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Lasst eure Kinder an die Smartphones! Ein Plädoyer für medienkompetente Kinder

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KINDER
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Digitale Kindheit: In welchem Alter sollten Kinder Smartphones haben? Wie wichtig ist es, früh zu lernen, wie Computer funktionieren? Und: Sind Computerspiele nun schädlich - oder gar nützlich? Diese Fragen machen viele Eltern hilflos.

Das will die HuffPost ändern. Wir haben Experten aus allen relevanten Bereichen gesprochen. In Interviews, Analysen und Blogs werden wir das Thema in der aktuellen Themenwoche behandeln.

Aber wir wollen auch eure Meinungen dazu veröffentlichen - wie bringt ihr euren Kindern den klugen Umgang mit den Medien bei? Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de

Heute geht es um die Medienkompetenz unserer Kinder und was wir dafür tun können. Ich schrieb ja schon einmal darüber, wie ich mich um einen vernünftigen Umgang mit Medien im Leben meiner Kinder bemühe. Heute gehe ich noch einen Schritt weiter.

Dieser Tage sprang mich ein Artikel in der Huffington Post an, in dem jegliche mobilen Endgeräte für alle Kinder unter 12 Jahren verteufelt werden, ja, wo die Verfasserin sogar so weit geht, ein gesetzliches Verbot von Handys, Tablets und mobilen Spielkonsolen zu fordern. Am liebsten würde sie auch stationäre Geräte wie Fernseher und Computer grundsätzlich für Kinder unzugänglich machen.

Sie führt auch jede Menge Argumente auf, zitiert Studien über Fettleibigkeit bei Kindern und macht sich um deren Gehirnentwicklung Sorgen. Sie stellt den Gebrauch jeglicher digitaler Medien durch Kinder und Jugendliche grundsätzlich in den Zusammenhang mit deren Verderben: Bestimmte Gehirnregionen werden sich nie entwickeln, sie werden adipös und abgestumpft, sie werden unfähig sein, echte soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen, sie werden an ADHS und Diabetes erkranken und irgendwann werden sie Call of Duty spielen und dann Amok laufen. Alle.

Ich übertreibe bei meiner Interpretation, natürlich. Aber das tut meiner Meinung nach die Autorin dieses Artikels auch. Denn unsere Kinder wachsen längst in eine ganz andere Ära hinein und wir ziehen eine neue Generation Digital Natives groß, die uns sehr wahrscheinlich bei der aktuellen rasanten Entwicklung digitaler Technologien diesbezüglich in kürzester Zeit überholt haben wird. Für uns und unsere Kinder kann sich heutzutage die Frage gar nicht mehr stellen, OB sie in Kontakt mit digitalen Medien kommen, sondern lediglich die Frage, WANN es so weit ist und WIE dieser Kontakt gestaltet wird.

Wir sind uns einig, dass es nicht altersgerecht wäre, ein beispielsweise zweijähriges Kind den ganzen Tag wahllos fernsehen oder es unkontrolliert mit Tablet oder Handy spielen zu lassen. Aber darum geht es in dem zitierten Artikel ja auch gar nicht. Da wird nicht für geregelten Umgang mit digitalen Medien plädiert, sondern es wird ein generelles Verbot gefordert. Bis die Kinder 12 sind. Die Möglichkeit, bis zu diesem Alter ihre Medienkompetenz zu stärken und zu fördern, kommt überhaupt nicht vor.

Wie stellt sich die Autorin denn den Kontakt mit Medien vor? Das Kind wird zwölf Jahre im digitalen Rapunzelturm eingesperrt und bekommt an seinem zwölften Geburtstag dann ein Smartphone in die Hand gedrückt? Viel Spaß im schönen Internet? Das ist so, als würde man Jugendliche mit Beginn der Pubertät einzeln auf einsamen Inseln aussetzen, um Teenagerschwangerschaften zu verhindern und sie mit dreiundzwanzig erst wieder aufeinander loslassen. Ich gebe zu, es klingt verlockend.

Aber sie würden niemals eingeübt haben, wie sie verantwortungsvoll miteinander umgehen sollen, was ihre Gefühle bedeuten könnten, wie sie ihr eigenes oder fremdes Begehren bewerten sollen und wer sie überhaupt sind im Kontakt mit anderen. Sie würden dem ersten Deppen anheim fallen, der ihres Weges käme, weil sie nichts darüber wüssten, wie sie das Verhalten von anderen deuten können oder was sie für sich daraus machen.

In der Isolation hätten sie nämlich niemals die Chance gehabt, sich in einem einigermaßen sortierten System auszuprobieren, mit vertrauten Erwachsenen und Gleichaltrigen um sie herum, die ihnen Feedback geben und die sie auch mal an der Hand nehmen. Sie würden in etwas hineingeworfen, das ihnen völlig fremd wäre und sie komplett überfordern würde, weil sie nie zuvor die Chance hatten, in kleinen Schritten hinein zu wachsen.

