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Ein Missbrauchsopfer fordert: Das müsst ihr über uns wissen

15/02/2016 17:24 CET | Aktualisiert 15/02/2017 11:12 CET
Photodisc via Getty Images

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Wenn man Opfer häuslicher Gewalt geworden ist, ist danach vieles richtig doof. Die Partnersuche zum Beispiel.

Ja, ich weiß. Viele im Club der Über-40-Jährigen (in dem ich eine Vollmitgliedschaft besitze) sagen jetzt wahrscheinlich, dass die Partnersuche ohnehin doof ist. Ganz zu schweigen von denjenigen, die aus zahlreichen anderen Gründen ihre Hände heben und sagen, dass Menschen wie ich nicht die einzigen auf der Welt sind, die leiden. Das will ich auch gar nicht behaupten. Ich spreche einfach nur für Menschen, denen das Gleiche passiert ist wie mir, weil ich damit tiefschürfende Erfahrungen gemacht habe.

Jeder, der häusliche Gewalt erlebt hat, kennt den unüberwindbaren Konflikt, den man austrägt, wenn man sich selbst, sein Leben und sein Vertrauen in die Welt wiedergewinnen will. Es gibt ein paar wenige Glückliche, die diesen Berg sehr schnell zu erklimmen scheinen (zumindest scheint es für Außenstehende so. Ich kann beim besten Willen nicht sagen ob sie nach ein paar Jahren immer noch oben stehen und mit einer Flagge in der Hand ihren Sieg feiern.)

Doch für die meisten von uns ist es eine Mammutaufgabe, nicht nur zu Anderen, sondern auch zu uns selbst wieder Vertrauen aufzubauen. Und diese Aufgabe steht uns erst dann bevor, wenn wir die ursprüngliche Krise bereits überwunden haben.

Ich persönlich habe mich für den langen Weg entschieden. Der Weg, auf dem ich jahrelang den Kopf eingezogen habe, fest entschlossen, mich selbst zu heilen. Ich habe so viel dafür getan, wie ich alleine tun konnte und jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich wieder über die Zukunft und mögliche Beziehungen nachdenke und ob ich so etwas überhaupt könnte.

Viele Frauen sehen sich selbst als „beschädigte Ware".

Ich bezeichne uns lieber als „anders". Wie eine wertvolle Porzellanfigur, die am Boden zerschmettert und sorgfältig wieder zusammengesetzt wurde. Die Risse werden nie verschwinden, doch sie ist trotzdem noch schön. Und sie ist immer noch brauchbar. Obwohl man verständnisvoll und behutsam mit ihr umgehen muss. Ihr Charakter ist geprägt von der Geschichte, die hinter ihr liegt.

„Würdest du mit einer Frau ausgehen von der du weißt, dass sie vorher schon einmal häusliche Gewalt erlebt hat?"

Mit dieser Frage habe ich viele Männer in meinem Bekannten- und Freundeskreis konfrontiert. Ich habe die unterschiedlichsten Antworten darauf erhalten, und ich hatte sie alle irgendwie erwartet.

Würdest du mit einer Frau ausgehen, von der du weißt, dass sie vorher schon einmal häusliche Gewalt erlebt hat?

Viele haben es bereits versucht und sind gescheitert. Sie kamen nicht mit den Schutzmauern klar, die diese Freundinnen um sich herum aufgebaut hatten. Ihre Erfahrungen brachten sie zu dem Schluss, dass sie so etwas nicht noch einmal versuchen möchten. Für sie kamen ehemalige Opfer von häuslicher Gewalt nicht mehr für eine Beziehung in Frage.

Diese Antworten machten mich traurig, doch ich konnte es auch verstehen. Da ich von der anderen Seite her weiß, was im Kopf eines ehemaligen Opfers vorgehen kann, bin ich mir selbst nicht so ganz sicher, ob ich damit umgehen könnte. Doch es brachte mich in eine Zwickmühle.

