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Überlebensstrategien für die VUCA-Welt: Wer nicht fokussiert, verliert

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Tom Merton via Getty Images
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Ist die Welt aus den Fugen? Darüber lässt sich trefflich streiten. Worüber sich nicht streiten lässt, ist die Wahrnehmung der Menschen: Diese fühlen sich in unberechenbaren und komplexen Zeiten zutiefst verunsichert. In Wirtschaft und Management hat sich dafür der Begriff VUCA eingebürgert. Das Akronym steht für Volatility (Unberechenbarkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit) und beschreibt anschaulich eine der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen: VUCA führt dazu, dass Menschen lieber verharren statt sich zu bewegen und weiterzuentwickeln und jedwede Veränderung ablehnen. Stillstand, Auf-der-Stelle-Treten und Verkrustung sind die Folgen, die sich nicht nur in der Arbeitswelt feststellen lassen.

VUCA in Makro- und Mikrokosmos

Wir ringen um die Einigung Europas und spüren, dass Nationaldenken und Nationalempfinden in die Irre führen. Die Dinge verändern sich und wir müssen darauf reagieren, weil Krisen, die vermeintlich weit weg sind, uns in Wahrheit unmittelbar betreffen, und wir nur gemeinsam Lösungen finden können. Trotzdem stagniert Europa, verurteilt sich selbst bestenfalls zur Bewegungslosigkeit, schlimmstenfalls zur Bedeutungslosigkeit.

Der Veränderungs- und Reformstau macht uns zu schaffen, weil es viele Menschen gibt, die mit den Begriffen „Veränderungen", „Wandel" und „Reformen" nichts Zielführendes verbinden. Im Gegenteil: Veränderungen werden größtenteils als Bedrohungen wahrgenommen. Und gegen die subjektive Wahrnehmung der Menschen kommt kein noch so stichhaltiges Argument an. Darum leben wir in „postfaktischen" VUCA-Zeiten.

Ähnliches lässt sich im Kleinen konstatieren - im Berufsleben bis hin zu den persönlichen Lebensverhältnissen der Menschen, die tendenziell danach streben, den Status quo zu erhalten und die Verhältnisse so zu stabilisieren, wie sie sind.

Um die Verkrustungen aufzubrechen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, ist in vielen Bereichen ein Querdenken, ein radikal(er)es Denken und Handeln angebracht. Wie aber lässt sich Querdenkertum verwirklichen, ohne die Menschen (noch mehr) zu verängstigen?

Strategie 1: Fokussierung auf die Vision - Bewegung statt Stillstand

Im Kern brauchen wir Führungspersönlichkeiten auf allen Ebenen - in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, im Management, in der Kultur und auch in der Unterhaltung. Diese Führungspersönlichkeiten gehen als Vorbilder voran. Daran knüpft sich die Erwartung - und Hoffnung -, dass sich nach und nach „Fan-Clubs" bilden und sich die Menschen von diesen Führungspersönlichkeiten überzeugen lassen, dass es zielführender ist, sich zu bewegen als still zu stehen.

In der Politik wird häufig nur verwaltet und reagiert, ohne konkrete Vorstellungen zu kommunizieren, wie sich Ziele realisieren lassen. Viele Unternehmer, Manager und Führungskräfte haben es verlernt, zu agieren und vorneweg zu schreiten.

Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft, die jener Vorreiterrolle gerecht werden wollen, müssen in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich über einen Leitstern, eine Vision, eine Mission oder zumindest klare Ziele verfügen, die den Menschen die Richtung weisen.
Im besten Fall kommuniziert die Führungspersönlichkeit in ihrem Umfeld eine handlungsanleitende und Sinn stiftende Vision und ermuntert so andere Menschen - Wähler, Mitarbeiter, Kunden - dieser Vision ebenfalls zu folgen.

Strategie 2: Fokussierung auf sich selbst - werde, der Du bist

Wer sich fokussiert, landet stets am selben Ursprungsort - bei sich selbst. Visionäre Führungspersönlichkeiten glauben an sich selbst und vertrauen sich. Das hat nichts mit einem platten positiven Denkmechanismus und einem selbstverliebten Selfie-Ismus zu tun, sondern damit, dass sie in einem permanenten Selbstreflexions- und Selbsterkenntnisprozess stehen und sich fragen, wer sie sind, wohin sie sich bewegen und welche Ziele sie verfolgen. Sie arbeiten das heraus, was sie zu dem macht, der sie sind.

Auf der Suche nach der Einzigartigkeit

Dabei kommt es nicht immer zu eindeutigen Antworten - eine Führungspersönlichkeit weiß, dass sich „alles" tagtäglich verändern kann. Zugleich jedoch ist sie sich ihres unveränderlichen Persönlichkeitskerns bewusst: „Du bist am Ende, was Du bist", heißt es in Goethes Faust. Eine Führungspersönlichkeit versucht, diesen Persönlichkeitskern immer konkreter zum Ausdruck zu bringen und zu formulieren, was sie als Individuum einzigartig macht.

Jener Persönlichkeitskern ist neben der Vision der Leitstern, der Orientierung bietet und es der Führungspersönlichkeit erleichtert, Prioritäten zu setzen.

Strategie 3: Fokussierung auf den Menschen - mit Weitblick führen

Führungspersönlichkeiten überleben und bestehen in der VUCA-Welt, weil sie sich selbst und ihrer Vision vertrauen. Das sind ihre Polarsterne, darauf fokussieren sie sich, daran orientieren sie sich. Und wer sich fokussiert, kann andere Menschen mitnehmen.

