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Was passiert nur gerade mit Deutschland?

24/10/2015 12:25 CEST | Aktualisiert 24/10/2016 11:12 CEST
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PEGIDA feiert am 19.10.2015 den ersten Geburtstag - fast 20.000 Menschen marschieren durch eine Stadt, deren Anteil an den so gefürchteten Muslimen 0,1 Prozent (!!) beträgt (Zahl bezogen auf das Land Sachsen) - finde den Fehler.

Sie haben Angst vor „Islamisierung", „Überfremdung" - der Ausländeranteil der Stadt beträgt 4,7 Prozent.

Statistisch gesehen werden also 95 Bürger Dresdens deutscher Abstammung von knapp 5 Menschen mit Migrationshintergrund „bedroht"! Kein Wunder, dass man da Angst um sein sicheres, beschauliches Leben hat, oder?

Was ist nur in den letzten Wochen mit Deutschland passiert? Wie kann es sein, dass einem AfD-Mann wie Höcke im ersten deutschen Fernsehen zur Hauptsendezeit eine Plattform zur Volksverhetzung geboten wird?

Ich bin ein besorgter Bürger, oder sagen wir besser, ich habe Angst. Große Angst. Aber nicht vor „Islamisierung", „Überfremdung" oder derartigem Schwachsinn. Nein, ich habe Angst vor dem braunen Mob, der erschreckenderweise immer gesellschaftsfähiger wird und dem es gelingt, hinter dem anfangs scheinbar harmlosen und gemäßigt rechten Gesicht der AfD die öffentliche, politische Bühne zu erobern.

Irgendetwas läuft hier gewaltig schief, wenn Menschen auf einer öffentlichen „Demonstration" einen Galgen durch die Gegend tragen können, der für die Bundeskanzlerin und ihren Vize reserviert ist! Irgendetwas läuft hier gewaltig schief, wenn ein AfD-Mann vor aller Augen seinen Sitz in einer Polit-Talkshow der ARD mit einer Nationalflagge schmückt! Irgendetwas läuft hier gewaltig schief, wenn eine Kandidatin für das Amt der Kölner Oberbürgermeisterin auf offener Straße niedergestochen wird, weil sie eine asylbewerberfreundliche Politik anstrebt!

Irgendetwas läuft hier gewaltig schief, wenn auf einer AfD-Kundgebung Sätze fallen wie „..ein Endlager für ausgebrannte Bundeskanzler gibt es leider nicht..." (wörtliches Zitat!!!)!

Was muss denn noch passieren, bevor der Durchschnittsbürger die wahren Probleme dieses Landes erkennt?

Wieso sollten Flüchtlinge hier bei uns willkommen sein? Die Frage muss wohl eher lauten, wieso sie nicht willkommen sein sollten! Das sind Menschen! Menschen wie wir, die einfach nur das Pech hatten, nicht im satten, fortschrittlichen, demokratischen, reichen Deutschland geboren worden zu sein. Was haben wir denn dafür getan, „Deutsche" zu sein? Haben wir es uns verdient, in einem Schlaraffenland zu leben, wo man nicht einmal dafür arbeiten muss, um über die Runden zu kommen? Nein.

Welches Recht haben wir denn, die Flüchtlinge zu verurteilen, oder besser noch, darüber zu urteilen, ob sie die Chance bekommen sollten, hier ein neues, sicheres Leben zu beginnen? Wir sind die Privilegierten, diejenigen, die es einfach haben. Unsere Anstrengung besteht daraus, uns darüber den Kopf zu zerbrechen, welchen Film wir am Wochenende im Kino sehen wollen oder in welches Restaurant wir heute zum Essen gehen.

Und wenn das nicht mehr reicht oder man auch mal vor „echten" Problemen steht fangen Menschen an, die Schuld bei anderen zu suchen, die Volkshetze gegen Flüchtlinge zu starten. Hat jemand von uns wirklich echte Probleme? Natürlich hat jeder sein Päckchen zu tragen und unsere „Luxusprobleme" kommen uns vielleicht manchmal bedeutend vor. Doch ist vor unserem Haus schonmal eine Bombe explodiert? Wurde vor unseren Augen schonmal ein Mensch hingerichtet? Ich denke nicht.

Ich arbeite mehrmals wöchentlich in einem Flüchtlingsheim und habe mich dort besonders mit den Kindern beschäftigt. Letzte Woche habe ich mit 3 kurdischen Geschwistern aus Damaskus gesprochen, 5, 6 und 11 Jahre alt. Diese Kinder haben mit einem Plastikmesser nachgespielt, wie dem Vater einer befreundeten kurdischen Familie von IS-Leuten der Kopf vor den Augen seiner Familie und den Bekannten abgeschlagen wurde.

Sie haben von Bomben erzählt, die in ihrer Nachbarschaft eingeschlagen sind. Ich wusste nicht mehr, was ich dazu noch sagen soll. Deutsche Kinder zerbrechen sich mit 6 Jahren den Kopf darüber, was alles in ihrer Schultüte sein soll, mit wem sie sich am Nachmittag zum Spielen verabreden. Diese Kinder haben mehr erlebt, als ich es meinem schlimmsten Feind wünschen würde.

Wie kann man diesen Kindern und ihren Familien sagen, dass sie hier nicht erwünscht sind? Dass viele „Deutsche" sie lieber nach einem tausende Kilometer langen Marsch an der Grenze mit Zäunen aufhalten würden, als dem demografischen Wandel ins Gesicht zu blicken und vielleicht mal was von ihrem Kuchen abzugeben?