Wie zum Teufel sollen wir wissen, wann wir darüber sprechen sollen, oder ob wir überhaupt darüber sprechen sollen?

Einige sagten, sie könnten es sich durch den Kopf gehen lassen, vorausgesetzt, dass sie die ganze Geschichte erfahren. Von Anfang an. Muss ein ehemaliges Opfer wirklich bei der bloßen Erwähnung einer möglichen Verabredung alle Karten auf den Tisch legen? Oder beim ersten Date? Über dieses Thema zu sprechen ist nicht gerade einfach, nicht einmal unter den idealsten Umständen - wenn man sich zusammen mit einem vertrauten Berater über zahlreiche Termine hinweg mit der Geschichte auseinandersetzt ohne dabei das Trauma noch zu verstärken.

Aber bei einem ersten Date? Und seien wir mal ehrlich: Man bekommt höchstwahrscheinlich kein zweites Date, wenn man beim ersten Treffen ankündigt: „Hi, ich heiße Anna. Bitte schrei mich niemals an und mache keine ruckartigen Bewegungen. Versuche auch nie, etwas vor mir geheim zu halten (auch keine Geburtstagsgeschenke) und erwarte nicht, dass ich dir irgendetwas glaube, bevor du es mir noch einmal versicherst... und ja, ich hätte meine Cola light gerne mit Eis, danke."

Oder sollen wir doch lieber noch warten bis wir uns sicherer sind? Doch dann laufen wir Gefahr, zurückgewiesen zu werden, nachdem wir bereits Gefühle, Vertrauen und Zeit investiert haben. Außerdem kann es dann passieren, dass wir nicht nur zurückgewiesen werden sondern uns auch noch Unaufrichtigkeit vorgeworfen wird, selbst wenn wir nur nicht darüber gesprochen haben, weil wir uns ganz einfach selbst schützen wollten.

Wir gehen also ein ebenso hohes Risiko ein wie der Andere, der hofft, dass seine neue Flamme nicht allzu viele unerwünschte Altlasten mit sich bringt. Inakzeptabel.

Wieder lernen, zu vertrauen

Das andere Extrem waren diejenigen, die sofort die Rolle der „Beschützer und Alles-Wieder-Gut-Macher" einnehmen wollten. In der Theorie klingt es romantisch, jemanden zu haben, der einen umsorgt statt angreift, doch das ist es nicht. Gute Beziehungen brauchen eine stabile Grundlage. Ein starker und ausgeglichener Mensch verbindet sich mit einem anderen starken und ausgeglichenen Menschen.

Dies brachte mich in eine weitere Zwickmühle. Denn wenn man so ein starker und ausgeglichener Mensch werden will, muss man unter anderem auch lernen zu vertrauen. Jemand anderen an sich heranlassen. Fehler machen, hinfallen, sich wieder aufrappeln und es noch einmal versuchen. Das Risiko eingehen, das ich vorher erwähnt habe. Doch wie macht man das, ohne dabei noch größere seelische Schäden zu riskieren? Und dadurch dem nächsten glücklichen Kandidaten ein noch größeres Chaos präsentieren zu müssen. Es ist eine Zwickmühle.

Doch es gibt noch Hoffnung

Irgendwo dazwischen gab es auch Antworten, die ein Hoffnungsschimmer für mich waren.

„Für mich wäre es kein Ausschlusskriterium und ich habe keine Ahnung, ob ich damit umgehen könnte. Doch wenn sie die Richtige ist, würde ich es auf jeden Fall versuchen." „Ich weiß, dass ich unglaublich unterstützend und geduldig sein müsste." „Ich würde schon wissen wollen, was passiert ist, aber erst wenn sie dazu bereit ist." „Mir wäre klar, dass das, was sie erlebt hat, sie zwar nicht ausmacht, doch dass es ein Teil von ihr ist."