Genauso ist es mit den digitalen Medien. So ist es mit allen Dingen, die sich entwickeln und mit denen wir den Umgang erlernen müssen in unserem Leben. Das gilt für Fernsehen und Internet genauso wie für Zucker und Junkfood. Es gibt diese Dinge nun mal und wir können nur einen maß- und verantwortungsvollen Umgang damit lernen, wen wir diesen Umgang einüben. Deshalb bin ich gegen den digitalen Rapunzelturm und für das Fördern der Medienkompetenz unserer Kinder.

Bis sie zwölf sind, sollten sie nicht nur wissen, was es an digitalen Medien und mobilen Endgeräten gibt, sie sollten auch eine Idee davon haben, wie sie verantwortungsvoll damit umgehen und sie für sich nutzen können.

Bis zum zwölften Geburtstag unserer Kinder müssen wir Eltern meiner Meinung nach deshalb...

1. ... unsere Kinder in altersgerechten Portionen an digitale Medien heranführen und sie in einem geschützten Rahmen damit experimentieren lassen. Das bedeutet, dass wir uns damit beschäftigen müssen, was in welchem Alter für unsere Kinder geeignet ist und was nicht. Wir müssen Entscheidungen darüber treffen und diese Entscheidungen immer wieder überprüfen. Wir sind in der Pflicht und in der Verantwortung, ihnen Zugang zu gewähren und sie zu begleiten. Dafür müssen wir uns gut informieren und Position beziehen, denn unsere Kinder haben viele Fragen.

2. ... unseren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Mediennutzung vorleben. Wenn wir unseren Kindern glaubwürdig vermitteln wollen, dass es sich lohnt, in der echten Welt zu leben und die virtuelle Welt von Fernsehen, Internet und Spiel-Konsole nicht zu wichtig und zu vereinnahmend werden zu lassen, müssen wir die Beispiele dafür sein. Dabei helfen klare Regeln im Umgang mit mobilen Endgeräten, an die sich alle halten müssen - auch die Eltern. Denn die digitalen Medien sind für uns da, nicht wir für sie.

3. ... unsere Kinder bei ihren Entdeckungstouren begleiten. Wir müssen wissen, was sie spielen, wir müssen mit ihnen ausprobieren, was sie interessiert und ihnen die Fragen beantworten, die aufkommen. Genauso, wie wir mit ihnen im Wald spazieren gehen und ihnen dort die Tier- und Pflanzenwelt zeigen, müssen wir mit ihnen auf die virtuellen Erlebnisreisen gehen.

Genauso, wie wir mit ihnen Radfahren üben, bis wir eines Tages den Sattel loslassen können, damit sie alleine und selbständig fahren können, müssen wir ihnen zur Seite stehen, wenn sie sich diese Welt erschließen und ihnen zeigen, wie sie sich sicher darin bewegen können.

4. .... klare und konsequente Regeln aufstellen, die den Kindern einen Rahmen bieten, in dem sie sich sicher bewegen können. Bei uns heißt das beispielsweise: keine Handy/Tablets/Spielkonsolen/TV-Geräte in den Kinderzimmern. Alles, was sie herausfinden, spielen oder erleben wollen, müssen sie im Familienwohnzimmer tun. Es gibt feste Bildschirmzeiten je nach Alter des jeweiligen Kindes (wir stellen einen Timer ein, der ein Signal gibt, wenn die Zeit um ist), die in der Regeln nicht überschritten werden.

Das Familienleben wie gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche, Lese- und Bastelzeit wird niemals der Bildschirmzeit eines Kindes untergeordnet sondern hat immer Priorität. Keine Geräte am Tisch und bei den Mahlzeiten, kein Gerät ist je wichtiger als der Kontakt miteinander. Die Regeln sind einfach und können auch für jüngere Kinder sehr leicht nachvollziehbar erklärt werden. Dabei geht es immer um die Qualität des Zusammenlebens, nicht um Machtausübung aus Prinzip.

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5. .... glaubwürdig ein qualitätvolles "Reallife" mit unseren Kindern leben. Lesen, spielen, singen, spazieren gehen, kochen, basteln, Dinge erleben, einfach Zeit gemeinsam verbringen - das ist das echte, richtige, lebendige Erleben, das wir als Familie miteinander haben. Wenn das schön ist, wird eine virtuelle Welt niemals nachhaltig schöner sein. Kinder haben eine natürliche Neugier und eine ungeheure Lust am Tun - wenn wir die weiter beantworten und mit ihnen ausleben, wird sie das prägen und durch Zeiten tragen, in denen vielleicht der Sog der virtuellen Welt besonders stark ist.

