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Im Vorbeigehen

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ANJA PIEL
dpa
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Es ist Montagmorgen, 8 Uhr. Ich betrete den Landtag und werde herzlich begrĂĽĂźt - wie jeden Morgen. Es sind die ersten Gesichter des Tages, denen ich hier im Landtag begegne: Herr K., Frau N., oder Frau E.

Sie grüßen mich freundlich, wir plaudern kurz, sie drücken den Summer und ich gehe weiter zu meinem Büro in den vierten Stock. Ich weiß, ich werde sie spätestens wiedersehen, wenn ich den Landtag am Abend wieder verlasse. Die freundlichen Pförtner des Landtags.

Es ist leicht, sie zu übersehen. Wer es eilig hat auf dem Weg ins Büro, nimmt sie kaum wahr. Man braucht sich nicht auszuweisen, denn die Pförtner kennen alle Abgeordneten, alle Namen. Selbst die Gesichter der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sogar die der Praktikanten merken Sie sich wortwörtlich im Vorbeigehen.

Politiker werden leicht zur Zielscheibe


So diskret sie aber ihre Arbeit machen, so wichtig ist doch, was sie tun. Im Jahr 2013 wurde im Kreishaus in Hameln der Landrat RĂĽdiger Butte von einem verwirrten Mann in seinem eigenen BĂĽro erschossen.

Sein Tod hat mich schwer erschĂĽttert. Er hat mir aber auch vor Augen gefĂĽhrt, wie angreifbar wir Politikerinnen und Politiker sind.

Nach der Tat und auch nach den Terroranschlägen, die Europa seitdem getroffen haben, wurde auch bei uns im Landtag über die Sicherheit der Zugänge diskutiert. Es wurde uns Abgeordneten bewusst, dass wir und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ziel von Gewalt werden können. Dass dieses Risiko nicht völlig abstrakt ist.

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Wir haben uns im Landtag dagegen entschieden, uns mit Sperren und Sicherheitsschleusen abzuschotten. Wir wollten das offene Parlament, das zugänglich für alle ist. Wir wollen das Volk, das wir doch vertreten, nicht aussperren.

Aber wir wissen, dass jemand da ist, der genau hinsieht. Wir wissen, dass die Pförtner darauf achten, wer reinkommt. Dass sie eben nicht für alle automatisch die Tür öffnen, sondern lieber noch mal nachfragen, zu wem eine Person denn möchte. Damit geben sie uns ein Stück Sicherheit, die sie selbst nicht haben.

Die Helden meines Alltags

Die Pförtner des Landtages haben mich aber auch schon manchmal gerettet, als es nicht um Leib und Leben, aber um eine Menge Nerven ging. Wo habe ich nur meine Tasche liegen lassen? Da kommt auch schon der Anruf: Wir haben im Besprechungsraum eine Tasche gefunden, könnte das Ihre sein?

Voller Bewunderung nehme ich die Gelassenheit wahr, die von der Pförtnerloge während der Plenartage ausgeht.

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Sie wirkt dann mitten im Gewusel zwischen telefonierenden Abgeordneten, hektischen Mitarbeitern, Fernsehteams und natürlich den Besuchergruppen aller Altersklassen, wie ein Fels in der Brandung. Und das ist sie auch, denn ein freundliches Wort und ein Lächeln ist dort immer möglich.

Bei all dem Stress, den wir Politikerinnen und Politiker haben, sehe ich es gern, wenn meine Kolleginnen und Kollegen sich Zeit für ein Gespräch mit den Pförtnern nehmen. Das passiert tatsächlich oft.

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Ich selbst habe in den letzten viereinhalb Jahren einige von ihnen näher kennen gelernt. Sie alle arbeiten hart und sie werden damit ganz sicher nicht reich.

Sie alle haben jemanden, fĂĽr den sie sorgen. Die Eltern im Land der Herkunft. Der Sohn, dessen Arbeitsplatz bedroht ist. Oder der Partner, von dem nicht sicher ist, ob er bis zum geplanten Urlaub wieder gesund ist.

Wenn abends im Landtag die Lichter ausgehen, hat auch Herr K. Feierabend. Die Tore schlieĂźen aber nicht.

Ein Eingang ist immer besetzt, ein paar Pförtner sind die ganze Nacht über da. Sie passen auf, dass nichts passiert und sie lassen die Nachteulen rein, die sich noch Akten holen - oder zuhause gemerkt haben, dass sie wohl ihren Schlüssel im Landtag liegen lassen haben. Da kommt nichts weg. Die Pförtner können sicher weiterhelfen.

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