sein Gesicht verrĂ€t StĂ€rke. Eine kantige Kieferpartie, dunkle Wimpern, dichte Augenbrauen. Seine Nase ist schmal, die Lippen sind hellrosa. Ich starre ihn an, und er starrt zurĂŒck.

»Hast du einen bestimmten Grund, warum du meinen Dad sprechen willst?«, fragt Mark.
Als ich nicht sofort antworte, blicken Mark und der sportliche Junge zwischen mir und ihrem Freund hin und her.

Ein bisschen verlegen, weil sie mich beim Starren erwischt haben, komme ich wieder in die Gegenwart zurĂŒck und sage meinen Spruch auf. »Ich komme von der Hampstead Baptist Church und wollte mal fragen, ob ihr uns Farbe oder anderes Material spenden wĂŒrdet. Wir gestalten unsere Kirche neu und sind dafĂŒr auf Spenden angewiesen ...«

Ich schweige, weil der charmante Typ mit den rosa Lippen inzwischen ein GesprÀch mit seinen Freunden angefangen hat und sie so leise reden, dass ich nichts verstehen kann. Dann verstummen sie, und alle drei Jungs starren mich an - drei lÀchelnde Gesichter nebeneinander.
Mark redet als Erster. »Das machen wir natĂŒrlich gern«, sagt er. Sein LĂ€cheln erinnert mich irgendwie an eine Katze. Ich kann nicht genau sagen, warum. Ich lĂ€chle zurĂŒck und will schon anfangen, mich bei ihm zu bedanken.

Er wendet sich an seinen Freund, der ein riesiges Schiffstattoo auf dem Bizeps hat. »Hardin, wie viele Eimer stehen da hinten?«
Hardin? MerkwĂŒrdiger Name, den habe ich noch nie gehört.

Die schwarzen Ärmel von diesem Hardin bedecken kaum die untere HĂ€lfte des hölzernen Schiffs. Es ist gut gemacht; die Details und Schattierungen sind sehr schön gelungen. Als ich ihm ins Gesicht und einen Herzschlag lang auf die Lippen blicke, spĂŒre ich, dass meine Wangen ganz heiß werden. Er sieht mich direkt an und bemerkt, wie prĂŒfend ich ihn betrachte. Ich sehe, dass sich Mark und Hardin Blicke zuwerfen, kann Marks Geste aber nicht deuten.

»Wie wÀr's mit 'nem Vorschlag?«, fragt Mark und deutet mit einem Kopfnicken auf Hardin.
Das klingt interessant. Dieser Hardin scheint lustig zu sein, ein bisschen neben der Spur, aber bis jetzt gefÀllt er mir. »Und der wÀre?« Ich spiele mit einer HaarstrÀhne und warte ab.
Hardin sieht mich immer noch an. Irgendwie hat er etwas Vorsichtiges an sich. Ich kann es auf der anderen Seite des kleinen Ladens spĂŒren und merke, dass ich sehr neugierig auf diesen Typ bin, der sich furchtbar anstrengt, um knallhart zu wirken.

Innerlich zucke ich zusammen, als ich mir vorstelle, was meine Eltern von ihm halten wĂŒrden, wie sie reagieren wĂŒrden, wenn ich ihn mit nach Hause brĂ€chte. Meine Mom findet Tattoos ganz schlimm, aber ich bin mir da nicht so sicher. Auch wenn sie mir nicht unbedingt gefallen, habe ich das GefĂŒhl, man kann durch sie etwas von sich selbst ausdrĂŒcken, und darin liegt eigentlich immer eine gewisse Schönheit.

Mark kratzt sich das glatte Kinn. »Wenn du zweimal mit meinem Freund Hardin hier ausgehst, gebe ich dir vierzig Liter Farbe.«

Ich blicke zu Hardin hinĂŒber, der mich taxiert, wĂ€hrend ein Grinsen seine Lippen umspielt. So schöne Lippen. Seine leicht feminin wirkenden GesichtszĂŒge machen ihn attraktiver als seine schwarzen Klamotten oder das strubbelige Haar. Ich frage mich, ob es das ist, worĂŒber sie flĂŒstern. Dass Hardin mich mag?

WĂ€hrend ich noch darĂŒber nachdenke, erhöht Mark den Einsatz: »Egal, welche Farbe. Finish deiner Wahl. Aufs Haus. Vierzig Liter.«
Er ist ein guter VerkÀufer.

Ich schnalze mit der Zunge. »Nur ein Date«, kontere ich. Hardin lacht; es klingt, als wĂŒrde sich etwas lösen, und die GrĂŒbchen in seinen Wangen vertiefen sich. Okay, er ist verdammt scharf. Ich kann nicht fassen, dass ich nicht gleich beim Reinkommen gemerkt habe, wie scharf er ist. Ich war so auf die Farbe fixiert, dass mir kaum aufgefallen ist, wie grĂŒn seine Augen im Neonlicht wirken.

»Ein Date ist okay.« Hardin schiebt eine Hand in die Hosentasche, und Mark sieht den Typen mit dem Igelschnitt an.

Ich fĂŒhle mich, als hĂ€tte ich einen Sieg errungen, weil ich erfolgreich gefeilscht habe. Also lĂ€chle ich nur und zĂ€hle die Farben auf, die ich fĂŒr die BĂ€nke, die WĂ€nde und die Treppen brauche. Und die ganze Zeit ĂŒber tue ich so, als wĂŒrde ich mich nicht auf mein Date mit Hardin freuen, dem vorsichtigen Jungen mit den zerzausten Haaren, der so unschuldig und schĂŒchtern ist, dass er bereit ist, vierzig Liter Farbe gegen ein einziges Date einzutauschen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Before us"

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Heyne-Verlag
Aus dem Amerikanischen von Sabine Schilasky, Anja Mehrmann
Originaltitel: Before
Originalverlag: Gallery Books
Paperback, Klappenbroschur, 400 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-41969-8

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