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Hommage an die Postkarte

30/07/2017 15:46 CEST | Aktualisiert 30/07/2017 15:47 CEST
Image Source via Getty Images

„Liebe Omi! Das Wetter ist schön warm. Wir waren schon baden. Morgen fahren wir weiter nach Florida. Viele Grüße, deine Anika"

Das sind meine Worte auf einer verblichenen Postkarte aus Louisiana. Der Poststempel lässt sich schwer erkennen, es muss 1992 gewesen sein.

Sind Postkarten nicht schön? Selbst welche zu schreiben und auch zu bekommen, was hatten wir früher eine Freude daran. Auf der Louisiana-Postkarte, welche ich meiner Uroma schrieb, hatte meine Mutter sogar noch „F.R.G." mit in die Adresszeile geschrieben. Erinnert sich jemand? „Federal Republic of Germany". Vielleicht hatte meine Mutter bedenken, ob die Karte überhaupt ankommt.

Postkarten waren lange Zeit die einzigen Möglichkeiten Kontakt mit der Heimat oder der Familie aufzunehmen. Am Anfang des Urlaubs hat man oft einmal bei den daheimgebliebenen Liebsten angerufen (natürlich per „R-Gespräch"), um zu sagen, dass man „gut angekommen" wäre.

Und dann? Dann hat man seinen Urlaub genossen und zwei Kodak-Farbfilme á 24 (oder wahlweise auch 36) Fotos verschossen.

Und heute? Heute haben die Menschen ihr Mobiltelefon überall in der Welt dabei und benutzen dies auch. Sie schicken fast ununterbrochen Fotos ihrer Kinder, von ihren Ausflügen oder einfache animierte Videos, wo z.B. Hasen freundlich winken und „Frohe Ostern" wünschen. Neulich habe ich den Fehler begangen und habe mein Mobiltelefon das erste Mal mit in den Urlaub nach Österreich genommen. Eine Bekannte aus Berlin schickte mir plötzlich hintereinander 22 (!) Fotos ihres Gartenschau-Ausflugs per WhatsApp. Hilfe! Ich musste mein Telefon schnell auf „stumm" schalten, um nicht alle Gäste des Restaurants (in welchen ich gerade Mittag aß) in den Wahnsinn zu treiben.

Zurück zur Postkarte. Wie hat man sich damals gefreut, wenn die Oma aus ihrem Nordseeurlaub endlich eine Postkarte schickte. Einmal war es sogar keine Karte, sondern eine „echte" Flasche(npost). Egal, ob Flaschenpost oder Postkarte, diese Post zeigte ein Blick in eine andere Welt. Ob die Oma aus Sankt Peter-Ording schrieb oder meine Tante aus Hawaii oder Hongkong. Die große weite Welt war plötzlich so nah und wir labten uns an dem kleinen Kunstobjekt namens Postkarte, denn selbst die Briefmarken waren schön!

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Natürlich gibt es Postkarten immer noch in jedem Urlaubsort zu kaufen. Die Menschen kaufen diese auch, manche werden behalten als Erinnerung, manche werden wie früher verschickt. Leider ist der Zauber beim Empfänger (und Absender) nicht mehr so wie damals.

In Amerika finde ich oft schöne Karten. Die nehme ich dann mit ins Hotelzimmer und schreibe sie abends bei „Kerzenlicht" (Hotellampe). „Das Wetter ist hier sehr warm, 34° C." Wie bitte? Jeder kann auf seine Wetterapp sehen, wie warm es überall auf der Welt ist. Dann fahre ich herum und hoffe rechtzeitig zur Post zu kommen, welche oft um 16 Uhr schließt. Das ist gar nicht so einfach! Habe ich endlich eine Briefmarke, muss ich später nur noch die Postkarte irgendwo einwerfen. Blöd, dass es kaum noch Postkästen gibt. Mittlerweile drücke ich den Hotelmitarbeitern die frankierten Postkarten in die Hand, denn auch das frühere Hotelfach „outgoing mail" gibt es nicht mehr.

Freuen sich die Lieben zu Hause dann auch über die Postkarten? Das Fenster, das in die große weite Welt blicken lässt? Hat sich der liebevolle Aufwand gelohnt? Nein, die wenigsten Leute reagieren überhaupt darauf. Die weite Welt? Langweilig. Die Welt gibt es scheinbar schon genug bei Google Earth und in Dokumentationen im TV. Ein Freund von mir reagierte überhaupt nicht auf meine letzte Urlaubspostkarte. Nicht einmal mit einem „danke" per WhatsApp zu Hause und dass, obwohl die Leute ihre Mobiltelefone kaum noch aus den Händen nehmen.

Da fällt mir erneut die Postkarte meiner Tante ein, 1993 aus Hongkong: „Jeder zweite hat hier ein Telefon in der Hand. Hier wird in allen Lebenslagen telefoniert."

Vor 10 Jahren schrieb ich während des Urlaubs noch rund 15 Postkarten, heute sind es nur noch fünf. Aber ich schreibe weiter, aus Liebe zur Postkarte!

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Die Autorin schreibt und reist gern. Ihr aktuelles Buch finden Sie unter www.hamburgersafari.de

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