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"Meine Töchter würde ich am liebsten auch verschleiern" - was ich als Kopftuchträgerin im Zug erlebt habe

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ZUG MUSLIMA
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Gemäß der vom Bundesministerium für Familie in Auftrag gegebenen Studie "Viele Welten leben" trägt die große Mehrheit der Kopftuchträgerinnen ihr Tuch freiwillig und aus "religiösen Gründen". Was nun recht wenig aussagt.

Tue ich das prinzipiell auch? Ja. (Aber noch lange nicht nur deshalb.)

Glaube ich, dass es ein unveräußerliches Gebot meiner Religion ist, dessen Nichteinhaltung unweigerlich dazu führen würde, dass ich in der Hölle schmoren werde, weil meine unverhüllte Schönheit fromme Männer auf den Pfad der Verderbnis führen wird? Nö.

Bin ich schöner mit Tuch? Dreimal nö!

Bin ich auf Identitätssuche? Zweifellos. Solange ich denken kann.

Mein ausgeblichenes, unislamisch aussehendes Tuch

Aber bitte keine voreiligen Rückschlüsse! Diesbezüglich ist nämlich mein ausgeblichenes, unislamisch aussehendes Baumwolltuch eher ein Stein im Wege als behilflich. Vielleicht führt dieser Ansatz uns auf dem Weg durch das Dickicht eines islamischen Unterbewusstseins tatsächlich weiter:

Mit so einem nichtidentifizierbaren Objekt auf dem Kopf gerät frau nicht so schnell in Versuchung, sich von irgendeinem Kollektiv vereinnahmen zu lassen. Konkret gesagt: Auch mit einer rastafarbenen Strickmütze werden Sie sowohl von der deutschen Mehrheitsgesellschaft als auch von strengen Muslimen höchstens zähneknirschend toleriert.

Aber auch Rastafaris werden Sie nicht uneingeschränkt als eine der Ihren akzeptieren. Spätestens dann nicht mehr, wenn Sie aus religiösen Gründen die erste Tüte ablehnen und den Gebetsteppich ausrollen. Tatsächlich kann gerade eine unkonventionelle Kopfbedeckung den Individuationsprozess also durchaus beschleunigen.

Es muss irgendeine Belohnung für dieses Joch geben

Eh man sich's versieht, ist man eine Persönlichkeit. Hinzu kommt meine vage Vermutung, dass es, sofern die Motive auch nur ansatzweise lauter sind, für das Tragen eines solchen Jochs irgendwie eine Belohnung geben muss. Kennen Sie diese philippinischen Christen, die sich freiwillig ans Kreuz nageln lassen?

Die tragen ihr Kreuz, wir tragen das Tuch. Belohnung gibt's im Islam für jede Mühe. (übrigens die Bedeutung des Wortes "Dschihad"). Irgendwie und irgendwann. Zum Beispiel in Form von Selbsterkenntnis und interessanten Erlebnissen.

Neulich im vollbesetzten Zug

Neulich saß ich im vollbesetzten Zug. Auf der anderen Seite des Ganges, mir schräg gegenüber, saß in ca. drei Metern Entfernung eine Frau mittleren Alters - Typ alternative, uneitle Person -, die mit Wichtigerem beschäftigt war, als sich um ihr Aussehen zu scheren.

Im Prinzip so wie ich, nur ohne Tuch. Unsere Blicke kreuzten sich ein paar Mal, bis sie plötzlich, aus heiterem Himmel und für alle gut vernehmlich, sagte: "Hallo! Tragen Sie das Tuch aus religiösen Gründen?"

Nun leide ich weder an Sozialphobie noch neige ich selbst dazu, lange um den heißen Brei herumzureden. Trotzdem war ich etwas perplex. Ganz einfach deshalb, weil mir Derartiges in rund einem Vierteljahrhundert noch nie passiert ist.

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"Ja, genau!", antwortete ich, ebenso laut und vernehmlich für sämtliche im näheren Umkreis sitzenden Mitreisenden, denn andernfalls hätte sie mich nicht verstanden. "Ich bin nämlich MUSLIMA! Und das habe ich, ehrlich gesagt, noch nie erlebt: Dass mich jemand so direkt auf das Tuch anspricht." Als die Frau daraufhin etwas betroffen guckte, fügte ich hinzu:

"Nein, verstehen Sie das nicht falsch. Ich finde das gut. Nur: Die meisten trauen sich nicht, und haben außerdem ohnehin kein echtes Interesse an dem Thema. Eine Freundin hat sich erst nach zwei Jahren zu fragen getraut. Anschließend sagte sie: 'Islam? Ach, ehrlich? Ich dachte immer, du hättest eine Gehirn-OP gehabt.'"

"Am liebsten würde ich meine Töchter auch verschleiern"

Das Gespräch setzte sich fort und einige Fahrgäste ließen nun kaum merklich ihre Bücher sinken und spitzten die Ohren. "Man hört und liest ja einiges davon!", entgegnete die Frau. "Meist nichts Gutes. Aber ich finde das sehr angenehm, wenn jemand so 'angezogen' aussieht!

Meine Töchter sind gerade in der Pubertät und die würde ich am liebsten auch verschleiern. Man weiß ja gar nicht mehr, wo man hingucken soll, wenn man mit denen redet - sogar ich als Mutter!"

"Ich finde euch mutig"

Dann näherten wir uns ihrem Zielort. "Ich muss jetzt leider raus!", sagte sie und erhob sich. Auf dem Gang rief sie mir zum Abschied zu: "Noch weiterhin viel Glück! Ich finde euch mutig!"

Ehrlich - ich kann mich nicht erinnern, dass mir so was schon mal passiert wäre. Beim Aussteigen musste ich darüber nachdenken und kam zu dem Schluss, dass sich bei uns was tut. Islamophobe Einstellungen sind gesellschaftsfähig geworden.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Ich habe aber den Eindruck, dass es im Hintergrund auch eine zunehmende Zahl an Leuten gibt, denen das stinkt. Solche, die sich mit stigmatisierten Randgruppen im Allgemeinen und Kopftuchfrauen im Besonderen solidarisieren wollen - oder zumindest erst mal reden. Und das wär ja schon ein Anfang!

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch: "Mehr Kopf als Tuch - Muslimische Frauen am Wort". Einen weiteren Auszug mit dem Titel "Warum auch wir Muslimas aufhören müssen, uns über das Kopftuch zu definieren" findet ihr hier.

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