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"Ich war monatelang im Gefängnis" - wie es sich anfühlt, an einer Wochenbettdepression zu erkranken

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MOTHER SAD NEWBORN
Westend61 via Getty Images
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Meine Tochter war ein Wunschkind und ich eine glückliche Schwangere. Ich war im Geburtsvorbereitungskurs, habe viele Bücher gelesen und alles für sie vorbereitet. Auch die Geburt war komplikationslos. Alles lief nach Plan.

Doch dann ging das Drama los.

Plötzlich fühlte ich mich wie im Gefängnis. Wie eingesperrt. Ich hatte zu nichts mehr Lust. Wollte das Haus nicht mehr verlassen. Ich bekam kaum Schlaf. Erkannte mich nicht wieder und fragte ständig: Wie bist du nur auf die Idee kommen, dass Mamasein schön ist? Denn für mich war jeder Tag schrecklich, seit mein Kind da war.

Eines Nachts hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Denn ich war am Ende meiner Kräfte. Mein Mann wusste nicht mehr, wie er mir helfen kann und schleppte mich in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses. Dort wurde mir gesagt, dass ich eine Wochenbettdepression habe.

Doch wie kam es dazu? Wochen zuvor lag ich im Krankenhaus und hielt meine Tochter erschöpft und glücklich in den Armen. Mir ging es richtig gut. Wir gingen sogar am selben Tag nach Hause. Nach zwei Tagen musste ich allerdings wieder zurück ins Krankenhaus, weil meine Tochter an Gelbsucht erkrankte.

Meine Tochter schrie sehr viel

Sie kam in einen speziellen Kasten mit Phototherapielampe. Alle vier Stunden musste ich ihr die Flasche geben - Tag und Nacht. Mein Milcheinschuß wollte sich nicht einstellen. Die Schwestern führten über die Trinkmenge Protokoll. Sonst durfte ich sie nicht rausnehmen. Wir konnten nicht kuscheln, um diese erste wichtige Bindung aufzubauen. Zudem stand ich enorm unter Druck und konnte nachts kaum schlafen.

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Nach vier Tagen durften wir nach Hause. Meine Tochter wurde immer unruhiger und schrie sehr viel. Sie schlief weder im Kinderwagen, noch im Tragetuch. Ich hatte kaum die Möglichkeit selbst zu schlafen. Und das über viele Wochen.

Ich konnte mit meiner Tochter nicht das Haus verlassen, weil ich das Gaffen und Gerede vermeiden wollte. Geht mal mit einem schreienden Kind eine Stunde einkaufen. Alle drehen sich nach dir um und signalisieren dir: Mach doch was!

Ich erschrak vor meinen Gedanken

Aber ich konnte nichts machen. Sie ließ sich nicht beruhigen. Also sperrte ich mich zu Hause ein. Ich funktionierte nur noch. Und sobald ich mich hinlegte, ging das Gedankenkarussell los.

Wie konntest du so blöd sein, ein Kind zu bekommen? Warum erzählen alle anderen Mamas, dass es so schön ist, ein Kind zu haben? Was ist das hier für ein Mist? Wird das immer so weitergehen?

Wenn das Geschrei wieder losging, hätte ich gerne die Uhr zurückgedreht und mein altes Leben wieder zurück gehabt. Ich hätte mein Kind am liebsten abgegeben.

Ich schämte mich für meine Gedanken und wusste: Was sich bei dir im Kopf abspielt, ist grenzwertig.

Meine Hebamme hat nichts gemerkt

Ich war fix und fertig. Traute mich aber nicht, ganz offen über meine Gefühle zu sprechen. Selbst vor meiner Hebamme, die mich im Wochenbett betreut hat, war es mir unangenehm, dass ich solche Gedanken hatte.

Meine Hebamme begleitete mich über acht Wochen. In dieser Zeit wurde mein Zustand immer schlechter. Ich war am Ende meiner Kräfte, erzählte ihr, dass ich kaum noch schlafe, da meine Tochter so unruhig ist und viel schreit.

