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5 Gebote des Islam, die islamische Staaten jeden Tag brechen

20/08/2015 18:01 CEST | Aktualisiert 21/08/2016 11:12 CEST
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Es muss noch einmal deutlich zum Ausdruck gebracht werden, dass ISIS (von vielen Muslimen wie mir auch Daesh genannt) den Islam bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat.

Die Rechtfertigung von Vergewaltigungen als Form der Anbetung, worüber kürzlich in dem Artikel „ISIS Enshrines a Theology of Rape (ISIS vertritt die Theologie von Vergewaltigungen)" der New York Times berichtet wurde, bedeutet die Entmenschlichung von Mädchen und Frauen als Sexobjekte im Namen des Islams.

Wenn Sie sich für eine einfache theologische Gegenschrift gegen die von Daesh verübten Menschenrechtsverletzungen interessieren, lesen Sie den offenen Brief an Al-Baghdadi, den 126 männliche, sunnitische Gelehrte und religiöse Führer letztes Jahr auf einer offenen Plattform veröffentlicht haben. Sie forderten auch andere auf, ihn zu unterzeichnen.

Ich bin selbst Imamin und außerdem Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Muslims for Progressive Values (Muslime für fortschrittliche Werte) und ich habe nicht unterzeichnet. Ich habe nicht unterschrieben, weil ich wie viele andere Muslime den komplett selbst erfundenen, männlichen, religiösen Autoritarismus kritisiere.

Konnte man denn nicht wenigstens eine einzige weibliche Islamgelehrte oder eine Imamin zur Unterzeichnung bewegen? Immerhin wurde die erste Imamim vom Propheten Mohammed selbst berufen und die frühesten Gelehrten des Islam waren Frauen.

Inwiefern unterscheiden sich die Gebote der Scharia vieler mehrheitlich muslimischer Länder von den Daesh-Gesetzen?

Auch wenn ich den 126 Gelehrten und religiösen Führern meine Anerkennung dafür aussprechen möchte, dass sie diesen Brief geschrieben haben, so fordere ich sie gleichzeitig dazu auf, einen Schritt weiter zu gehen:

Warum stellt Ihr eben diese frauenfeindliche, intolerante, hasserfüllte und rassistische Theologie denn in Euren eigenen Institutionen, Gemeinden und Ländern nicht infrage?

Sagen wir es doch, wie es ist. Inwiefern unterscheiden sich die Gebote der Scharia vieler mehrheitlich muslimischer Länder von den Daesh-Gesetzen? Um diese Frage näher zu beleuchten, betrachten wir doch mal fünf von den 24 Themen, die in dem Brief als von Daesh verübte Menschenrechtsverletzungen im Namen des Islams aufgeführt werden.

#1. „Im Islam ist es verboten, die Realität der Gegenwart beim Erlass von Gesetzen nicht in Betracht zu ziehen."

Die Scharia ist das Gesetz des Islams. Zu Zeiten des Propheten Mohammeds gab es sie nicht und es handelt sich hierbei um ein rein vom Menschen entwickeltes Konstrukt - diverse mittelalterliche Interpretationen des Korans, die von politischen Interessen beeinflusst wurden. Damals haben Kalifen Geistliche dafür bezahlt, dass sie der Scharia ihre religiöse Zustimmung gaben.

Die Scharia von heute hat sich über die Jahrhunderte nicht besonders geändert und sie ist vielmehr ein unterdrückerisches System als eines, welches das Leben der Menschen erleichtert. Im Bezug auf die Themen Ehe, Scheidung, Erbschaftsrecht, Kunst, Musik, Redefreiheit und Glauben ist die Scharia in ihrer aktuellen Version ein ungerechtes System, das den Mächtigen Vorteile verschafft statt den Armen, Benachteiligten, Frauen und Kindern.

Die heutige Scharia ist weit davon entfernt, der „Realität der Gegenwart" gerecht zu werden. Die Gelehrten des Islam müssen endlich eine neue Scharia erstellen, die die Gebote des Korans im Bezug auf Gerechtigkeit, Mitgefühl und Gnade erfüllt und das 21. Jahrhundert widerspiegelt.

#2. „Im Islam ist es verboten, Unschuldige zu töten."

Dass in dem Brief der sinnlose Mord an Homosexuellen mit keinem Wort erwähnt wird, spricht für sich selbst.

Im Einflussgebiet von Daesh werden Homosexuelle getötet, indem man sie von hohen Gebäuden stürzt. Falls sie es überleben, werden sie gesteinigt. Mittlerweile gelten homosexuelle Handlungen in Saudi Arabien, im Iran, in Somalia, in Mauretanien, im Jemen, im Irak, in Afghanistan, in Pakistan und im Sudan als Verbrechen und stehen unter Todesstrafe.

Es macht keinen Unterschied, ob in Theologien ein bestimmtes Geschlecht oder eine bestimmte sexuelle Orientierung unterdrückt und bestraft wird. Beides wurde rein vom Menschen erfunden und steht nicht im Koran.

Alldem liegt die Interpretation im Bezug auf Sodom und Gomorrah zugrunde, die sowohl im Alten Testament als auch im Koran erwähnt wird und die manche so auslegen, als habe Gott Menschen lediglich wegen homosexueller Akte getötet.

Doch vergewaltigen diese Bestien nicht ebenso Männer, Frauen und Kinder? Handelt es sich bei der grauenhaften Institutionalisierung von Sexsklaverei, sexuellen Begierden, Vergewaltigung und Gewalt etwa nicht um sexuelle Gewalt und Vergewaltigung?