Die meisten Menschen leiden in der VUCA-Welt darunter, dass es keine eindeutigen Vorstellungen über die Wahrscheinlichkeiten möglicher Ereignisse und die Zukunft mehr gibt. Es quält sie, dass sie die Auswirkungen ihrer Entscheidungen und Handlungen angesichts der zunehmenden Komplexität nicht mehr einschätzen können. Darum halten sie lieber still, verharren, erstarren, versteinern - oft auch emotional - und lehnen sich gegen alles auf, was verändernd wirken könnte.

Die Führungspersönlichkeit will diese Menschen mitnehmen, indem sie ihnen ein Angebot unterbreitet, in Form ihrer Vision. Das lässt sich zuweilen in Unternehmen beobachten.

Beispiel: Die Mitarbeiter im Fokus

Führungspersönlichkeiten in Unternehmen nehmen ihre Vorbildwirkung ernst und leben es ihren Mitarbeitern vor, trotz unsicherer Zeiten den Change, die Veränderung zu wagen. Sie verfügen über die Fähigkeit, eine gemeinsame Vorstellung über die kulturellen Auswirkungen der VUCA-Herausforderungen im Unternehmen herbeizuführen. Dabei treten sie als Change Agents auf und sind bereit, die notwendigen Veränderungen zu gestalten und die Mitarbeiter auf diesem Weg mitzunehmen. Das operative Geschäft überlassen sie ihren Mitarbeitern, denn sie vertrauen ihren Mitarbeitern. Die mittel- und langfristige Perspektive hingegen ist ihr ureigenes Metier.

Darum ist ihr visionär-strategischer Weitblick, mit dem sie verunsicherten Menschen Antwortangebote in volatilen, komplexen und mehrdeutigen VUCA-Zeiten geben, wichtiger als die Beherrschung irgendwelcher Führungstechniken.

Wer sich fokussiert, kann auch loslassen

Es scheint zunächst ein Widerspruch, sich in einem komplexen und mehrdeutigen Umfeld zu fokussieren. Bedeutet das nicht Einschränkung, Eingrenzung, Begrenzung? Wäre die Öffnung nach allen Seiten nicht zielführender? Müsste es nicht eher hießen: Wer (sich) fokussiert, verliert?

Nein - es ist richtig, sich zu fokussieren. Denn es geht primär darum, einen Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen wir uns frei bewegen können. Unsichere Zeiten verlangen nach unumstößlichen Gewissheiten, an denen wir uns festhalten können.

Wer sich fokussiert und auf das Wesentliche konzentriert, kann auch loslassen, sich gehen lassen und sich der Muße und dem Müßiggang hingeben. Immerhin besagt die Kreativitätsforschung, dass häufig gerade im Stadium des Nichttuns, der Muße, des Müßiggangs, ja, der Langeweile die innovativsten Ideen geboren werden. Nicht immer bringt sich regen auch Segen, nicht immer ist der Müßiggang aller Laster Anfang, sondern der selige Beginn eines kreativen Gedankenblitzes.

Wer sich fokussiert, ist zum radikalen Denken und Handeln fähig

Wer mit den Orientierungspunkten „eigene Persönlichkeit", „Vision" und „beruflich-soziales Umfeld" einen Rahmen setzt, der Stabilität und ein wenig Sicherheit verspricht, fasst den Mut, innerhalb dieses Rahmens agil, ja geradezu radikal zu agieren. Der Rahmen lässt die Menschen die Freiheit gewinnen und das Risiko eingehen, über den Tellerrand hinauszublicken. Wer im festen Rahmen seiner Werte, Überzeugungen und Einstellungen agiert, traut sich, ihn zu verlassen, Grenzen zu überschreiten und radikal(er) zu denken und zu handeln.

Querdenkertum hat meistens damit zu tun, dass sich der Querdenker seines Fundaments sicher ist. Er verfügt über einen Kompass, der es ihm gestattet, die traditionell-klassischen Hauptwege - wo sich übrigens alle aufhalten und gegenseitig auf die Füße treten und im Weg stehen - zu verlassen und die abgelegenen und selten besuchten Seitenwege zu beschreiten. Sein Kompass garantiert dem Querdenker, dass er immer wieder auf den Hauptweg zurückfindet, der ihn seiner Vision näher bringt.

Fokussierung auf Stärken und Potenziale

Die Erscheinungsformen der Unberechenbarkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit werden sich vermutlich nie ganz beherrschen lassen. Umso bedeutsamer ist ein Stärkenmanagement, mit dem es der Führungspersönlichkeit und den Menschen gelingt, möglichst alle Potenziale zu entwickeln und auszuschöpfen.

Eine Führungspersönlichkeit hält sich nicht lange mit ihren Schwächen und Defiziten auf. Sicherlich - sie versucht, diese zu reduzieren und sie nicht überhand nehmen zu lassen. Ihre Konzentration jedoch gehört ihren Stärken, Kompetenzen, Fähigkeiten und Qualifikationen, um sie nutzen zu können, in der VUCA-Welt zu bestehen. Dazu gehört, mit Misserfolgen und Rückschlägen umzugehen.

Stärkenmanagement aufbauen

Dabei will die Führungspersönlichkeit es auch den Menschen in ihrem Verantwortungsbereich und Umfeld ermöglichen, ein systematisches Stärkenmanagement zu implementieren. Ihre Überzeugung: Es ist zielführend, sich auf das zu fokussieren, was man wirklich gut kann. In der VUCA-Welt sind die Stärken der Schlüssel zur Bewältigung der Herausforderungen. Damit die Welt eben nicht aus den Fugen gerät. Im Großen nicht, und auch im Kleinen nicht.

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