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The times have fucking changed

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DONALD TRUMP
Mario Anzuoni / Reuters
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Nun sind wir also angekommen im Trump-faktischen Zeitalter. Und wieder kam das böse Erwachen am Morgen beim Kaffee. Allerdings hatte ich, im Gegensatz zu den Meinungsforschern aus dem Brexit-Referendum gelernt.

Damals beruhigte mich am Abend vorher noch die YouGov-Nachwahlbefragung, die eine knappe Mehrheit für den EU-Verbleib vorhersagte. Nur sechs Stunden später hatte sich diese Prognose allerdings in ein genau umgekehrtes Ergebnis verwandelt.

Und auch bei den letzten Landtags- und Kommunalwahlen hier bei uns lagen die Meinungsforscher, bezogen auf die Stärke der AfD, relativ oft und weit daneben, sodass sich bei mir das Gefühl gefestigt hat, dass diese Filterblasen und Echokammern mittlerweile recht meinungsforschungsresistent sind.

Wir scheinen so weit auseinandergedriftet zu sein mit unseren jeweiligen Wirklichkeiten und Wahrheiten, dass sich die Meinungen der Anti-Demokraten nicht einmal mehr in Gänze mit den herkömmlichen Methoden erfassen lassen.

Mehr zum Thema: Es ist zu einfach, die Hälfte der amerikanischen Wähler für rassistische Dumpfbacken zu halten

Gestern Abend hatte ich daher diesmal ein ungutes Gefühl und äußerte meine Befürchtung, dass ich davon ausgehe, dass Donald Trump tatsächlich gewinnen wird. Zuerst bescherte mir dieser letzte Gedanke vorm Schlafen eine recht alptraumartige Nacht, und wurde dann im Laufe des Morgens zur Gewissheit.

Populisten stehen Spalier und werfen Popcorn

Und selbst wenn Donald Trump als Präsident nun einen moderateren Kurs als in diesem schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten einschlagen würde, es ändert rein gar nichts an der Tatsache, dass die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner ihn für seine Ausländerfeindlichkeit, Abschottungspolitik, Minderheitendiskriminierung und Sexismus gewählt hat. Das ist doch das eigentliche Desaster. Hier eine Wähleranalyse.

Die Menschen wollen Rückschritt statt Fortschritt und denken, dass es ihnen persönlich besser ginge, wenn sie Minderheiten zutiefst diskriminieren und Ausländer gleich aus dem Land schmeißen.

Und Handel betreibt man am besten nur noch mit der eigenen Nation, und wenn schon mit anderen Nationen, dann natürlich nur kompromisslos und zu den eigenen Bedingungen, als wäre das in unserer globalisierten Wirtschafts-Welt auch nur ansatzweise möglich, geschweige denn fair. Aber genau dies ist die Sprache der Populisten. Und Rechtspopulisten aller europäischen Länder stehen gerade Spalier und werfen Popcorn. Das sollte uns zutiefst besorgen.

Die Zeiten des Wegguckens und Schönredens sollten nun definitiv vorbei sein. Viele Nachrichten-Texte beginnen heute im Sinne von „Seinen überraschenden Wahlsieg haben die wenigsten erwartet". Really? Come on!

Wenn wir uns nicht ab sofort unserer eigenen Wirklichkeit stellen, dann passiert das gleiche auch bei uns. Dann werden wir spätestens bei der Bundestagswahl 2017 unser blaues Wunder erleben, im wahrsten Wortsinn. Wenn wir das Ganze weiterhin nur mit Dummheit abtun, dann lässt sich unsere freie Gesellschaft nämlich auch nicht mehr retten.

Es ist jetzt ein krasser Wandel nötig. In Politik, Medien und besonders auch in unserer Zivilgesellschaft. Es geht nicht mehr, dass wir alle die Augen verschließen vor der großen sozialen Ungleichheit im Land.

Viele Menschen, die diese rechtspopulistischen Parteien wählen, besitzen nur eine geringe Bildung und sind sozial schwach - gesellschaftlich abgehängt könnte man auch sagen. Was haben diese Menschen denn noch zu verlieren? Nicht viel. Gewinnen können sie aber ein ganze Menge, vielleicht keinen Reichtum, aber zumindest die Genugtuung es „denen da oben" mal so richtig gezeigt zu haben. In einem ziemlich perspektivlosen Leben sicherlich ein zynischer, aber kein schlechter Deal.

Arme bleiben arm

Laut aktuellem WSI-Verteilungsbericht der Hans-Böckler-Stiftung ist die soziale Mobilität in unserer Gesellschaft gesunken, die Ungleichheit bei Einkommen ist auf dem höchsten Stand und Arme bleiben meist arm. Erschütternd.

