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Mehr Kopf als Tuch: Warum auch wir Muslimas aufhören müssen, uns über das Kopftuch zu definieren

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUSLIM WOMAN
LeoPatrizi via Getty Images
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Es war in einem dieser schneereichen Winter - schon etwas länger her also - auf dem Weg zu Aldi. Ein PKW am Straßenrand war eingeschneit und steckte in der Parklücke fest.

Gedankenverloren ging ich an dem Wagen vorbei, als mir plötzlich der laut aufheulende Ton des Motors ins Bewusstsein drang. Spontan blieb ich stehen. Ich sah dem hinter dem Steuerrad fluchenden und kämpfenden Mann ein paar Sekunden lang zu und suchte nach den richtigen Worten.

Als er den Kopf kurz aus dem Fenster steckte, um besser sehen zu können, rief ich ihm freundlich zu: "Ähm ... den Zweiten haben Sie aber drin, oder...?"- Achten Sie an dieser Stelle bitte auf meine vorsichtige Formulierung als Suggestivfrage, mit der ich dem Fahrer eine gewisse Intelligenz unterstellte.

Völlig unbegründet, nebenbei bemerkt, denn der Zweite war nicht drin. Gerade deshalb fühlte sich der Fahrer vielleicht provoziert. Jedenfalls stieg er plötzlich aus, musterte mich interessiert und sagte dann: "So was muss ich mir von Ihnen als Frau sagen lassen?"

"Sieht ganz so aus!", erwiderte ich, und fügte hinzu: "Und dann noch von einer mit Kopftuch. Ganz schön bitter, was?" Ein paar Sekunden sah mich der Mann verwirrt an. Er schien zutiefst verblüfft, dass jemand seine ihm selbst bis dahin unbewussten Gefühle so treffend in Worte gefasst hatte.

Dann stieß er plötzlich seinen Zeigefinger auf meine imaginäre Brust (die de facto zehn Meter entfernt war). Er sagte: "Genau ... das!!" Das Niveau dieser Unterhaltung war mir aber entschieden zu niedrig, außerdem brauchte ich wirklich dringend Kaffeefilter. Ich lachte kurz auf, grüßte und setzte dann meinen Weg fort.

Nach ca. 200 Metern überholte mich der PKW, der im zweiten Gang offensichtlich keine Probleme gehabt hatte, aus der Parklücke zu kommen. Der Fahrer kurbelte das Fenster runter und rief mir zu: "Ich hab's nicht so gemeint ...!"

"Schon gut!", schrie ich zurück und freute mich, offensichtlich einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet zu haben. Vielleicht überlegt der Typ nächstes Mal eine Sekunde, bevor er eine hilfsbereite Kopftuchfrau anpflaumt!

Mehr als nur Muslima mit Kopftuch

Warum definieren sich gläubige Muslime eigentlich oft so stark über ihre Religion? Warum sieht sich eine muslimische Frau mit Kopftuch (heute ... im Gegensatz zu den Fünfzigern, als viele Frauen Kopftücher trugen) eigentlich in erster Linie als eine muslimische Frau mit Kopftuch? Warum stellen wir das immer so in den Vordergrund?

Viele finden das nervig. Nun ja ... wegen Erlebnissen wie diesen! Sie sehen ja, dass ich mit meiner Analyse im Gespräch mit dem ausparkenden Mann ganz richtig gelegen hatte. Ich weiß ganz gut, in welcher Schublade ich stecke. Tatsache ist aber: Ich bin gar nicht nur muslimische Kopftuchfrau. Schon gar nicht in dem Sinne der vier F, wie gemeinhin angenommen:

frömmelnd, fremdbestimmt, fanatisch, führerscheinlos? - Nö! Alles voll daneben! Der Islam ist höchstens eine Brille, durch die ich die Welt betrachte, und der Weg, den ich beschreite. "Scharia", nach "Allahu Akbar" wohl gegenwärtig das Wort mit dem höchsten blutdrucksteigernden Potenzial.