Die Menschen, die vielleicht wirklich zu den gemäßigten, „besorgten Bürgern" gehören und sich nicht mit Parolen wie denen von Höcke, Bachmann und Konsorten identifizieren, sollten doch bitte mal in Flüchtlingsunterkünfte gehen, mit den Menschen dort sprechen, sich selbst ein Bild machen. Denn das ist ja wohl das Mindeste, was man tun sollte, bevor man die Ansichten, die von Höcke in der ARD propagiert wurden, mit trägt!

Ich kann und will einfach nicht glauben, dass sich all diese tausenden von Menschen, die im Rahmen von Pegida jeden Montag durch Dresden, Leipzig und co. marschieren, eine fundierte Meinung gebildet haben und im tiefsten Inneren davon überzeugt sind, dass sich Deutschland von den Flüchtlingen bedroht fühlen muss.

Können all diese Menschen wirklich glauben, dass eine Demokratie wie unsere mit einer Geschichte wie der unseren es ertragen könnte, eine Partei wie die AfD irgendwann im Bundestag wieder zu finden? Und nein, wir sind nicht Schuld am Holocaust. ABER wir machen uns schuldig, wenn wir ihn verharmlosen und uns nicht darüber bewusst sind, zu was Rechtspopulismus, übertriebener Patriotismus und Rassendenken führen können!

Ich hatte einen Kloß im Hals, als Herr Höcke seine Fahne auspackte und von 1000-jährigem Reich erzählte und ich darüber nachdachte, dass dies jetzt vielleicht auch Opfer oder generell Zeitzeugen der NS-Zeit ansehen müssen. Und nein, dieser Vergleich hinkt nicht, denn genau so hat es damals angefangen. Sobald man sich als Deutsche von Menschen anderer Nationalität distanziert und sich als „überlegen" ansieht, wird es meiner Meinung nach gefährlich.

Wie kann man nur propagieren, wir würden „unser Deutschland" bald verlieren, wenn wir Menschen in Not Zuflucht gewähren und ihnen eine sichere Zukunft ermöglichen?? Das Land, welches ich als „mein Land" bezeichnen möchte, ist eines, das sich um Menschen sorgt, ein Vorbild für Europa darstellt und bereit zu Integration und Nächstenliebe ist. Wie kann man behaupten, man sei „DAS VOLK", wenn man offen verkündet, blonde, deutsche Frauen müssten sich künftig in Acht nehmen (Zitat Höcke, AfD) und Verantwortung trage man nur für Deutsche, nicht für „irgendeinen Somalier" (Zitat Lucke, AfD)?

Ich bin deutsche Staatsangehörige, und ich gehöre nicht zu diesem „Volk", welches für Pegida marschiert! Das ist nicht „das Volk", das sind unzufriedene, vielleicht auch einfach unwissende und leicht durch hetzende Propaganda zu beeinflussende Bürger, die endlich einen Sündenbock für all ihre Probleme gefunden haben und die es gilt, von ihrem Weg abzubringen und ihnen ein Stück weit die Augen zu öffnen. Das ist meiner Meinung nach „Integrationsarbeit", denn diese Menschen spiegeln definitiv nicht das Bild wieder, welches ich bisher von Deutschland hatte, und welches Deutschland international (noch) inne hat.

Ich arbeite nebenbei an der Essensausgabe in einem Erstaufnahmelager und werde von vielen dort inzwischen mit Handschlag und Namen begrüßt. Keiner dieser knapp 300 Menschen hat sich in meiner Gegenwart je geweigert, das Essen von einer Frau anzunehmen oder hat gepöbelt, weil ihm die 2 Scheiben trockenes Toast (auf Nachfrage auch 3, das ist allerdings die Obergrenze) mit Aufschnitt zum Frühstück und Abendessen nicht gut genug oder zu wenig sind.

Und dass 2 Scheiben Toast für einen erwachsenen Mann nicht gerade sättigend sein dürften, liegt doch wohl auf der Hand, oder? Aber stimmt, die Asylanten werden ja bestens versorgt und sind reicher als die deutschen Hartz IV Empfänger!

Zu Mittag gibt es übrigens genau abgezählt und nur per Essensmarke erhältlich EINE abgepackte Portion Fertigessen aus der Mikrowelle. Da hat man dann allerdings sogar den Luxus, sich zwischen vegetarisch und Fleisch zu entscheiden. Und dazu gibt's als Sahnehäubchen EINE Scheibe Toast (Überraschung!).

Und zum Schluss wende ich mich einmal direkt an den deutschen „Angstbürger":

Lieber besorgter Bürger,

Da ja die Flüchtlinge die ganzen Steuergelder erhalten, den Arbeits- und Obdachlosen das Essen weg essen und kostenlosen Luxus-Wohnraum zur Verfügung gestellt bekommen, gibt es nun ein einmaliges Angebot: Du tauschst eine Woche lang dein Leben mit dem eines Bewohners eines Erstaufnahmelagers und schwelgst in dem Luxus, der euch allen ja so gegen den Strich geht.

Und jetzt kommt das Beste: sollten sich eure Behauptungen bewahrheiten und du bekommst tatsächlich den Himmel auf Erden, vom Staat finanziert, wird dieser Tausch sogar dauerhaft! Und keine Sorge, ich denke, der Asylbewerber ist so großzügig und übernimmt dein beschränktes und klägliches Leben und gibt freiwillig den ganzen Luxus auf, den der deutsche Staat ihm beschert.

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