Zwischen 1991 und 1995 schafften es rund 58 Prozent der Armen (als arm gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens von 19.600 Euro zur Verfügung haben, sprich 11.700! Euro und darunter) in eine höhere Einkommensgruppe aufzusteigen.

Mittlerweile sind es nur noch 50 Prozent, die eine Aussicht auf etwas bessere Lebensverhältnisse haben. Für alle anderen bedeutet es, das Leben, das wir alle als besonders wertvoll empfinden, am Existenzlimit zu fristen. Und zwar bis zum bitteren Ende. Hatten wir nicht alle schon mal ein Jahr, indem wir aus verschiedenen Gründen nicht in Urlaub fahren konnten? Puh, war das hart oder?

Es gibt Menschen, für die ist der Begriff Urlaub so fern wie der Mond. Und für ihre Kinder auch. Jedes 20. Kind in Deutschland ist von Armut betroffen, die traurigen Eckdaten zu Armut siehe oben. Für diese Kinder ist und bleibt der Mond weiterhin erreichbarer als der nächste Ostsee- oder Nordseestrand.

Erwiesenermaßen haben diese Kinder kaum Chancen in unserem Bildungssystem, folglich auch kaum welche auf dem Arbeitsmarkt und wenn, dann lediglich als Geringverdiener. Und da wundern wir uns, dass diese Menschen nicht Seite an Seite mit uns für die Freiheit und die Zukunft kämpfen? Während wir an unserem Coffee-to-go nippen?

Diese Verfestigung der Armut ist eine Katastrophe für die Menschen, für die Demokratie und für unsere Gesellschaft. Also geht sie uns alle an.

Politik - Medien - Gesellschaft

Die Politik kann jetzt weiterhin versuchen fahrlässig auf Kosten unserer Zukunft Symbolpolitik zur Rente zu betreiben, um ein paar Wählerstimmen zu retten. Oder sie kann das tun, was nötig ist: Menschen, die in diesem Land leben, wieder eine echte Perspektive auf gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und sozialen Aufstieg zu bieten.

Und das geht nicht dadurch, dass man Sozialleistungen um fünf Euro erhöht oder sich zum Mindestlohn gratuliert. Diese politischen Errungenschaften, die oft in hammerharten Nachtsitzungen publikumswirksam erkämpft werden, kommen bei den Menschen so hammerhart leider nicht an.

Welche Partei hat den Mut, auf den gesellschaftlichen und digitalen Wandel zu reagieren und ganz neue Transfersysteme und Bildungsangebote anzubieten? Ohne die wird es in Zukunft sicher nicht gehen, zumindest wenn uns eine Trump-faktische Welt erspart bleiben soll.

Die Medien sollten weniger selbstreferentiell in ihrem eigenen Saft schmoren und sich wieder mit den Wirklichkeiten aller Menschen beschäftigen. Die soziale Ungleichheit ist so groß wie nie, warum bekommen diese Menschen kaum eine Stimme? Auf dem letzten Publishers' Summit hörte man selbstkritische Stimmen, die eingestanden, dass sich die Medien zu sehr von den Menschen entfernt haben. What? Wie kann das passieren, frage ich mich?

Gerade Redakteure von Zeitungen und Zeitschriften müssten doch ganz nah dran sein an den Lebenswelten der Menschen. Und jetzt ist das Problem, dass ihnen nicht nur die Leserinnen und Leser flöten gegangen sind, sondern dass einfach ein Großteil der Gesellschaft gar nicht mehr angesprochen oder vertreten wird.

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Und last but not least, wir als Gesellschaft müssen wieder mehr für unsere Werte einstehen. Es darf uns nicht egal sein, wenn Menschen abgehängt werden oder überhaupt nie eine Chance hatten dazu zu gehören.

Wenn wir uns alle wieder mehr um diejenigen kümmern, die am Rande der Gesellschaft stehen, wenn wir nicht zulassen, dass die Kinder keine Perspektive haben, keine Stimme, und wenn wir überhaupt mal wieder wahrnehmen, dass es sie gibt, dann können wir das Zusammenleben wieder stärken.

Und es reicht eben nicht zu twittern, zu faven oder zu retweeten, dass wir die Welt retten wollen. Das gibt uns vielleicht ein gutes Gefühl, tolle Bestätigung und ist auch ziemlich bequem, hilft aber niemanden. Am Ende nicht einmal uns selbst. The times have fucking changed.

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