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"Corbyn heißt Hoffnung, May heißt Angst": Warum junge Briten gegen ihre Premierministerin aufbegehren

09/06/2017 20:18 CEST | Aktualisiert 09/06/2017 21:52 CEST

Wir haben verloren, doch es fühlt sich trotzdem an wie ein Sieg. Die Parlamentswahlen haben gezeigt, dass der Wunsch der Briten nach Glaubwürdigkeit größer ist als das Verlangen nach einer harten Hand. Besonders die jungen Wähler lehnen den strengen Kurs der Premierministerin Theresa May ab.

Mit 17 Jahren bin ich der Labour-Partei beigetreten. Doch schon kurze Zeit später war ich furchtbar enttäuscht. Die Partei schlug damals eine politische Richtung ein, mit der ich mich als junger Mann nicht mehr identifizieren konnte. Als dann auch noch das Migrationsgesetz verschärft werden sollte, trat ich wieder aus.

Diese Zeiten sind vorbei. Die Ernennung Jeremy Corbyns zum Parteivorsitzenden im September 2015 hat eine neue Ära eingeläutet. 90.000 Menschen traten der Partei innerhalb von nur drei Monaten bei - so auch ich. Das Gefühl, das sich damals breit machte: Hoffnung.

Tatsächlich ist Hoffnung genau das, was Corbyn für die britische Jugend verkörpert.

Ich bin 1995 geboren und seit ich zurückdenken kann, regierten ausschließlich Politiker, denen ich nicht vertraute.

Eine Politik des Dialogs

Tony Blair, Gordon Brown, David Cameron - Politiker, die als harte, unnahbare Führungspersonen auftraten. Aber die britische Jugend will keinen Alleinherrscher mehr.

Seit 1983 ist Corbyn in der Politik tätig und hat sich nie einem Trend gebeugt. Ich finde es fast befremdlich, aber ich muss sagen: Ich vertraue diesem Mann. Statt für Opportunismus steht er für Integrität.

Dass ich mit meinem Empfinden nicht alleine bin, zeigen die Ergebnisse der vorgezogenen Parlamentswahlen. Rund 63 Prozent der 18 bis 34-Jährigen stimmten für die Labour-Partei, während nur 27 Prozent sich für die Konservativen entschieden. Bei den über 55-Jährigen gestaltet sich das Verhältnis nahezu umgekehrt.

Mehr zum Thema: Theresa May will mit der Splitterpartei DUP regieren - die gehört zu den radikalsten Parteien Großbritanniens

Es ist Corbyns Politik des Dialogs, mit der er die jungen Briten so sehr anspricht. Er nimmt an zahlreichen Parteiveranstaltungen teil und diskutiert politische Entscheidungen mit Mitgliedern und Wählern. Eine Politik der Gemeinschaft ist es, was die britische Jugend jetzt will.

Theresa May verweigerte sich im Zuge der jüngsten Parlamentswahlen kategorisch dieser Nähe zum Volk und das wurde ihr zum Verhängnis. Kaum Wahlveranstaltungen, keine TV-Debatte, kein Dialog.

Der Brexit spaltet das Land

Die nächste große Eintrittswelle in die Labour-Partei löste der Brexit aus: 100.000 neue Mitglieder verzeichnete die Arbeiterpartei nach dem Referendum.

Es ist deutlich zu spüren, wie sich das Land wegen des Austritts aus der EU politisch spaltet: 66 Prozent der 25 bis 39-Jährigen wählten für den Verbleib in der EU, während 74 Prozent der 55 bis 64-Jährigen für den Austritt stimmten. Bei den über 65-Jährigen waren es sogar 90 Prozent.

Die Frage, die das Land jetzt beschäftigt, ist zwar nicht mehr die, ob Großbritannien aus der Union austritt. Die Frage ist, wie es austritt. Und die Wahl zeigt: Die Briten haben kein Interesse an einem harten Schnitt.

In Großbritannien ist eine Ära der Gegensätze angebrochen: Alt gegen jung, Conservative Party gegen Labour Party, Angst gegen Hoffnung.

Theresa May hat versucht, diese Angst zu instrumentalisieren. Der Versuch, durch eine Neuwahl noch mehr Macht auf sich zu konzentrieren, war ein großer Fehler und widerspricht der gemeinschaftlichen Aufbruchstimmung, die die britische Jugend erfasst hat.

"Wer hat uns verraten...?"

Auch für die Deutschen ist das Ergebnis der Wahl hochspannend. Als Martin Schulz zum Vorsitzenden der SPD gewählt wurde, war auch er ein Hoffnungsträger, genau wie Corbyn.

Seit zehn Monaten lebe ich in Deutschland und habe den Aufstieg und Fall des Sozialdemokraten mitverfolgen können.

Mehr zum Thema: Was bedeutet Mays Wahlschlappe für den Brexit? Die 6 wichtigsten Antworten

Auch Schulz hat eine Welle der Parteibeitritte ausgelöst und auch ihm haben die jungen Menschen vertraut. Schulz hat jedoch einen entscheidenden Fehler gemacht: Im Kontrast zu Corbyn hat er keinen klaren Bruch mit der Vergangenheit gewagt.

Der Parteivorsitzende der SPD hat begonnen, mit konservativen Wahlkampfthemen zu liebäugeln, an die er jedoch selbst nicht wirklich zu glauben scheint. Dieser Opportunismus hat ihn unglaubwürdig gemacht - ein Vertrauensbruch, den er nie wieder wettmachen kann.

Das Interview wurde geführt von Janina Zillekens

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