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Meine Klienten arbeiten hart und leben bescheiden - und stürzen trotzdem ab

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POOR PEOPLE GERMANY
Laszlo Balogh / Reuters
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In kaum einem Stadtteil in Deutschland leben mehr Schuldner als in Hohenschönhausen. Im vergangenen Jahr waren hier mehr als 12.000 Personen überschuldet - also jeder Siebte.

Wir als Schuldnerberatungsstelle des Caritasverbandes müssen deswegen keine Werbung machen. Bei uns ist der Zulauf an Menschen, die unsere Hilfe brauchen, riesig. Täglich habe ich mit ihnen zu tun - sie alle erzählen mir ihre Geschichte.

Dabei erlebe ich eine bedrückende Seite des Lebens auf Pump, die in der Öffentlichkeit häufig ausgeblendet wird.

Denn Schulden zu haben ist in Deutschland ein gesellschaftliches Tabu.

Die Verschuldung kann jeden treffen

Kaum ein Land macht es seinen Schuldnern so schwer, die Miesen loszuwerden. Wer im Dispo lebt, kann mit seinem Geld nicht umgehen, meinen viele. Das gängige Vorurteil: Wer verschuldet ist, kauft sich schicke Autos, Fernseher und Kleidung auf Pump - dann solle man sich über hohe Schulden nicht wundern.

Diese Fälle gibt es natürlich.

Aber ich erlebe hier in Hohenschönhausen etwas anderes: Die Verschuldung kann jeden treffen - selbst Menschen, die jeden Tag arbeiten, sich keinen Luxus leisten und im Grunde nichts falsch machen. Sie können nur auf Pump überleben. Schulden und Einkommensarmut sind zwei Seiten einer Medaille.

Mehr zum Thema: Das schöne Leben gibt es nur auf Pump: Warum sich die Mittelschicht immer mehr verschuldet

Ich erinnere mich an Frau K., die zur mir als allein erziehende Frau kam. Seit der Wende arbeitet sie in einer Fleischfabrik. Sie ist seit 30 Jahren berufstätig und war nie arbeitslos. Sie erzielt ein Nettoeinkommen von 1.100 Euro und erhält für ihre Tochter Kindergeld.

Diese Frau arbeitet 40 Stunden die Woche und das Geld reicht trotzdem nicht zum Leben. Nach Abzug der festen Kosten für Miete, Strom, den Ausgaben für den öffentlichen Nahverkehr, Rundfunkbeiträgen und einem Mobilfunkvertrag verbleiben für sie und ihre Tochter nur 450 Euro zum Leben.

Das entspricht dem Existenzminimum. Sie fährt nie in den Urlaub, gönnt sich keinen Luxus, hat keine überteuerten Verträge. In einer solchen Lebenssituation darf nichts Unerwartetes passieren.

Mal ging der Kühlschrank kaputt, mal die Waschmaschine, mal war neue Kinderkleidung nötig, mal Geld für die Klassenreise, oft blieb einfach ein kleines Minus am Ende des Monats.

Viele suchen sich jahrelang keine Hilfe

Weil ihr Einkommen so niedrig war, lieh sie sich immer wieder Geld von ihrer Bank und lebte im Dispo. Als sie zu mir kam, hatte sie mit Kosten und Zinsen fast 20.000 Euro Schulden. Es hatte Jahre gedauert, bis sie den Mut fasste, Hilfe zu suchen.

Eigentlich bleibt in solchen Fällen nur noch die Privatinsolvenz.

Weil es aber nur zwei Gläubiger gab, konnte ich einen Vergleich für die Frau schließen.

Über fünf Jahre zahlt sie nun 75 Euro pro Monat und ist danach schuldenfrei. Das Geld hat sie, weil die Unterhaltsverpflichtung bald wegfällt.

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Die Frau war extrem dankbar und froh, dass sich überhaupt jemand mit ihrer Situation beschäftigte. Viele trauen sich kaum, mit ihren Freunden oder ihrer Familie über das Thema zu sprechen, weil es ein absolutes Tabu ist.

Gerade aber solche Fälle zeigen, dass es jeden treffen kann. Durch steigende Mieten kommen gerade alleinerziehende Mütter immer häufiger in die Situation.

Mehr zum Thema: Nach 12 Jahren als Darstellerin verlor ich alles - wie ich mich wieder aus den Schulden befreite

Diese Fälle zeigen aber auch, dass es fast immer eine Lösung gibt.

Es motiviert mich, Menschen eine zweite Chance und die Möglichkeit zu geben, wieder von vorn anzufangen.


(jz)

Der Text wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

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