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Anika Bischoff Headshot

Hommage an die Postkarte

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
POSTCARD
Image Source via Getty Images
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ÔÇ×Liebe Omi! Das Wetter ist sch├Ân warm. Wir waren schon baden. Morgen fahren wir weiter nach Florida. Viele Gr├╝├če, deine Anika"

Das sind meine Worte auf einer verblichenen Postkarte aus Louisiana. Der Poststempel l├Ąsst sich schwer erkennen, es muss 1992 gewesen sein.

Sind Postkarten nicht sch├Ân? Selbst welche zu schreiben und auch zu bekommen, was hatten wir fr├╝her eine Freude daran. Auf der Louisiana-Postkarte, welche ich meiner Uroma schrieb, hatte meine Mutter sogar noch ÔÇ×F.R.G." mit in die Adresszeile geschrieben. Erinnert sich jemand? ÔÇ×Federal Republic of Germany". Vielleicht hatte meine Mutter bedenken, ob die Karte ├╝berhaupt ankommt.

Postkarten waren lange Zeit die einzigen M├Âglichkeiten Kontakt mit der Heimat oder der Familie aufzunehmen. Am Anfang des Urlaubs hat man oft einmal bei den daheimgebliebenen Liebsten angerufen (nat├╝rlich per ÔÇ×R-Gespr├Ąch"), um zu sagen, dass man ÔÇ×gut angekommen" w├Ąre.

Und dann? Dann hat man seinen Urlaub genossen und zwei Kodak-Farbfilme á 24 (oder wahlweise auch 36) Fotos verschossen.

Und heute? Heute haben die Menschen ihr Mobiltelefon ├╝berall in der Welt dabei und benutzen dies auch. Sie schicken fast ununterbrochen Fotos ihrer Kinder, von ihren Ausfl├╝gen oder einfache animierte Videos, wo z.B. Hasen freundlich winken und ÔÇ×Frohe Ostern" w├╝nschen. Neulich habe ich den Fehler begangen und habe mein Mobiltelefon das erste Mal mit in den Urlaub nach ├ľsterreich genommen. Eine Bekannte aus Berlin schickte mir pl├Âtzlich hintereinander 22 (!) Fotos ihres Gartenschau-Ausflugs per WhatsApp. Hilfe! Ich musste mein Telefon schnell auf ÔÇ×stumm" schalten, um nicht alle G├Ąste des Restaurants (in welchen ich gerade Mittag a├č) in den Wahnsinn zu treiben.

Zur├╝ck zur Postkarte. Wie hat man sich damals gefreut, wenn die Oma aus ihrem Nordseeurlaub endlich eine Postkarte schickte. Einmal war es sogar keine Karte, sondern eine ÔÇ×echte" Flasche(npost). Egal, ob Flaschenpost oder Postkarte, diese Post zeigte ein Blick in eine andere Welt. Ob die Oma aus Sankt Peter-Ording schrieb oder meine Tante aus Hawaii oder Hongkong. Die gro├če weite Welt war pl├Âtzlich so nah und wir labten uns an dem kleinen Kunstobjekt namens Postkarte, denn selbst die Briefmarken waren sch├Ân!

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Nat├╝rlich gibt es Postkarten immer noch in jedem Urlaubsort zu kaufen. Die Menschen kaufen diese auch, manche werden behalten als Erinnerung, manche werden wie fr├╝her verschickt. Leider ist der Zauber beim Empf├Ąnger (und Absender) nicht mehr so wie damals.

In Amerika finde ich oft sch├Âne Karten. Die nehme ich dann mit ins Hotelzimmer und schreibe sie abends bei ÔÇ×Kerzenlicht" (Hotellampe). ÔÇ×Das Wetter ist hier sehr warm, 34┬░ C." Wie bitte? Jeder kann auf seine Wetterapp sehen, wie warm es ├╝berall auf der Welt ist. Dann fahre ich herum und hoffe rechtzeitig zur Post zu kommen, welche oft um 16 Uhr schlie├čt. Das ist gar nicht so einfach! Habe ich endlich eine Briefmarke, muss ich sp├Ąter nur noch die Postkarte irgendwo einwerfen. Bl├Âd, dass es kaum noch Postk├Ąsten gibt. Mittlerweile dr├╝cke ich den Hotelmitarbeitern die frankierten Postkarten in die Hand, denn auch das fr├╝here Hotelfach ÔÇ×outgoing mail" gibt es nicht mehr.

Freuen sich die Lieben zu Hause dann auch ├╝ber die Postkarten? Das Fenster, das in die gro├če weite Welt blicken l├Ąsst? Hat sich der liebevolle Aufwand gelohnt? Nein, die wenigsten Leute reagieren ├╝berhaupt darauf. Die weite Welt? Langweilig. Die Welt gibt es scheinbar schon genug bei Google Earth und in Dokumentationen im TV. Ein Freund von mir reagierte ├╝berhaupt nicht auf meine letzte Urlaubspostkarte. Nicht einmal mit einem ÔÇ×danke" per WhatsApp zu Hause und dass, obwohl die Leute ihre Mobiltelefone kaum noch aus den H├Ąnden nehmen.

Da f├Ąllt mir erneut die Postkarte meiner Tante ein, 1993 aus Hongkong: ÔÇ×Jeder zweite hat hier ein Telefon in der Hand. Hier wird in allen Lebenslagen telefoniert."

Vor 10 Jahren schrieb ich w├Ąhrend des Urlaubs noch rund 15 Postkarten, heute sind es nur noch f├╝nf. Aber ich schreibe weiter, aus Liebe zur Postkarte!

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Die Autorin schreibt und reist gern. Ihr aktuelles Buch finden Sie unter www.hamburgersafari.de

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