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Suche nach dem Sündenbock: Warum es unverantwortlich ist, dem Osten die Schuld am Wahlausgang zu geben

07/10/2017 11:20 CEST | Aktualisiert 07/10/2017 11:22 CEST
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Die Autorin Anna Kaleri, geboren 1974, plädiert dafür, den Ausgang der letzten Wahl zum Anlass zu nehmen, deutsch-deutsche Befindlichkeiten konstruktiv aufzuarbeiten.

Liebe Mitmenschen, die Sie nicht zufällig in den Bezirken Suhl, Gera, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Leipzig, Erfurt, Halle, Magdeburg, Potsdam, Cottbus, Frankfurt, Neubrandenburg, Schwerin, Rostock oder Berlin, Hauptstadt der DDR, aufgewachsen sind, ich bin gebeten worden, als dort aufgewachsene Ihnen einige Zeilen zu schreiben, die ruhig auch emotional sein dürfen.

Eins vornweg: Dass durch Protestwählertum eine Partei in den Bundestag einziehen konnte, die Positionen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit vertritt und die bestehende Demokratie zu schwächen versucht, zeigt, dass von Usedom bis Weil am Rhein, von Borkum bis zum Zittauer Gebirge Einstellungen grassieren, die geschichtsvergessen, kurzsichtig, unklug und durch nichts zu entschuldigen sind.

Im Nachgang an die Bundestagswahl tauchte in den Analyseversuchen verstärkt der Osten auf, Sachsen wurde wieder einmal in den Negativfokus gerückt, der sächsische Mann zum Phänomen erklärt. Ein Ostdeutscher, allerdings ein Intellektueller, kam in der ZEIT zu Wort und auch die FAZ analysierte differenziert.

Erschreckendes tat sich unter dem unmittelbaren Eindruck des Wahlergebnisses in meiner Timeline. Ein süddeutscher Bekannter postete einen Artikel und leitete ihn ein mit "Wie doof sind die Ossis?" Die Mauer wurde zurückgewünscht, von "Wessis".

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Wir werden an unsere Pflicht zur Dankbarkeit erinnert

Da trat es also wieder zu Tage, die typisch deutsche Sündenbocksuche gepaart mit deutsch-deutschem Rassismus. Immer mal wieder wird an unser ostdeutsches Moralempfinden appelliert, da wir 100 DM Begrüßungsgeld empfangen durften, um bei der Währungsumstellung wenige Monate später Erspartes halbiert zu wissen.

Nach der Friedlichen Revolution, die wohl von den meisten Akteuren als Anstoß einer Reform der DDR gedacht war, wurden die runden Tische beendet, die DDR aufgelöst und ihre Bewohner durften der Bundesrepublik Deutschland beitreten.

Wir werden an unsere Pflicht zur Dankbarkeit erinnert, dafür, dass ostdeutschen Betriebe, die konkurrenzfähig gewesen wären, platt gemacht wurden, eine kurz vor Stillstand befindliche westdeutsche Wirtschaft ins Blühen kam, während im Osten Menschen von Kurzarbeit in Langzeitarbeitslosigkeit schlitterten und bis heute weniger Rente erhalten.

Der Solidaritätszuschlag wurde Ostmenschen lange geneidet, als erhielten sie ihn persönlich; persönlich konnten sie sehen, wie überzählige Akademiker und Verwaltungsmitarbeiter, die im Westen keine Chance hatten, im Osten Stellen und "Buschzuschlag" erhielten und dass in die Dresdner Villen selten Dresdner einzogen. Eine gängige Darstellung lautet, Biografien seien geknickt worden, genauer besehen erlitten viele Menschen Depressionen.

DDR-Bürger sahen sich quasi über Nacht in einer neuen Gesellschaft, über deren Lichtseiten sie in der Werbung des Westfernsehens, über deren Schattenseite sie im Ostfernsehen und Staatsbürgerkundeunterricht informiert waren, aber plötzlich hieß es, in ihr zurechtzukommen.

Sie versuchten in ihrem Land, das sich vor ihren Augen rasant veränderte, Orientierung zu finden. Ich erinnere mich an Erwachsene mit Geschmacksverirrungen als wären sie Pubertierende. Manche liefen mit lila Schlips und Aktenkoffer umher, um die Gebaren der Westdeutschen zu imitieren.