Mehr zum Thema: Burka, Nikab, Hidschab, Tschador, Hidschab: Was ist der Unterschied?

Wissen Sie eigentlich, was es heißt? Es bedeutet "Weg zur Quelle"! Ich denke, man muss kein Mystiker sein, um zu kapieren, was eine Wasserquelle in der Wüste symbolisiert: das Leben. Ohne Wasser kein Leben! Spirituell oder physisch.

Der Islam ist eine Religion im Sinne eines (Lebens-)Weges, den man geht. Und der führt, wenn ich's richtig verstanden habe, in Richtung Gott, nicht Richtung Shopping-Mall. Entscheidungen trifft man ständig. Mache ich jetzt mein Abendgebet oder mümmele ich weiter halale Gummibärchen und gucke dabei "Rambo" zu Ende?

Schreibe ich mich in der Uni für Sozialarbeit ein oder werde ich Werbepsychologe, um Jugendliche zum Rauchen zu verführen? Das alles sind Schritte auf unserem Lebensweg. Vielleicht macht mein kleines Beispiel deutlich, warum es aus muslimischer Sicht völlig unmöglich ist, Religion in die "Privatsphäre" verbannen zu wollen.

Islam und Emanzipation

"Der Weg der Frau" - so lautete der Titel eines der kaffeefleckigen, zerlesenen Bücher, die bei uns zuhause früher herumlagen. (An alle Objekte aus meiner Kindheit, die Buchstaben trugen, erinnere ich mich sehr gut.) Frauen ließen sich früher in die Rolle der Hausfrau und Mutter drängen, und auch heute noch - in islamischen, aber auch anderen Gesellschaften, die religiös geprägt sind.

Kinderkriegen ist da halt hoch angesehen - und das ist ein Job, den eben nur Frauen übernehmen können. In unserer Gesellschaft werden Frauen auch in Rollen gedrängt. Sie glauben es nicht?

Dann verrate ich Ihnen hier eine unfehlbare Methode, sozialen Selbstmord zu begehen - vorausgesetzt, Sie sind ein 19-jähriges Mädchen: Verkünden Sie im Kreise Ihrer Freunde, Ihre Lebensplanung bestünde darin, erst mal Ihren Freund zu heiraten und ein Rudel Kinder in die Welt zu setzen.

Dann könne man immer noch weitersehen. - Au weia ...! Mir schwant gerade, dass ich soeben dabei bin, das Klischee von der erzkonservativen Islamkonvertitin zu bestätigen. Aber dann sei's drum. Schließlich habe ich nicht gesagt, der Hauptlebenssinn jeder Frau müsse im Kinderkriegen bestehen (sonst sei Gott böse!). Nein. Das habe ich nicht gesagt.

Ich habe lediglich betont, dass es auch in dieser Gesellschaft einen starken gesellschaftlichen Druck in Richtung auf einen bestimmten Lebensweg gibt.

Als ich ca. zwölf war, las ich den EMMA-Jahresband meiner Mutter, deren Emanzipation sich damals so äußerte, dass sie keine Lust mehr hatte, zum Familieneinkommen beizutragen.

Irgendwann entschloss sie sich, hauptberuflich meinem Vater auf der Tasche zu liegen. "Doch ...! War schon schön, sein eigenes Geld zu verdienen, früher ...!", schwärmt sie heute regelmäßig. Offensichtlich aber nicht schön genug, um auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie wieder arbeiten gehen wollte.

