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Ein Laubbläser Rant (wtf?)

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LAUBBLAESER
iStock
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Wenn ein Text beginnt mit „eigentlich lese und schreibe ich keinen Rant...", dann weiß jeder gewiefte Leser und Internet-Checker, dass jetzt ein großes ABER folgt. Richtig.

Heute Morgen, als ich vom Joggen nach Hause kam, schickte ich noch mit verschwitzten Händen meiner Frau eine WhatsApp: „sag mal kurz wie heißen diese lauten stinkenden unkrautschneidermotorenhäcksler?"

Nach ein paar Sekunden kommt schon die Antwort: „Fadenschneider"

Meine Frau ist sozusagen die personifizierte, analoge Wikipedia. Sie weiß irgendwie immer alles, sodass ich gerne (weil es auch mehr Spaß macht), statt der Google-Suchmaschine meinen privaten WhatsApp-Dienst nutze.

Aber Fadenschneider? Kann das sein? Fadenschneider hört sich so filigran an. So sensibel. So freundlich. Ich google also lieber doch nochmal und finde noch eine andere Bezeichnung. „Motorsense". Das passt hier definitiv besser.

Aber zurück zum Rant. Ein Rant ist ein völlig übertriebener, polemischer, süffisanter, ironischer, wütender oder aufbrausender Text, in dem der Verfasser sich mal ordentlich Luft verschaffen möchte, notfalls (bzw. meistens) auf Kosten eines anderen menschlichen Wesens. Da ich normalerweiser recht harmonisch veranlagt bin, mag ich genau das nicht (der eine macht sich Luft und der andere bekommt sie abgedreht) - was der Grund ist, weshalb ich einen Rant selten lese, noch bis jetzt geschrieben habe.

Freundlicherweise wird ein schöner Rant ja auch als solcher schon in der Headline angekündigt, sodass man sich ganz gut davor schützen kann.

Weshalb ich jetzt doch einen schreibe? Weil ich mir Luft machen muss über ganz schreckliche Gegenstände, die besonders im Herbst ihrerseits die Luft extrem verpesten und die Umwelt belasten. Gemeint ist der ziemlich belästigende Laubbläser und die noch belästigendere Motorsense.

Heute war ich also Joggen im Park oder besser gesagt, so halb neben dem Park, da ich mich im Park gerne verlaufe, wenn ich so meinen Gedanken nachhänge. Hier im Volkspark ist glücklicherweise eine schöne 800 Meter Laufrunde, eine Mischung aus Sportplatz und Park. Das ist genau mein Ding, ich kann mich nicht verlaufen und weiß jederzeit wie viele Kilometer ich auf der Uhr habe, selbst ohne Uhr.

Über mir wehen die Bäume und unter meinen Füßen raschelt das Laub. Und genau dieses schöne, bunte Laub ist im Herbst das Problem. Es muss weg. Schnell und kostengünstig. Also war meine morgendliche Laufstrecke bevölkert von zahlreichen Menschen, bewaffnet mit Laubbläsern und Motorsensen, die ohrenbetäubenden Lärm verbreiten und was noch viel schlimmer ist, die die schöne Morgenluft mit einem flächendeckenden Benzingestank überziehen.

Wenn man es schafft, irgendwie ohne zu atmen an den Laubbläsern vorbeizukommen, dann sind die Motorsensen-Häcksler die nächste Herausforderung. Man muss das Atmen einstellen, wegen des Benzingestanks, und man muss sich aber auch gleichzeitig die Augen zuhalten, wegen der umherfliegenden Erdklumpen, Stöckchen und Steinchen.

Ich hatte mich schon darauf eingestellt das Ganze irgendwie eine Stunde durchzuziehen - ohne meinen Gedanken nachhängen zu können und den Tag zu planen halt - ich musste ja volle Konzentration auf Mund-, Nasen- und Augen-Performance legen, als ich fast über einen Benzinkanister stolperte.

Klar, diese lärmenden Monster benötigen zwischendrin Sprit. Der Chef-Häcksler füllte mitten auf dem Weg Benzin vom Kanister in den Laubbläser. So frisches, unverbranntes Benzin beim Laufen einzuschnappatmen ätzt einem fast die Lunge weg, aber gut.

Viel schlimmer allerdings ist, dass ich eine ziemlich Allergie bekomme (in Form von extrem schlechter Laune), wenn hier mal eben auf offener Strecke mit Benzin rumhantiert wird.

Als mein Neffe dies vor ein paar Jahren beim Rasenmäher versuchte, ist er mit der Garage in die Luft geflogen und wurde nicht weit von mir in die Uni-Klinik geflogen. Als ich ihn am nächsten Morgen besuchte, konnte ich ihn unter den ganzen Wickeln zumindest an den Augen erkennen. Heute sieht er glücklicherweise wieder ganz hübsch aus.

Dieses Auftanken am offenen Herzen hat mich dann letztendlich doch dazu bewogen meine wunderhübsche Joggingstrecke zu verlassen und in den Park zu laufen. Blöd ist ja, dass es dort nicht so schön geradlinig ist und es geht auf und ab. Bergauf ist es anstrengend und bergab muss man aufpassen, dass man auf dem ganzen Laub nicht ausrutscht und sich auf den Hintern setzt - das wäre dann allerdings schon wieder Ironie des Schicksals.

Leute, Leute, das kann doch echt nicht wahr sein. Mich macht das so wütend. Natürlich bin ich nicht wütend auf die Menschen, die diesen Job machen, schlimm genug, dass sie diesen Gestank und Lärm den ganzen Tag ertragen müssen.

Wir überlegen einerseits, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen, mit Drohnen, Robotern und Automatisierung. Und in der Gegenwart verpesten Laubbläser und Motorsensen mit Benzingestank Natur und Menschen. Das mag nicht so wirklich zusammenpassen.

Ja, Politik und Kommunen müssen sparen, die elektrischen Varianten dieser Gartenmonster kosten das Dreifache und die Reichweite ist geringer. Aber darf das eine Frage der Kosten sein? Nur weil es günstiger ist 1-Euro-Jobber mit Dreckschleudern durch die Gegend zu jagen? Aber die Autoindustrie soll schön innovativ Elektroautos bauen und wir Verbraucher sollen diese schön brav kaufen? Roboter bringen mir demnächst meine Pakete, aber Arbeiten, die nun wirklich mal als Allererstes von Robotern übernommen werden könnten und sollten, da laufen vermutlich noch in zwanzig Jahren arme Menschen mit rückständiger Technik durch die Gegend.

Ich erwarte von einer Stadt im 21. Jahrhundert mit Symbolkraft für die Zukunft, dass sie wenigstens das Minimum an Modernisierung bietet. Und das absolute und eigentlich „alternativlose" Minimum sind Gartengeräte mit Elektroantrieb im öffentlichen Dienst. Die Akkus reichen nicht für einen Arbeitstag? Dann baut Ladestationen, viele, sehr viele - am besten für Autos und Laubbläser in einem. Basta!

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