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Alles, was bis eben noch höchstes Gut war, wurde wertlos

Trödler fuhren übers Land und schwatzten Leuten alte Möbel und Antiquitäten ab. Alles was bis eben noch höchstes Gut war, wie der mühsam ersparte Kassettenrekorder oder Wartburg, wurde wertlos. Der Gebrauchtwagenmarkt boomte, jede Schrottkarre fand im Osten noch einen Käufer.

Menschen, die bisher in einem System lebten, in dem es kein Kleingedrucktes gab, wurden reihenweise über den Tisch gezogen und trauen sich zum Teil bis heute nicht, Verträge aus dieser Zeit zu kündigen, weil sie nicht wissen wie. Um Rat zu fragen, käme dem Eingeständnis der lange verleugneten Hilflosigkeit gleich. Denjenigen, die zur Wende Jugendliche oder junge Erwachsene waren, gelang das Fußfassen in der neuen Gesellschaftsform besser, weil durch die Erfahrung beider Systeme eine produktive Reibung entstand.

Nach der Wende im Osten Geborene müssen sich bis heute von den kulturellen Unsicherheitserfahrungen ihrer Eltern und Großeltern emanzipieren. Dies und mehr bleibt im kollektiven ostdeutschen Gedächtnis gespeichert, wurde jedoch bisher weder sachlich noch emotional aufgearbeitet und wird immer weiter vor sich hinbrodeln und von westlicher Arroganz befeuert werden.

Auch dies ein Teil des Problems: die Erfahrung von Überheblichkeit Westdeutscher zu DDR-Zeiten. Die Tante, deren Parfümduft das Haus füllte und die unser Land die "Zone" nannte, der Onkel, der jedes Mal aufs Neue über schlechte Straßen und verfallene Hausfassaden abfällige Bemerkungen machte. Selbst wenn er Recht hatte, es fühlte sich doch herablassend an.

Schon als Kind empfand ich Widersprüche darin, dass sie mit einem Leihauto kamen, während wir ein Auto besaßen, sich aber anscheinend durch Angehörigkeit einer besser laufenden Wirtschaft dazu legitimiert sahen, bei uns alles herabzusetzen.

Heute sehen sich Westdeutsche legitimiert über das Defizit demokratischer Bildung im Osten herzuziehen und ich frage mich, ob es an Einfühlungsvermögen oder -willen fehlt.

Wir müssen uns fragen, welche konstruktiven Ziele wir gemeinsam erreichen wollen

Menschen, die in der Zeit nach der Wende mit dem Überleben beschäftigt waren, hatten keine Muße, sich damit zu befassen, wie Demokratie funktioniert und wie sie sich gelingend einbringen könnten und haben es später nicht nachgeholt. Bis heute entdecke ich von Autoritätshörigkeit geprägte Strukturen und die Angst, eine eigene Meinung zu vertreten.

Denn nichts Anderes steckt hinter dem Glauben, mit Pegida und AfD ein Sprachrohr gefunden zu haben: eine Ausweitung der Unmündigkeit durch Delegation an andere sowie kollektives Dampfablassen. Wie hilflos erscheinen diese Versuche. Denn als Missstand Empfundenes wird sich auf diese Weise nicht ändern.

Und einige Menschen, deren Familien den letzten radikalen Umbruch um 1945 erlebt haben und die seit 72 Jahren in einer Demokratie leben, lassen von ihrem hohen Polster herab Sprüche verlauten, von denen man sich fragen muss, ob sie eigentlich reif, demokratisch und am Gemeinwohl orientiert sind.

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Zeichen deutsch-deutscher Uneinigkeit sollten 28 Jahre nach der Wende endlich aufgearbeitet werden und einem differenzierten, den Mensch im Menschen sehenden Umgang Platz machen.

Für fruchtbringender als Fragen nach dem „Wer ist Schuld, wer hat's falsch gemacht" halte ich Fragen nach dem, warum wir sind, wie wir sind, was uns bewegt und welche konstruktiven Ziele wir gemeinsam erreichen wollen.

Das würde einem weiteren Abdriften nach rechts vorbeugen und Selbstbewusstsein von innen heraus stärken, damit sich niemand mehr am Nächstschwächeren aufzuwerten versucht.

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