Wozu auch. Mein Vater verdiente genug. Sie gab es lieber aus. Nicht, dass ich das als irgendwie vorbildlich hinstellen möchte. Ich bin inzwischen froh, arbeiten gehen zu dürfen. Aber das Vorbild meiner Mutter und anderer, wenig arbeitswilliger, emanzipierter Frauen mit weiten Röcken und bunten Blusen, die lieber in der Sonne saßen und herumphilosophierten als zu konsumieren und Geld zu verdienen, prägte mein Verständnis von Emanzipation.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Wären sie Männer gewesen und hätten sie vor 2000 Jahren gelebt, wie Diogenes, hätte ihnen sogar Alexander der Große Respekt erwiesen. Vor vierzig Jahren galt frau immerhin noch als emanzipiert. Macht man dasselbe heute, ist man eine reaktionäre Muslima. Auch Alice Schwarzer propagierte damals übrigens eine weite, körperbedeckende Kleidung als Zeichen der Frauenemanzipation.

"Lippenstift und hohe Absätze sind eine Aufforderung zur Vergewaltigung!", verkündeten Feministinnen damals. Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zergehen. Das ist sehr lange her. Feministinnen ziehen sich heute aus, nicht an. Zeiten ändern sich. Ebenso wie die Bedeutung von Symbolen - wie Kopftüchern oder lila Batikhosen.

Islamkonvertiten, so das Klischee, ändern ihren Namen, bringen bei jeder Gelegenheit arabische Floskeln an und ziehen ihre Identität von heute auf morgen einfach auf links. Ganz plötzlich werden sie fanatisch und sind nicht mehr wiederzuerkennen. Blödsinn!, sage ich. Klar: Fanatiker gibt es zahlreiche. Überall. Leute, die vom Saulus zum Paulus mutieren und sich binnen Kurzem um hundertachtzig Grad ändern.

Der Prophet und die Frauen

Unter Politikern ebenso wie Angehörigen irgendwelcher Jugendkulturen ebenso wie unter Islamkonvertiten. Aber längst nicht auf alle trifft das zu. Was mein Verständnis von Emanzipation betrifft, hat sich in vielen Jahrzehnten recht wenig geändert: Emanzipiert sein bedeutet, herauszufinden, was man wirklich will, und dies dann auch umzusetzen.

Egal, was der Imam sagt oder welchen Kurs Alice Schwarzer gerade fährt. Momentan definiert sie sich über ihre Islamophobie. Bis heute ist es ein schwieriges Unterfangen, westlichen Feministinnen klarzumachen, dass man nicht unbedingt eine multiple Persönlichkeitsstörung haben muss, um zugleich emanzipiert und muslimisch sein zu wollen. Überhaupt nicht.

Mehr zum Thema: "Du bist für eine Muslima aber sehr emanzipiert" - warum mich solche Sätze nerven

Es reicht, die EMMA zu kennen und nicht an Gedächtnisschwund zu leiden. Tatsächlich gab es im Frühislam zahlreiche Frauen mit reichlich Haaren auf den Zähnen. Da kann frau schon anknüpfen. Vorausgesetzt, auch nur ein Bruchteil der islamischen Überlieferungen stimmt, so lässt sich vom Propheten Mohammed das Bild eines sanftmütigen, stets lächelnden Mannes mit viel Respekt vor Frauen zeichnen.

Seine erste Frau Khadidscha war eine weit ältere Geschäftsfrau, die um seine Hand angehalten hatte. Bei ihr suchte er Trost und Rat und lebte bis zu ihrem Tod in glücklicher Einehe. Erst zu Zeiten eines kriegsbedingten großen Frauenüberschusses heiratete er später viele Frauen - fast nur Witwen und Waisen -, mit denen er nur insgesamt ein Kind zeugte. Was gewisse Rückschlüsse auf seine Motive zulässt.

Wie Sie sehen, lässt sich eine Identität als bereits in zweiter Generation emanzipierter Frau bequem mit dem Islam vereinbaren.

Muslim und Persönlichkeit sein

"Islam" besteht nicht aus bis ins letzte Detail ausformulierten, arabischen Gebeten, Bekleidungsvorschriften, Geboten und Verhaltenskodizes, sondern zunächst mal in gewissen, all dem zugrunde liegenden Grundlagen - zum Beispiel den Zehn Geboten und einer Reihe Tipps und Tricks, wie man es schafft, die auch halbwegs einzuhalten.