Daesh ist Sodom und Gomorrah.

#13. „Im Islam ist es verboten, Menschen zum Konvertieren zu zwingen."

Dies ist Lehre des Korans, die am offensichtlichsten verletzt wird. Im Koran steht: „Es gibt keinen Zwang in der Religion" (2:256) und „die Wahrheit ist es von eurem Herrn: darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will" (18:29).

Nach den Regeln von Daesh werden Jesiden entweder zum Konvertieren gezwungen oder getötet und Christen wird das Leben derart zur Hölle gemacht, dass sie entweder konvertieren oder fliehen müssen. Imame, die sich dieser Ideologie widersetzen, werden ebenfalls hingerichtet.

Wenn man die eindeutige Freiheit bei der Glaubenswahl in Betracht zieht und in Erwägung zieht, dass keine irdische Bestrafung für die Abkehrung vom Islam vorgesehen ist, warum steht dann in weiten Teilen der muslimischen Welt die Abkehr vom Glauben unter Strafe?

In Saudi Arabien wird die Abkehr vom Glauben mit öffentlicher Enthauptung bestraft und um die religiöse Fassade aufrecht zu erhalten, finden die Enthauptungen nach den Freitagsgebeten statt. In Malaysia wird man in „Besserungsanstalten" geschickt, bis man sich selbst wieder als Muslim bezeichnet.

#14. „Im Islam ist es verboten, Frauen ihre Rechte vorzuenthalten. Einfach ausgedrückt behandelt ihr Frauen wie Inhaftierte und Gefangene. Sie müssen sich nach Eurer Willkür kleiden. Sie dürfen ihr Zuhause nicht verlassen und sie dürfen nicht zur Schule gehen."

Musliminnen fragen sich: Warum müssen wir um die Rechte kämpfen, die uns vom Koran zugesprochen und vom Propheten Mohammed befürwortet werden?

Die Tatsache, dass Frauen ihre Rechte entzogen werden, basiert auf einem kulturellen, nicht auf einem islamischen „System der Ehre". In der muslimischen Welt wird dies oft mit dem Grad an Religiosität gleichgesetzt - je verschleierter, desto ehrwürdiger ist man und je ehrwürdiger man ist, desto mehr können die Männer der Familie sich brüsten.

„Frauen sind wie eine tickende Zeitbombe, die ihre Familie jederzeit entehren können", sagen Männer, die im Film "Casablanca Calling" interviewt wurden. „Je früher sie verheiratet werden, desto besser."

Mit Ehre ist in diesem Kontext jedoch nicht die Integrität, die Taten, der Intellekt oder die Freundlichkeit eines Menschen gemeint, sondern es geht um die Sexualität des weiblichen Körpers - ihre Haut, Arme, Haare, ihr Gesicht und ihre Stimme.

Dieses verzerrte Verständnis von Ehre hat die Leben von unzähligen Frauen ruiniert. Es hat sie ihrer Ausbildung, ihres freien Willens oder sogar ihres Lebens beraubt. Wir wissen, wie Frauen in Daesh-Gebieten behandelt werden, doch in einigen muslimischen Ländern ergeht es Frauen und Mädchen nicht viel besser.

#17. „Im Islam ist es verboten, Menschen zu foltern."

Obwohl Saudi Arabien das Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlungen oder Strafe unterzeichnet hat, werden dort noch immer Menschen wie Raif Badawi und viele andere dafür ausgepeitscht, die ihr gottgegebenes Recht zum Nachdenken anwenden.

In Ägypten ist Folter in Form von sexueller Gewalt, wie beispielsweise Analverkehr und Vergewaltigung bei weiblichen Gefängnisinsassen, gängige Praxis.

Ein großer Teil der muslimischen Welt ist zerrüttet, in Aufruhr, moralisch korrupt. Es mangelt ihr an Gerechtigkeit.

Wie ich anhand dieser fünf Grundsätze verdeutlicht habe, klingt alles, was von diesen religiösen Autoritäten gepredigt wird, sehr gut, jedoch nur auf dem Papier. Im Westen und in Ländern mit muslimischer Mehrheit verfolgen die Muslime, die an der Macht sind, eine patriarchalische, frauenfeindliche, unterdrückerische und ungerechte Ideologie.

Leider gibt es zwischen der Herrschaft der Daesh und des Großteils der muslimischen Welt keinen großen Unterschied. Die Theologie, der ein Großteil der Brutalität und Ungerechtigkeit entstammt, unterscheidet sich nur in der Härte der Strafen, die ausgeführt werden.

Ein großer Teil der muslimischen Welt ist zerrüttet, in Aufruhr, moralisch korrupt und es mangelt ihr an Gerechtigkeit. Wir brauchen eine Interpretation des Islams, der zum 21. Jahrhundert passt - eine, die auf einem gerechten System ohne Korruption beruht. Frieden kann man nur mit Gerechtigkeit erreichen.

Ich fordere eben die 126 Unterzeichner des Briefes an Al-Baghdadi auf, ein Treffen zu veranstalten, bei dem sie dieses Mal ihre eigenen Werte überdenken und dass sie das leben, was sie predigen.

Ein Land darf sich erst dann zu Recht als „islamisch" bezeichnen, wenn Jungen, Mädchen, Frauen und Männer dort in Würde, Sicherheit und in Glaubensfreiheit leben können, so wie der Koran es verlangt (2:256).

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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