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Ich bin Mutter und litt unter Burnout - das war der Moment, als ich begriff, dass ich Hilfe brauchte

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BURNOUT MAMA
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Ich bin ein ziemlich perfektionistischer Mensch und möchte immer alles besonders gut machen. Deswegen wollte ich auch mein Leben als berufstätige Mutter besonders gut meistern.

Aber mir wurde schnell klar: Jedes Kind ist anders. Meine Tochter kam schnell mit einer Stunde Schlaf am Tag aus und hielt mich dann nachts auf Trab. Dadurch, dass ich weiterhin, wenn auch sehr reduziert, arbeitete, konnte ich den fehlenden Schlaf nicht nachholen und war ständig erschöpft.

Solange die Kinder klein sind, akzeptiert man diese Müdigkeit noch. Ich musste natürlich nachts raus, um das Baby zu stillen, aber so ist das eben, wenn die Kinder klein sind.

Zum Problem wurde das erst, als meine Kinder älter waren und ich beruflich wieder richtig loslegen wollte. Vorher war ich einfach müde, aber ich hatte noch kein Burnout. Für mich war das Burnout an dem Punkt da, als ich mir nicht mehr verzeihen konnte, dass ich müde bin.

Ich verspürte diesen inneren Druck, dass alles immer perfekt laufen musste

Als meine Kinder zwei und vier Jahre alt waren und meine jüngere Tochter in die Kita kam, habe ich gemerkt, dass es mir nicht gut geht. Ich verspürte diesen inneren Druck, dass alles immer perfekt laufen musste. Ich redete mir ein, dass ich, sobald die Kinder im Kindergarten sein würden, wieder voll in den Beruf einsteigen musste.

Mehr zum Thema: Leben als Mama mit Burnout: Ich war nicht mehr in der Lage, mich um meine Kinder zu kümmern

Ich hatte den Eindruck: Die anderen schaffen das doch auch. Ich verglich mich mit anderen Müttern und konnte mir selbst nicht zugestehen, wie schlecht es mir ging. Vielmehr sagte ich mir selbst: Stell dich doch nicht so an!

Ich baute also noch weiteren Druck auf mich selber auf, indem ich meine Gefühle und meine Erschöpfung als unberechtigt abtat. Schließlich fiel ich in eine regelrechte Erschöpfungsdepression. Ich musste immer häufiger weinen und hatte das Gefühl, es würde nie wieder besser werden. Ich konnte nicht mehr optimistisch in die Zukunft blicken.

Es fällt mir schwer, mich vom permanenten Druck der Leistungsgesellschaft freizumachen, in der wir leben. In sämtlichen gesellschaftlichen Formen kommt es mittlerweile auf Leistung und Selbstoptimierung an.

Lange Zeit war ich selbst auch voll und ganz Teil dieser Leistungsgesellschaft. Doch mit Kindern funktioniert das so einfach nicht mehr.

Der Druck kommt aber mehr von einem vagen Gefühl als von Außen

Denn bei Kindern leistet man nicht in einer messbaren Form, da geht es um Intuition, um Bauchgefühl und um ganz viel Liebe. Schließlich rechnet man nicht auf: Heute habe ich dreimal gestillt und fünfmal Windeln gewechselt.

Zeitgleich versucht man aber trotzdem, den Haushalt schick zu machen, selber gut auszusehen und im Beruf etwas zu leisten. Der Druck kommt aber mehr von einem vagen Gefühl als von Außen. Zu mir hat nie jemand gesagt, ich könne doch jetzt mehr arbeiten oder solle mal mein Haus ordentlich putzen. Ich dachte selbst, dass ich das müsste.

Allerdings besteht da auch immer noch eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen an Väter und Mütter. Mein Mann, der Freiberufler ist und daher auch viel unterwegs, hat immer sehr viel Lob bekommen, wenn er sich neben dem Beruf um die Kinder kümmerte.

Mehr zum Thema: Bekenntnis einer erschöpften Mutter

Bei mir als Frau schien das nach wie vor selbstverständlich, alles unter einen Hut zu bringen. Wenn eine Frau arbeitet oder beruflich unterwegs ist, muss sie selbst organisieren, wie die Kinder betreut werden. Das ist nach wie vor ihre Zuständigkeit. Zumindest habe ich das so erlebt.

Ich schämte mich so sehr

Einige meiner Freundinnen bekamen schon mit, dass es mir nicht gut ging. Die meisten dachten aber, ich sei einfach nur müde. Ich kann mich erinnern, wie ich meine Kinder von der Kita abholte und völlig apathisch herumsaß, anstatt zu sagen: Komm, jetzt zieh mal deine Schuhe an.

Ich habe mich einfach hingesetzt und habe gar nichts gedacht, denn ich war so fertig mit allem. Dass ich da so ruhig saß, wurde aber so gewertet, dass ich einfach eine ganz normale, gestresste Mutter bin.

