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Ich helfe Menschen beim Sterben - und habe dabei viel über das Leben gelernt

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KRANKENHAUS
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Ich habe einen Beruf, der für viele Menschen etwas ungewöhnlich ist. Ich bin Krankenschwester in einem Hospiz. Meine tägliche Arbeit besteht darin, Menschen zu betreuen, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sterben werden. Für mich ist das normal.

Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, dann reagieren viele erst einmal etwas verunsichert: "Oh Gott, das könnte ich ja nie, das muss ja schrecklich sein". Aber ich empfinde das überhaupt nicht so.

Natürlich, es ist nicht immer einfach. Aber es erfüllt mich mit Freude, unseren Gästen ihre letzten Tage so angenehm wie möglich zu gestalten. Das ist meine tägliche Motivation.

In der Regel verdrängen wir den Tod

Der Tod hat in unserer Gesellschaft eine sehr merkwürdige Stellung. Am liebsten verdrängen wir ihn. Und wenn er dann präsent wird, setzen wir alles daran ihn so lange wie möglich aufzuschieben. Bevor ich anfing in einem Hospiz zu arbeiten, pflegte ich 15 Jahre lang schwerkranke Patienten auf einer Intensivstation. Dort nutzt man alle Möglichkeiten der Medizintechnik, um Patienten am Leben zu erhalten.

Ich habe beobachtet, dass es dabei viel mehr um den Willen der Familie geht, als um den Willen des Patienten. Oft hatte ich den Eindruck, die sind bereit ihre letzte Reise anzutreten. Wer damit nicht umgehen konnte, waren die Töchter, die Söhne, die Enkel. Das verhindert, dass wir lernen, mit dem Tod umzugehen. Um jeden Preis Leben zu retten, halte ich nicht immer für vertretbar.

Meiner Ansicht nach machen sich Angehörige oft etwas vor. Sie denken, dieser eine Versuch, diese eine Therapie wird sicher funktionieren. Dann wird endlich alles wieder gut. Doch dem ist nicht so. Man darf zwar nicht pauschalisieren, aber den Tod zu verdrängen, ihn nicht wahrhaben zu wollen, das ist einfach unnatürlich.

Wir gehen anders mit dem Tod um

Im Hospiz gehen wir mit dem Tod ganz anders um. Das Sterben ist für uns etwas unumgängliches. Es ist sehr wichtig wie jemand auf die Welt kommt und es ist genauso wichtig wie er die Welt verlässt.

Anders als auf der Intensivstation ist es unsere oberste Priorität dem Tod, Würde zu verleihen. Das Menschliche kommt dort oft zu kurz. Manche stellen sich die Stimmung in einem Hospiz trist und traurig vor. Aber das stimmt überhaupt nicht.

Klar, der Tod ist das, worauf es für die meisten Patienten hinausläuft, doch ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, dass Menschen von der Intensivstation zu uns kamen und sich noch einmal richtig erholt haben.

Ich habe mal einen Krebspatienten betreut, dem die Ärzte aus dem Krankenhaus ungefähr noch eine knappe Woche zu leben gaben. "In ein, zwei Wochen ist der hin" hieß es. Wir widmeten ihm unsere Zeit, kochten vernünftiges Essen und bauten eine zwischenmenschliche Beziehung zu ihm auf.

Wir schenken unseren Patienten Aufmerksamkeit

Alle meinen immer, die Naturwissenschaft sei in der Pflege das Wichtigste. Am Ende zählt jedoch die Aufmerksamkeit, die man seinen Patienten schenkt. Der Mann lebte übrigens noch fast ein ganzes Jahr bei uns.

Zeit hat bei uns einen anderen Wert als auf anderen Krankenstationen. Wenn jemand verstirbt, dann darf er noch 24 Stunden bei uns bleiben. Auf der Intensiv ist das gar nicht möglich. Die Pfleger müssen innerhalb kürzester Zeit das Bett für neue Zugänge verfügbar machen.

Wir allerdings waschen die Gäste noch einmal, kleiden sie ein. All das gehört zu unserer täglichen Arbeit. Doch nicht nur die Arbeit mit den Betroffenen selbst, sondern auch die menschliche Betreuung der Angehörigen gehört für uns dazu.

Dabei spielt Feingefühl eine große Rolle, man muss ein Gespür für den Anderen entwickeln. Oft sind es ja die letzten Stunden in denen dann die ganze Familie präsent ist. Was man dann häufig bemerkt, ist wenn Patienten irgendwelche wichtigen Dinge im Leben unerledigt gelassen haben. Die tun sich dann sehr schwer zu gehen und können nicht wirklich loslassen.

Wenn ein Gast keine Angehörigen hat, setzen wir uns oft dazu und verbringen die letzten Stunden mit ihnen. Ob man allerdings pauschal sagen kann, dass niemand alleine sterben möchte, weiß ich nicht.

Der letzte Augenblick ist alleine oft einfacher

Oft verlässt man nur für kurze Zeit den Raum und wenn man dann zurückkehrt, ist der Mensch verstorben. Natürlich soll niemand wochenlang alleine sein, dafür gibt es uns ja. Aber im letzten Augenblick fällt es manchen Leuten einfacher allein zu sein und loszulassen.

Wenn es dann soweit ist, fangen viele Menschen plötzlich wieder an, an eine höhere Macht zu glauben. Selbst Leute die schon lange aus der Kirche ausgetreten sind, bitten dann doch noch um die Krankensalbung am Totenbett. Die Kirche ist in diesem Moment immerhin nicht nachtragend, die Salbung bekommt jeder zugesprochen.

Gäste die ein festes religiöses Weltbild haben, machen oft einen gefassteren Eindruck und wirken weniger ängstlich. Ich bin zwar selbst inzwischen aus der katholischen Kirche ausgetreten, kann es aber sehr gut nachvollziehen, wenn man sich auf etwas Metaphysisches berufen möchte. Das macht für mich den Gedanken an den Tod einfacher.

Die Arbeit im Hospiz hat mein Leben in vielen Dingen verändert. Wenn man mal verstanden hat, dass der Tod etwas Unausweichliches ist und das auch annimmt, dann lernt man viele Dinge im Leben wirklich schätzen.

Seit meiner Arbeit im Hospiz bin ich viel entspannter

Seit ich hier arbeite, bin ich viel entspannter geworden. Ich rege mich nicht mehr so oft über Kleinigkeiten auf. Früher dachte ich oft "So ein Mist, das ist ja furchtbar". Heute merke ich, wie viel Energie ich damals für unwichtige Dinge aufgewendet habe. Für mich sind Familie, Freunde und Gesundheit die wirklich wichtigen Dinge im Leben und das hat mir mein neuer Beruf gezeigt.

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Ich bin einfach froh, dass ich gesund bin und Menschen helfen kann, denen es nicht so geht. Natürlich möchte ich auch alt werden, aber mein Beruf hat mir gezeigt, wie man mit dem Phänomen Tod auf eine gesunde Art und Weise umgeht. Und das wünsche ich allen.

Anja Niemeyer ist Krankenschwester im Hospiz Pfaffenwinkel im Kloster Polling. Das Hospiz gibt es seit 2002 und hat 10 Betten. Aufgenommen werden Menschen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen, die nach menschlichem Ermessen nicht geheilt werden können und für die deshalb eine begrenzte Lebenserwartung angenommen wird. Der Hospizverein kann seine umfangreichen Leistungen ohne Spenden nicht erbringen! Deshalb: Unterstützen Sie ihn mit einer Spende!

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