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Ich schreibe dir dann, einen Brief

13/08/2017 15:22 CEST | Aktualisiert 13/08/2017 15:22 CEST
Kathrin Ziegler via Getty Images

Täglich ist unser Mobiltelefon stets zur Hand. Es gibt unzählige Messenger, mit denen wir versuchen, mit anderen in Kontakt zu bleiben. Wir denken, anders sei der zwischenmenschliche Kontakt schwer zu halten.

Sind wir doch alle genug mit unserem eigenen Alltag beschäftigt. Wir werden in Minutentakte mit Nachrichten aller Art und Fotos konfrontiert und wenn wir nicht innerhalb von Minuten Rückantwort geben, kann das schon einmal zu Missverständnissen führen oder Anlass zur Sorge geben.

Wie verrückt scheint es da Brieffreunde zu haben?

Ich vermisste das Schreiben, wie früher. Schreiben, mit der Hand, sogar mit dem Füller. Ich entschied verrückt zu sein und fand im Internet eine „Brieffreundebörse". Die Gründer leben in den USA und man konnte sich für einmalige 5,00 Dollar in eine "Letter Writers Alliance" registrieren.

Ich tat es. Ich habe seither drei Brieffreundinnen aus den USA. Sie hätten aber auch von woanders herkommen können, darauf hatte ich keinen Einfluss.

Wir schreiben uns Briefe, mal seitenweise Papier, mal Postkarten. Wir schicken uns kleine Päckchen, nicht nur zur Weihnachtszeit. Natürlich schicken wir uns auch Fotos, selbst ausgedruckte oder entwickelte Fotos. Nach jedem Brief heißt es warten.

Es ist kein Messenger verfügbar, wir kennen keine E-Mailadressen oder Telefonnummern voneinander. Die Briefe dauern 1-2 Wochen bis sie ankommen und Antworten erhält man nach ungefähr 4-6 Wochen. Alles ist länger, alles kostet Mühe, Arbeit und auch Geld und doch ist es schöner und emotionaler, als jedes Emoji oder jedes Foto, welches bei WhatsApp und Co. aufploppt.

Briefeschreiben ist persönlich, individuell und berührt die Seele. Menschen, die ich noch nie im echten Leben getroffen oder gesprochen habe, schicken mir Reisesouvenirs, Postkarten aus ihren Urlauben, z.B. aus Australien und Tageszeitungen aus ihren Städten.

Sie schreiben mir, wie sie leben, wie sie feiern, wie sie arbeiten und welche Sorgen in ihrem Heimatland kursieren. Alles ist persönlich mit Hand geschrieben, auf Briefpapier, der Umschlag ist oft verziert. Jeder Brief wirkt fast wie ein kleines Geschenk.

Man lernt wieder geduldig zu sein. Hat man einen Brief abgeschickt mit kleinen Geschenken darin, wird man nicht zwei Tage später mit Dankesreden überhäuft. Der Brief ist immer noch unterwegs und bis der Empfänger antwortet, vergehen Wochen. Wenn man Fragen stellt, können diese gar nicht sofort beantwortet werden, man muss sehnsüchtig warten bis wieder Post im Briefkasten ist.

Man steht auch vor sprachlichen Herausforderungen. Auf Englisch der Brieffreundin die Frage zu beantworten, ob Angela Merkel unser Staatsoberhaupt sei oder der Bundespräsident, ist gar nicht so einfach. Man erfährt auch von Eheproblemen und versucht Trost zu spenden, schriftlich, mit einem Ozean dazwischen.

Zum Glück habe ich meine Brieffreundinnen, denn leider ist schreiben „out". Nachrichten werden getippt. Wenn jemand zum Geburtstag einlädt, wird schnell herumgefragt und sogar der schlichte Einkaufszettel wird nicht mehr von Hand notiert, sondern ebenfalls mittels einer App organisiert.

Aber halt, es gibt sogar noch Ausnahmen. Wer heiratet, lädt gern mit selbstgebastelten Karten zur Hochzeit ein. Kommt das Baby auf die Welt, werden gern ein paar Zeilen mit Foto verschickt, damit jeder Bescheid weiß, was der Wonneproppen auch wiegt.

Und natürlich gibt es da auch noch den Tod. Todesbekanntmachungen werden nicht per Messenger, wohlmöglich mit Trauer-Emojis verschickt und die Einladung zur Beerdigung bekommt man auch mit der Post. Selbst das gute alte Testament muss mit der Hand geschrieben werden, wenn es zu Hause in der Schublade liegen soll.

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Wie wird sich die Schreibkultur weiter verändern? Wo wir uns noch vor 10 Jahren über eine liebe E-Mail freuten, befinden sich heute in unseren elektronischen Postfächern nur noch Spam und die Bestellbestätigung von Amazon. Handgeschriebene Geburtstagskarten bekomme ich schon lange nicht mehr, diese liebgewonnene Tradition ist mit den verstorbenen Großeltern gegangen.

Schreiben wir doch mal wieder! Ganz bewusst, ganz langsam, ganz „retro". Lassen wir uns überraschen, welche Gefühle damit einhergehen werden.

Oh, die Post ist da!

PS. Wann hast du zum letzten Mal einen Brief geschrieben?

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Die Autorin schreibt und reist gern. Ihr aktuelles Buch finden Sie unter www.hamburgersafari.de

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