6. ...unseren Kindern etwas zutrauen! Unsere Kinder sind schlau und neugierig - und sie sind kritisch. Sie sind keine stumpfen Konsumenten, die beliebig mit digitaler Information gefüttert werden können und alles kritiklos schlucken. Sie hinterfragen die Dinge, sie wollen wissen, wie die Welt sich dreht und sie brauchen es, dass wir sie begleiten, ohne sie dabei zu behindern. Sie brauchen es, dass wir ihnen Leine geben, immer ein bisschen mehr und ihnen zeigen, dass wir ihnen zutrauen, in diese neue Welt hineinzuwachsen.

7. ... weiterhin unserer Pflicht nachkommen, für die gesunde und ausgewogene Ernährung unserer Kinder zu sorgen und den Ausgleich zwischen in der Bude hocken und Bewegung an der frischen Luft herzustellen. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder nicht vor irgendwelchen Geräten abstumpfen, denn wenn das passiert, sind nicht die Geräte daran Schuld, sondern diejenigen, die die Verantwortung für das Kind tragen: die Eltern.

8. ... die Hobbys und Lieblingssportarten unserer Kinder fördern und begleiten, denn ein Kind, das regelmäßig seinen Lieblingssport oder sonstiges Hobby betreibt und für das das ein wichtiger Faktor in seinem sozialen Leben ist, wird damit nicht plötzlich aufhören und als chipsfressender Zombie stundenlang vor der Wii hängen - es sei denn, ich als Mutter lasse das kommentarlos und tatenlos zu.

9. ... auf unser Expert*innenwissen vertrauen und uns als Autoritäten für unsere Kinder begreifen. Wir sind die Expert*innen für unsere Kinder, niemand sonst. Wenn ich der Meinung bin, für mein Kind sind 20 Minuten Fernsehen/Tablet/etc. genug, das Nachbarskind darf aber 90 Minuten schauen oder spielen, dann ist das eben so. Ich kenne mein Kind am besten und muss nur für dieses Kind entscheiden, was richtig und was nicht gut für es ist.

Diese Entscheidung sollte ich selbstbewusst treffen und konsequent durchhalten, meinem Kind aber auch den fragenden Nachbarn gegenüber.

10. ... das Vertrauensverhältnis zu unseren Kindern im Zentrum unserer Aufmerksamkeit behalten, auch wenn es um möglicherweise beängstigende Themen geht. Wenn ich meinem Kind vertraue und mein Kind vertraut mir, wenn wir einander begleiten und uns in einem Gleichgewicht von Privilegien und festen Regeln befinden, dann wird selbst mit Tiefschlägen oder Fehlentscheidungen nichts so wirklich schief gehen.

Und wer sich und sein Kind über diese einfachen Regeln hinaus sicher ins Internet entlassen möchte, kann sich kindersicherer Browser und Suchmaschinen wie beispielsweise fragfinn.de bedienen. Zum Thema Cybersafety gibt es Sessions für Schulklassen (ich bin der Meinung, das sollte fest im Lehrplan integriert werden) sowie z.B. vom Kinderschutzbund entwickelte Spiele, die sich gezielt mit der Thematik auseinandersetzen. Jakob und die Cyber-Mights ist ein Beispiel dafür. Ich empfehle darüber hinaus die Seite medienbewusst.de, die sich mit allen Aspekten der Medienkompetenz unserer kleinen Digital Natives auseinandersetzt. Der Artikel über Sicherheit im Internet und welche Maßnahmen Eltern und Kindern wirksam helfen, hat mich persönlich besonders überzeugt.

Ich verstehe alle Ängste, die Eltern bezüglich des Umgangs ihrer Kinder mit digitalen Medien haben und ich stehe selbst erst am Anfang mit meiner Haltung dazu. Und auch ich denke, dass wir unsere Kinder beschützen müssen, ja. Aber wir können das nicht tun, indem wir sie in einem analogen Vakuum großziehen, in der Hoffnung, damit Schaden von ihnen abzuwenden.

Wir müssen unsere Kinder schützen, indem wir sie aktiv in den verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien begleiten und ihnen zeigen, was diese Medien für uns tun können. Wir müssen ihre Kompetenzen stärken, wie in allen anderen Bereichen auch und für sie da sein, wenn sie Fragen oder Probleme haben. Das gilt fürs analoge wie fürs digitale Leben.

Medienkompetenz ist wichtig für unsere Kinder. Sie brauchen sie, sie müssen sie erlernen, sie müssen sie einüben. Und wir müssen sie darin unterstützen, nicht sie behindern. Ich finde, das ist unser Job. Wir sind ihre Eltern - wer außer uns sollte diesen Job wohl machen?

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