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Die Einzigen, die in Hamburg nett zu mir waren, waren zwei türkische Blumenverkäufer

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GEMUESE
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"Wie viel macht das?", frage ich noch einmal und beuge mich weiter vor. Durch das laute Prasseln der Regentropfen muss ich mich wohl verhört haben.

"Vier Euro", sagt Mustafa und hält die Hand auf. Völlig fassungslos blicke ich auf den Blumenstrauß, den er mir gerade über den Tisch gereicht hat.

"Das habe ich echt noch nie erlebt", murmle ich und reiche ihm einen Fünf-Euro-Schein. Dann trotte ich mit meinen Blumen durch den Regen von dannen.

Ich habe schon in vielen Städten gewohnt, aber nirgends ist es mir so schwer gefallen, Fuß zu fassen, wie in Hamburg*.

Mein Job hat mich frustriert, das Wetter hat mir den letzten Nerv geraubt und egal, wie sehr ich mich bemüht habe, es ist mir in dem ganzen Jahr, dass ich dort gelebt habe, nicht gelungen, Freunde zu finden. Kurz gesagt: Mein Leben war ziemlich trist.

Also habe ich versucht, mich auf die kleinen Freuden des Alltags zu konzentrieren. Ein Croissant vom französischen Café an der Ecke zum Frühstück, ein Malbuch für Erwachsene, und hin und wieder ein schöner Strauß Blumen.

Frust in Hamburg

So bin ich eben an jenem Montagabend in Mustafas Blumen-Pavillon gelandet.

Ich hatte Blumen nötiger denn je. Meine Mutter hatte mir am Telefon schlechte Nachrichten überbracht und ich stand ein wenig neben mir.

Was ich nicht ahnte, als ich den Laden betrat: Ich würde dort mehr finden als nur Pflanzen. Ich würde einen der wenigen Augenblicke in Hamburg erleben, in denen ich mich angenommen und angekommen fühlte.

Der Blumendeal meines Lebens

Mustafas Familie stammt aus der Türkei. Er hat den Laden vor einigen Jahren von seinem Vater übernommen, als dieser schwer krank wurde. Mustafa hat sein Abi geschmissen, um das Geschäft weiterzuführen, weil er wusste, dass es seinem Vater das Herz brechen würde, wenn er verkaufen müsste.

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Mustafa tut viel für seinen Laden und für den Vater, hat sechs Tage die Woche von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Manchmal kommen Aushilfen, aber das Meiste stemmt er alleine. Es kommt schonmal vor, dass er weit über 60 Stunden die Woche arbeitet.

An jenem Montagabend wollte ich eigentlich bloß zwei Sonnenblumen bei ihm mitnehmen. Aber er bestand darauf, das Bündel noch etwas auszuschmücken. "Welkt ja sonst eh nur, wenn es bei mir noch länger steht", sagte er mit einem Augenzwinkern. Und verkaufte mir den ganzen Blumenstrauß für vier Euro.

Für vier Euro hätte ich in jedem der anderen Blumenläden in dieser teuren Stadt gerade Mal eine Handvoll Efeu bekommen. Ein ganzer Strauß hätte mich locker 15 bis 20 Euro gekostet.

"Wieso willst du Sonnenblumen kaufen?"

Ich bin immer einmal wieder in den Blumen-Pavillon gegangen. Nicht wegen der Preise wegen, sondern weil ich nach einem Besuch dort oft glücklicher war als die ganze Woche zuvor.

"Wieso willst du Sonnenblumen kaufen", raunte mich Mustafas Aushilfe, ein älterer Türke mit Glatze einmal an, bevor er in sanftem Ton hinzu fügte: "Du bist doch selbst schon eine" - er hatte wohl den traurigen Blick in meinem Gesicht gesehen und wollte mich aufheitern.

Ein anderes Mal hatte ich bloß noch zwei Euro im Geldbeutel, weil die Bank nach den G20-Krawallen für längere Zeit geschlossen war. Der ältere Verkäufer überlegte lang mit mir zusammen, in welche Blumen ich das Geld am besten investieren sollte. Er behandelte mich nicht schlechter, nur weil ich weniger Geld ausgeben wollte.

Als ich einmal in einem anderen Blumenladen Mühe hatte mich zu entscheiden, reagierte die Verkäuferin genervt und ließ mich stehen, bis ich wusste, was ich wollte.

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Überall gibt es einen Mustafa

Mein Kollege Tobias Böhnke hat es vor Kurzem auf den Punkt gebracht: Es gibt viele dieser Menschen, die man eigentlich nicht richtig kennt. Nur beiläufig. Die aber dafür sorgen, dass das Leben lebenswerter ist. In Tobias' Fall war es sein Dönermann Ali. Bei mir war es mein Blumenverkäufer Mustafa.

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Gut möglich, dass es Zufall war, dass uns beiden ausgerechnet Menschen mit Migrationshintergrund dieses Lächeln geschenkt, dieses Gefühl von zu Hause gegeben haben. Engel gibt es - genauso wie Idioten - überall, in allen Schichten, Ländern, Altersgruppen.

Gut möglich ist aber auch, dass es nicht nur Zufall war. Vielleicht haben Menschen, die selbst zur Zielscheibe der Rassisten und Ausgrenzer gehören, feinere Antennen für Leute, denen es gerade nicht so gut geht.

Ich glaube, es gibt überall einen Mustafa. Oder einen Ali. Oder einen Peter. Menschen eben, die einem das Gefühl von Zuhause geben.

Man muss nur zulassen, dass man sie findet.

*Die Autorin dieses Blogs möchte klarstellen, dass Hamburg eine tolle Stadt ist. Für sie persönlich war es nur einfach nicht der richtige Wohnort. Sie lebt jetzt in München und ist dort sehr glücklich.

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