Wo man solche potenziellen Partner findet, weiß nur Amor. Und damit ist noch nicht garantiert, dass auch alle anderen Faktoren für eine erfolgreiche Partnersuche gegeben sind, nämlich dass man sich körperlich und geistig zueinander hingezogen fühlt, dass man zueinander passt, dass man in dieser unglaublich hektischen Welt genug Zeit füreinander findet, dass die Beziehung auch dann weiterbesteht, wenn die liebenswerten Eigenschaften sich nach und nach in etwas verwandeln, das schlimmer ist, als das Quietschen von Fingernägeln auf einer Tafel... oder spiegelt das nur meine Meinung über Langzeitbeziehungen wieder?

Im besten Fall halte ich es für kaum möglich, alle nötigen Faktoren zu vereinen, und im schlechtesten Fall entwickeln sich meiner Meinung Langzeitbeziehungen letzten Endes zu einer Situation, die man eben aushalten muss.

Ein Leben als Single mit viel zu vielen Katzen ist reizvoll

Bei dieser Unterhaltung kamen wir auch auf einen Punkt, der in Gesprächen über häusliche Gewalt immer wieder Thema ist. Es fehlt in allen Bereichen an den nötigen Mitteln doch für die „Nachsorge" wird am allerwenigsten ausgegeben. Außer der Initiative „The Freedom Program" (einem tollen Kurs, in dem die Teilnehmer lernen, bereits die frühesten Phasen von Missbrauch zu verstehen und zu erkennen) und Beratung durch den Nationalen Gesundheitsdienst (noch so eine fantastische Organisation, die ebenfalls mit finanziellen Einsparungen zu kämpfen hat, wodurch der Zugang zu professionellen Beratern erschwert wird) gibt es nur wenig Hilfe.

Wer Glück hat, hat genug Geld und kann sich auf eigene Kosten Unterstützung und Hilfe holen. Dies kann in Form von Beratung, Psychotherapie, Coaching, Workshops zur Stärkung des Selbstbewusstseins oder sogar Selbstverteidigungskursen geschehen.

Doch wenn sie aus Beziehungen fliehen, in denen sie missbraucht werden, bleibt vielen Frauen kaum mehr als die Kleider, die sie tragen und sie müssen ihren Job und ihre Karriere hinter sich lassen, um in Sicherheit zu kommen. Meist brauchen sie ihr ganzes Geld, um sich ein neues Zuhause einzurichten, Kleidung zu kaufen und um für Gerichts- und Anwaltskosten und vieles mehr aufzukommen.

Oft bleibt das Selbstbewusstsein zerstört und in manchen Fällen sinkt es immer weiter, bis man es irgendwann nicht mehr retten kann. Jeder Schlag für ihr Selbstwertgefühl macht solche Menschen noch ein bisschen verletzlicher und sie laufen dadurch Gefahr, erneut Missbrauch zum Opfer zu fallen. Oftmals ist dieser Missbrauch dann noch ein bisschen schwerwiegender als der vorherige.

Es ist kein Wunder, dass viele sich in einem Teufelskreis befinden

Zum Glück gibt es immer mehr Selbsthilfegruppen, die von Menschen gegründet wurden, die selbst Missbrauch erlebt haben. Die überlebt haben. Die beschlossen haben, etwas Gutes aus dem Schrecklichen zu machen, das sie erlebt haben. Ich werde in späteren Beiträgen noch darüber berichten.

Doch für den Moment wünsche ich mir auch für alle anderen Menschen, die Hilfe brauchen, dass ich einen riesigen Topf voll Gold am Ende des Regenbogens finde, damit die etablierten Organisationen das tun können, was sie tun müssen, ohne sich über Kürzungen bei ihren Diensten Sorgen machen zu müssen.

Nach den Übergriffen in Köln war der Aufschrei groß. Auf einmal interessierten sich alle für die Situationen von Frauen in Deutschland. Die alltäglichen Belästigungen, Fummeleien oder Kommentare, die viele von ihnen ertragen müssen.

Einige Wochen später ist das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Die vielen engagierten Frauenrechtler von Anfang Januar sind verstummt. Dabei müssen wir über dieses Thema sprechen.

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Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post UK erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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