Mehr zum Thema: Nicht einmal meine engsten Freunde wussten, dass ich unter einer Wochenbettdepression litt

Sie gab mir die Nummer einer Schreiambulanz - dort werden Eltern mit Schreibabys beraten. Dort mussten wir lange auf einen Termin warten. Als ich dann schließlich doch einen Termin bekam, stellte sich heraus, dass meine Tochter eine Blockade in der Wirbelsäule hat, die bei der Geburt zustande kam. Dadurch kann sie sich nur schwer entspannen und war so unruhig. Immerhin gab es einen Grund.

Wir begannen eine Therapie und meine Tochter schlief zumindest anfangs eine halbe Stunde am Stück, was sich immer mehr verbesserte. Das war ein Anfang. Mir ging es trotzdem nicht besser. Es war zu spät. Ich war an einer Depression erkrankt - wusste aber nichts davon.

Meine Mutter schlug Alarm

Selbst meiner Mutter kam mein Zustand komisch vor. Deshalb rief sie heimlich meine Hebamme an und sagte ihr: Ich glaube da stimmt was nicht - ich erkenne meine Tochter nicht wieder. Doch meine Hebamme sah das nicht so und ignorierte den Zustand weiter.

Ich verstehe einfach nicht, warum es ihr nicht aufgefallen ist. Sie muss doch ein Auge darauf haben. Immerhin erkranken 10 bis 20 Prozent der Mütter an einer Wochenbettdepression, wie ich später erfuhr.

In den ersten Wochen begleiten Hebammen frischgebackene Mütter sehr intensiv. Sie sprechen mit ihnen über Gefühle, Ängste, Sorgen. Meiner Hebamme hätte es auffallen müssen. Oder sie hätte einfach mal nachfragen können. Vielleicht wäre es dann nicht soweit gekommen.

Doch dann kam der Zusammenbruch. Ich habe nur noch auf dem Küchenstuhl gesessen und hatte zu nichts mehr Lust. Ich wollte nur noch, dass sich mein Leben ändert. Am 15. Juni war es dann soweit.

Mein Mann erzählte mir im Nachhinein, dass ich nachts stundenlang mit den Füßen über das Bettlaken gewischt und dabei nur geweint habe. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Morgens hat er dann zu mir gesagt: Du ziehst dich jetzt an und wir fahren in die Klinik.

Dort wurde dann eine hochgradige Depression festgestellt. Da ich nicht in der Klinik bleiben wollte, suchten wir einen Arzt der mich ambulant behandelt. Dabei half uns keiner. Ich fühlte mich während dieser ganzen Zeit oft allein gelassen. Von meiner Hebamme. Von Ärzten. Von dem ganzen System.

Schließlich fand ich einen Arzt, der mich verstand und medikamentös richtig einstellte. Außerdem begann ich eine Gesprächstherapie. Langsam ging es mir besser.

Dein Kind ist doch gesund, was hast du denn?

Von meinen Freunden wissen das nur sehr wenige - genau genommen zwei. Viele haben davon noch nie etwas gehört. Oder das Thema stößt auf Unverständnis und man muss sich Sprüche anhören wie: Dein Kind ist doch gesund, was hast du denn? Bei solchen Sätzen dachte ich mir: Haltet doch einfach nur die Schnauze!

Es ist immer noch ein Tabuthema. Selbst im Geburtsvorbereitungskurs wurde kaum darüber gesprochen. Über Babyblues schon. Aber nicht über Wochenbettdepression. Das muss sich ändern.

Mütter schämen sich für solche Gedanken. Sie sprechen nicht offen darüber. Gerade Hebammen haben hier einen enormen Einfluss. Denn sie sind in den ersten Wochen sehr nah an den Frauen dran.

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Deswegen: Liebe Hebammen, fragt eure Mütter, wie es ihnen geht. Lasst nicht locker. Klärt eure Frauen auf. Sie werden es euch danken.

Heute ist meine Tochter sieben Jahre alt. Wir haben eine enge Beziehung aufgebaut. Ich liebe sie sehr und bin dankbar, dass es sie gibt.

Der Beitrag wurde von Katharina Hoch verfasst und entstand in Kooperation mit Schatten und Licht e.V., einem Verein, der Frauen mit Wochenbettdepression hilft.

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