Mein Mann hat zu dieser Zeit viel gearbeitet und merkte zwar, dass ich sehr müde war, begriff jedoch nicht das Ausmaß der Situation.

Der Punkt, an dem ich erkannte, dass es zu viel war, kam, als ich meine Kinder vor meiner Mutter anschrie. Meine Mutter war mir gegenüber nie laut geworden, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern.

In diesem Moment schämte ich mich so sehr. Mir wurde klar, dass ich etwas unternehmen musste, dass ich Hilfe brauchte. Ich fühlte, dass ich so keine gute Mutter für meine Kinder sein konnte, solange es mir so schlecht ging.

Ich merkte: Ich musste jetzt mal für mich selbst und meine Familie eintreten

Ich ging zu meinem Hausarzt, der mir sofort eine Überweisung zu einem Therapeuten ausstellte. Ich hatte es mir allerdings viel zu einfach vorgestellt, einen Therapieplatz zu finden. Ich kontaktierte viele Therapeuten, wurde aber immer vertröstet.

Schließlich rief ich völlig verzweifelt und unter Tränen bei meiner Krankenkasse an. Ich wusste: Es musste jetzt etwas passieren, nicht erst in ein paar Monaten. Schließlich hatte ich meine kleinen Kinder jetzt und wollte jetzt voll und ganz liebevoll für sie da sein und für sie sorgen.

Letztendlich bekam ich einen Platz bei einer psychotherapeutischen Heilpraktikerin, die nicht per Kasse abrechnet, den mir die Krankenkasse aber trotzdem bezahlte. Ich habe mir diesen Platz also hart erkämpft und das war eigentlich schon Schritt eins der Therapie.

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Ich merkte: Ich musste jetzt mal für mich selbst und meine Familie eintreten. Für mich war es der erste und wichtigste Schritt zu wissen: Ich lasse das hier nicht einfach alles geschehen, sondern ich kämpfe, für mich und meine Bedürfnisse.

Ich lernte darüber nachzudenken, wieso ich selbst so perfektionistisch bin

Bereits die erste Sitzung war unglaublich befreiend. Allein das Gefühl zu wissen: Da ist jemand, der mir helfen will und ich bin nicht mehr allein, tat mir gut. Ich konnte endlich offen mit jemandem über alles sprechen.

Ich lernte darüber nachzudenken, wieso ich selbst so perfektionistisch bin und woher meine Vorstellungen von einer perfekten Mutter und perfekten Frau rühren.

Mein Umfeld reagierte auf meine Therapie zwar nicht negativ, mein Schritt wurde aber ein bisschen belächelt. Trotzdem hörte ich nie den Satz: "Jetzt reiß dich mal zusammen!" Nie hat mich jemand kritisiert, dass ich nicht genug schaffen würde. Das kam nur von Innen, von mir selbst.

Mehr zum Thema: 20 Prozent aller Mütter sollten sofort eine Kur beantragen

Ich habe nun gelernt, damit umzugehen. Wenn ich stressige Phasen habe und viel über mich hereinbricht, fühle ich in mich hinein. Dann denke ich: Jetzt ist gerade eine stressige Phase, aber die geht auch wieder vorüber.

Ich fühle dann, was ich brauche, was meine Familie braucht, und überdenke verschiedene Möglichkeiten, was ich tun kann. Das war während meines Burnouts anders. Da war ich ganz von einem Gefühl des Versagens und der Ausweglosigkeit erfüllt. Dieses Gefühl ist seit der Therapie nie wieder zurückgekommen.

Mütter sollten sich gegenseitig unterstützen

Es ist genau dieser Unterschied, den man, besonders als Mutter, kennen sollte. Zwischen müde und ausgebrannt, einer stressigen Zeit und einem Burnout. Muttersein ist in der heutigen Zeit unglaublich anstrengend, da so viele Erwartungen an uns Frauen bestehen.

Als Mutter muss man Bio kochen, darf die Kinder bloß nicht vor den Fernseher setzen und soll auch im Beruf erfolgreich sein und dabei gut aussehen. Auch durch die Masse der Informationen, die von allen Seiten kommen, befürchten viele Frauen, etwas falsch zu machen.

Dabei können wir uns als Frauen gegenseitig schützen und unterstützen, wenn wir uns im Kindergarten oder im alltäglichen Miteinander sehen. Mir ist es wichtig, dass wir mehr auf einander Acht geben und aufpassen, dass niemand in unserer Leistungsgesellschaft unter die Räder kommt.

Kinder sind etwas so Wunderbares, und jede Mutter, jeder Vater verdient unsere Unterstützung.

Der Text wurde von Babette Habenstein aufgezeichnet.

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