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Eine Mutter geht

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FATHER WITH CHILDREN WALKING HOLDING HANDS
IvanJekic via Getty Images
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Jekyll ist patent. Etwas chaotisch. Manchmal faul. Kreativ. Denkfreudig, mit Tendenz zum Grübeln. Locker, humorvoll und flexibel. Belastbar. Lebendig. Normalerweise geduldig.

Jekyll ist ein ganz normaler Mensch mit Ecken, Kanten und der ein oder anderen Macke. Ein Mensch, der weiß, wo die Grenzen sind.

Bis auf ein einziges Mal. Dann kam Hyde. Humorlos. Aggressiv. Schnell reizbar. Ungeduldig und völlig ohne Gelassenheit. Ständig gestresst. Kraftlos. Ohne Balance.

Hyde fühlt sich an wie ein Küchenmesser, das in feuchter Watte steckt. Jekyll ist eine Frau und heisst ***** Hyde ist dieselbe Frau und heisst „Mama". Diese Frau bin ich.

Ich wollte von Jugend an keine Kinder

Freunde/Freundinnen - gerade wenn sie selber Eltern/Mutter sind - sagten mir: „Das ist eine Phase. Das geht vorbei. Jeder ist mal erschöpft." Das mag für einen Großteil stimmen. Für mich stimmte es nicht.

Ich wollte von Jugend an keine Kinder. Und habe den Fehler begangen, diese Grenze nicht zu respektieren. In der Rückschau weiß ich: Ich war einfach naiv. Sich das einzugestehen, hat Zeit, Kraft und Mut gebraucht. Ehrlichkeit gegenüber sich selber ist nicht immer schön.

Die Geschichte fing normal an: Ich wurde geboren, wuchs auf, verliebte, verlobte, verheiratete mich und wurde schwanger. Doch mit dem ersten positiven Test kam der Teil von mir, den ich hier Hyde nenne.

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Hyde war der Teil, der zeigte, wie schlecht ich auf mich gehört habe. Hyde hoffte bei jeder einzelnen Schwangerschaft, dass das Baby im Leib verstirbt. Gleichzeitig saß ich über Hyde Gericht: So etwas darf man nicht denken.

Ich habe die Kinder geboren, habe mich gekümmert. Versucht zu sein, was ich nicht bin: Mama. Je länger ich gegen mich lebte, desto stärker brodelte der Hyde-Teil in der Tiefe von Seele, Herz, Hirn und Bauch. Jekyll verhinderte vermutlich Schlimmeres und ich bin froh darüber.

Das Beste, was ich letztlich tat: Die Trennung von Mann und Familie. Mein Ex-Mann erzieht die Kinder, kümmert sich, liebt sie über alles und macht das besser, als ich es jemals könnte. Ich bin ihm dankbar dafür.

Weil die Kinder Menschen sind, die in meinem Bauch gewohnt haben, bin ich oft und regelmäßig bei ihnen. Auch, weil sie an mir hängen. Mehr als umgekehrt.

Verlasse ich die Familienwohnung, hören die Kinder auf zu existieren

Ich finde Menschen toll. Verliebe mich, bin empathisch, habe Freunde und eine Arbeit, die mir gefällt und die ich gut mache. Ich finde die Vorstellung grauenvoll, dass ein Mensch jemandem Gewalt antut.

Ich verstehe auch nicht, dass Menschen andere Menschen als weniger wert betrachten und verurteilen. Genauso mag ich meine Kinder. Als Menschen in meinem Umfeld. Nicht mehr und nicht weniger.

Verlasse ich die Familienwohnung, hören die Kinder auf zu existieren. Mit dem Schließen der Tür denk ich praktisch nicht mehr an sie und vermisse sie auch nicht. Sie entfallen mir einfach.

Mit Freunden und sogar wildfremden Menschen, denen ich begegne, passiert mir das merkwürdigerweise nicht.

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Seit ich mich und Hyde von den Kindern getrennt habe, ist alles gut. Hyde ist nicht völlig verschwunden, doch Jekyll hat wieder Oberwasser. Ich bin in Balance. Weil von mir nichts mehr verlangt wird, was ich nicht leisten kann.

Ich habe keine innere Verbindung zu meinen Kindern. Ich mag sie einfach. Kann mit ihnen lachen, spielen oder sie in den Arm nehmen. Aber bitte nicht zu lange und nicht zu oft. Ich fühle mich als Tante. Wenn überhaupt.

Ich habe Kinder geboren, ohne zur Mutter bestimmt zu sein, und ich glaube nicht, dass ich damit alleine bin. Ich ziehe den Hut vor allen Frauen, die als Mütter leben. Vor allen Vätern, die ihr Recht einfordern, Väter sein zu dürfen.

Ich habe Mitleid mit den Frauen und Männern, denen Kinder verwehrt bleiben, obwohl sie es sich wünschen.

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Ich bin der Meinung, dass es sich viele Menschen in ihrer Vorstellung über Mutterschaft/Elternschaft zu einfach machen. Ich bin der Meinung, dass Frauen sehr gut auf sich hören sollten, bevor sie - aus welchen Gründen auch immer - etwas machen, das sie später bereuen.

Und ich bin überzeugt, dass das Mutterbild/Familienbild der Gesellschaft einen Druck aufbaut, dem sich viele Frauen und Männer nicht entziehen können. Auch, wenn sie es vielleicht besser tun sollten.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf "Tages-Anzeiger".

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