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Die Burka muss in den Kleiderschrank...

24/08/2016 09:36 CEST | Aktualisiert 25/08/2017 11:12 CEST
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zumindest wenn ihre Trägerinnen in Deutschland zukünftig öffentliche Einrichtungen wie Ämter und Gerichte besuchen wollen oder ein Fahrzeug im Straßenverkehr steuern möchten, beziehungsweise dürfen.

Vergehen sollen künftig, wie es in der „Berliner Erklärung" heißt, als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Ein generelles Burka-Verbot, das einige Innenminister der Union im Vorfeld forderten und wie es beispielsweise in Frankreich, im Tessin und in Belgien gilt, ist in dem Forderungskatalog für mehr „Innere Sicherheit" und Integration" dann doch nicht eingeflossen.

Auch wenn ich das Tragen einer Burka schrecklich finde und den dahinterstehenden Gedanken der Unterdrückung ziemlich verabscheue, halte ich ein generelles Verbot von Vollverschleierung nicht für richtig - in der jetzigen Situation sogar für ein sehr gefährliches Signal.

In einer freien und demokratischen Gesellschaft sollten wir solche Symbole, die für die Unterdrückung der Frauen stehen, natürlich wirklich nicht billigen.

Andererseits hängt die Burka aber in der aktuellen Debatte eher als Symbol für islamistischen Terror, Fremdenhass und Ausgrenzung am Haken - was natürlich völliger Humbug ist. Aber ein Verbot zum jetzigen Zeitpunkt würde genau diesen Eindruck verfestigen und indirekt all denen in die Hände spielen, die sowieso gerade gerne alles Fremde in unserer Gesellschaft ausgrenzen möchten. Und das hat genauso viel oder wenig mit einer freien Gesellschaft zu tun wie das Tragen der Burka selbst.

Ängste schüren durch Symbolpolitik

Im kürzlich vereinbarten Integrationsgesetz wurden viele Integrationsmaßnahmen und Sanktionen unter der Maxime des „Förderns und Forderns" verabschiedet, die das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern in unserer Gesellschaft gewährleisten sollen.

Schon hier wurde viel mit Symbolpolitik gearbeitet, um den starken, sicheren und deutschen Staat zu demonstrieren. Auch in diesem Gesetz ist einiges kritikwürdig, aber auf diese Grundlage könnte man nun also erst einmal vertrauen und dafür sorgen, dass auf beiden Seiten alles getan wird, damit unsere Gesellschaft die Integrationsaufgaben bewältigt und am Ende vielleicht sogar davon profitiert.

Stattdessen möchte man aus politischem Kalkül heraus Ängste schüren und an eh schon schwachen Mitgliedern der Gesellschaft ein Exempel statuieren, um sich für die nächsten Wahlen in Position zu bringen. Dafür wird in Kauf genommen, dass die Frauen bei einem Verbot noch mehr Hass ausgesetzt sind - quasi legitimiert - wie Erfahrungsberichte aus Frankreich und Belgien zeigen.

Wenn in Frankreich heute Frauen die Burka ablegen, dann nicht wegen des Gesetzes oder dem drohenden Bußgeld (das in Frankreich sogar mehrheitlich von einem reichen Geschäftsmann übernommen wird), sondern weil sie Angst vor den pöbelnden Mitmenschen haben. Ob dies so im Sinne des Erfinders einer offenen Gesellschaft ist, weiß ich jetzt auch nicht.

Wir pflegen generell einen recht verschleierten Umgang miteinander

Die Burka verhindere Integration und Kommunikation, so heißt es von den Verbotsbefürwortern. Das mag durchaus so sein. Unsere Gesellschaft selbst verhindert aber auch Integration und Kommunikation.

Wir tun gerade so, als würden wir unsere Mitmenschen und Migranten an jeder Stelle mit unserer Offenheit überfallen, mit Ihnen an der Ampel Blickkontakt haben, beim Bäcker quatschen und am Fahrkartenautomaten unsere Hilfe anbieten. Und nur bei denen, die eine Burka tragen, können wir diese kommunikative Herzlichkeit nicht anbringen, weil wir ihre Gesichter nicht sehen.

Wenn meine Ü80-Eltern bei mir in Berlin zu Besuch sind, dann bin ich oft froh, wenn ich sie einigermaßen unbeschadet durch die Stadt bringe. Denn die Gefahr, dass sie in der Menge einfach umgerannt werden ist sehr groß, und dies obwohl man ihre älteren Gesichter durchaus sehen kann, in denen dann auch meist blanke Panik abzulesen ist - wenn sich jemand die Mühe machte, in ihre Gesichter zu schauen.

Ich denke, wer ehrlich darüber nachdenkt, wird feststellen, dass wir auch ohne Vollverschleierung einen ziemlich verschleierten Umgang miteinander pflegen.

Warum wir nun auf einmal alle unbedingt mit den bisher relativ unsichtbaren Burka-Trägerinnen Face-to-Face kommunizieren wollen, ist mir tatsächlich etwas rätselhaft. Fangen wir doch einfach schon einmal damit an: Gesichter zeigen und Gesichter wahrnehmen.

Gesellschaft der Abschottung

Wir sind mittlerweile eine Gesellschaft der Abschottung geworden und identifizieren uns aktuell eher dadurch, was wir nicht wollen: kein Europa, keine Globalisierung, keine Handelsabkommen, keine Herausforderungen, kein Risiko, keine Flüchtlinge, keine Fremden, keine Burka.

Aber was wir wollen ist dagegen nicht ganz so klar, im Großen und Ganzen gilt es wohl den Status Quo zu erhalten. Das mag bequem sein, und selbst wenn es überhaupt ginge, wäre dies auf Dauer sehr rückschrittlich, ungerecht und extrem langweilig.

Es soll ungefähr hundert bis zweihundert Burka-Trägerinnen in Deutschland geben. Ein Verbot wäre also eine Lösung für ein Problem, das hier kaum existiert, dafür aber hohe Symbolkraft ausstrahlt.

Dass die Vollverschleierung ein Zeichen für die patriarchalen Strukturen ist, diese Frauen kaum eigene Rechte haben, weder arbeiten noch Autofahren dürfen, all das ist bittere Wahrheit. Durch ein Verbot wird sich daran weder hier noch in der arabischen Welt irgendetwas ändern.

Freiheit leben und pflegen, Vorbild sein für Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen und sich nicht vor jeden populistischen Karren spannen lassen, der gerade vorbeifährt - das wären gute Zeichen für eine lebendige und freie Gesellschaft.

Das Thema „Burka" sollte aber erst einmal wieder in den Schrank.

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