Vor allem aber dem übergeordneten Ziel, nach einer spirituellen Quelle namens Gott zu suchen (im Koran auch schlicht als "das Leben" oder "die Wahrheit" bezeichnet).

Wie Sie merken, sind Muslime (auch tuchtragende) also durchaus mehr als nur Muslime. Es ist kein Widerspruch, darüber hinaus auch eine Persönlichkeit zu haben. Das ist das große Missverständnis: Weder seinen Verstand noch seine Individualität muss man an der Schwelle abgeben, wenn man eine Moschee betritt.

Immer wieder wird in Diskussionen um das islamische Kopftuch argumentiert, das Tuch sei ein "religiöses Symbol", vergleichbar mit dem Anarchie-Aufnäher oder dem Kreuzchen um den Hals. Das stimmt nicht.

Denn sowohl im Judentum als auch im Islam tragen Männer, zumindest im Gottesdienst, ebenfalls eine Kopfbedeckung. Das Kopftuch ist lediglich Teil der islamisch gebotenen bedeckenden Kleidung. Es ist Bekleidung - nichts weiter.

Aus irgendeinem Grund, natürlich unter tatkräftiger Mithilfe meiner Glaubensgeschwister selbst, wurde das Kopftuch dann irgendwann doch zum Symbol hochstilisiert. Reiner Zufall übrigens, dass es nicht das linke Hosenbein oder der Stützstrumpf war. Dumm nur, dass keiner so recht weiß, wofür.

Hierzulande mit Sicherheit jedoch für eins: dass es irgendetwas gibt, das der Trägerin wichtiger ist als Schönheit und gesellschaftliche Anerkennung.

Muslimische Punks und Hipster

Wirklich "nichtsymbolisch" wäre das Tuch natürlich erst, wenn nicht erkennbar wäre, wofür es steht. Zum Beispiel, weil es gar keins wäre (stattdessen vielleicht eine Kapuze oder Mütze) oder - besonders ausgefuchst! - so gestaltet, dass es mit einer anderen Weltanschauung in Verbindung gebracht wird.

Man könnte sich zum Beispiel ein Tuch selber batiken oder eine riesige Wollmütze in Rasta-Farben stricken. Man darf dann nur nicht den Fehler machen, die Leute mit der Nase drauf zu stoßen, dass es eine "islamisch motivierte" Rastamütze ist. Warum nicht ein bisschen kreativer, experimentierfreudiger mit Rollen jonglieren und Vorurteilen spielen?

Ich hoffe ja immer, dass bald mal einer anfängt. Wie bereits erwähnt, tragen im Islam traditionsgemäß auch Männer Kopfbedeckungen - Fez, Turban, Häkelmützchen, Palästinensertuch ... Neulich sah ich im Bus einen riesigen dicken, schwarzhaarigen Typen mit unproportional kleinem Kopf.

Er trug eine enge schwarz-gelbe Kappe, die aussah wie ein Biene-Maja-Kostüm. Ich war total begeistert. Allerdings stellte sich heraus, dass der Typ doch kein muslimischer Biene-Maja-Fan war, sondern nur Anhänger von Borussia Dortmund. Schade eigentlich.

Prinzipiell gibt's das natürlich alles schon, besonders in Metropolen. Schicke Mainstreammode-Muslimas sowieso - "Mipster" nennen die sich (muslimische Hipster). Es gibt aber auch muslimische Punks (in den USA und Indonesien eine recht große Community) und vor allem Hiphopper.

Ich kann Ihnen, gleich hier bei mir um die Ecke, sogar eine tuchlose Konvertitin mit grauen Dreadlocks zeigen. Man muss halt nur die Ecken kennen, wo man suchen muss.

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch: "Mehr Kopf als Tuch - Muslimische Frauen am Wort".

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