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Angelika Hesse Headshot

Rabenmutter auf Reisen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUM DAUGHTER GOODBYE
Images By Tang Ming Tung via Getty Images
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"Ich brauche dringend eine Woche Urlaub", schreibt mir meine kinderlose Freundin in einer Email.
"Och, könnte ich auch gebrauchen", maile ich zurück. "Sag Bescheid, wenn du eine Begleitung brauchst. Ich komm mit!"
"Meinst du das WIRKLICH ernst?", kommt ihre prompte Antwort, denn ich bin eine echte Glucke.

Ich habe meine Kinder noch nie länger als zwei Tage alleine gelassen. Vor neun Jahren, meine Große war zwei Jahre alt, arbeitete meine Freundin für ein Jahr in Wien und ich besuchte sie dort für ein Wochenende.

Als mein Mann mich Sonntagabend vom Flughafen abholte und ich meine Zweijährige mit einem Blümchen in der Hand hinter der Absperrung sah, bin ich in Tränen ausgebrochen.

"Boah, wie gut, dass du wieder so einen Riesenkoffer mitgeschleppt hast. Da denken die Leute wenigstens du heulst, weil du vier Wochen in Amerika warst und nicht nur die zwei Nächte in Wien."

Okay, das war damals vielleicht etwas übertrieben von mir, aber meine Tochter war ja auch noch klein! Wer kann was für seine Hormone?

Kontrolle abgeben

Heute sind die Kinder acht und elf Jahre alt und ich bin manchmal sehr froh, wenn ich mehr Zeit für mich habe. Aber ich bin auch Kontrollfreak, Muttertier und Nervenbündel in einer Person. Das letztere lässt blöderweise meinen Blutdruck manchmal so hoch nach oben klettern, dass mir massiv mitgeteilt wurde, einmal die Woche Yoga würde definitiv nicht ausreichen, um dagegen zu steuern.

Ich weiß, ich muss auf Dauer kürzer treten. Es muss nicht immer alles hundertprozentig perfekt laufen! Ich kann nicht immer alles kontrollieren, damit bloß nichts schief läuft!

"Natürlich meine ich das ernst", schreibe ich meiner Freundin also zurück, wenn auch innerlich etwas kleinlaut. Eine ganze Woche! Sieben Tage und Nächte! Fünf Schultage! Werden mich meine Töchter für eine Rabenmutter halten, weil sie morgens ihren Kakao selber machen müssen und ich ihnen ihre Klamotten nicht nachtrage?

Was, wenn die Große genau in dieser Woche die Mathe-Arbeit schreibt? Dann bin ich nicht da um ihr zu helfen! Was, wenn eines der Kinder krank wird? Mein Mann ist doch immer etwas hilflos in solchen Situationen und Mathe liegt ihm ebensowenig wie meiner Tochter.

Kann ich mich mitten im Schulalltag einfach so davonstehlen? Kann ich riskieren, dass die Kinder ihre Hausaufgaben vergessen und jeden Tag zu spät zur Schule kommen?

Dann läuft eben nicht alles perfekt

Wenn ich meine Töchter morgens nicht wie ein Oberfeldwebel zum Aufstehen und Anziehen antreibe, rühren sie sich nämlich erst gar nicht. Meine Große pflegt sich bei sanfteren Weckaktionen noch einmal genüsslich umzudrehen und reagiert grundsätzlich erst, wenn ich meine Stimme auf ein Maximum hochfahre. Und was essen sie, wenn ich nicht da bin? Jeden Tag Fastfood und lauter anderes, ungesundes Zeug? Kann ich das verantworten?

"Klar kannst du", meint mein Mann nachdrücklich und gibt mir grünes Licht. "Wir kommen auch ohne dich klar. Du musst nicht immer denken, du wärst unersetzlich. Dann läuft es eben nicht immer alles perfekt. Na und?"

Ein paar Stunden später schickt mir meine Freundin die Buchungsbestätigung: Eine Woche Zypern, Doppelzimmer mit Meerblick und Halbpension, Yogakurse inklusive. Nun gibt es kein Zurück mehr! Und dann freue ich mich auf einmal! Sehr!

Ich versuche mir den Urlaub nicht durch Vorurlaubsstress zu vermiesen. Ich habe beschlossen, weder vorzukochen, noch meiner Familie einen genauen Plan zu schreiben, wer, wann, wo, was zu erledigen hat.

Wir haben einen sorgfältig gepflegten Familienkalender und ich bläue jedem ein, dass er nun selbst sein Gehirn einschalten muss, weil ich meines mit in den Urlaub nehmen werde, um es mal abzuschalten.

Endlich geht es los!

Ich kaufe ein paar Notfallfertiggerichte und die Eintöpfe in der Frischepackung, die meine Jüngste so gerne isst: Erbsensuppe, Grünkohl, Gulaschsuppe. Einen Tag wird meine Mutter kommen, um die drei zu bekochen. Das muss reichen! Nicht immer alles vorkauen! Nicht immer perfekt sein müssen! Nicht immer einhundert Prozent!

In der zweiten Novemberwoche verspricht Zypern tagsüber immer noch Temperaturen von fünfundzwanzig Grad. Meine Familie bringt mich zum Flughafen. Die Kinder sind aufgeregt, quirlig und spielen lautstark vorm Check-in-Schalter Abklatschspiele, was mir schnell auf die Nerven geht. "Hoffentlich sind im Hotel nicht so viele Kinder", denke ich und schäme mich ein bisschen für diesen Gedanken.

Meine Tochter flüstert mir bei der Verabschiedung zu, dass sie mir einen Brief geschrieben hat, den sie heimlich in meinen Rucksack gesteckt hat und den ich später lesen soll. Ich habe ein getragenes Unterhemd meiner Jüngsten (riecht so schön nach ihr) und das Ersatz-Schmusetier meiner Großen mitgenommen, um die Kinder ein Stück bei mir zu haben.

Dann geht es endlich los. Schon im Flieger fällt alle Anspannung von mir ab. Ich packe meinen eBook-Reader aus und atme tief durch. Herrlich! Niemand mault neben mir über Langeweile, hat Hunger oder muss aufs Klo.

Ich habe eine ganze, lange Woche, in der ich mich lediglich um mich selbst kümmern muss, vor mir. Ich muss niemanden antreiben, bekochen und hinterherräumen, keine Streits schlichten, Taxi spielen oder Hausaufgaben überwachen.

Entspannung pur

Ich koste die Woche auf Zypern mit meiner Freundin voll aus. Wir haben Bombenwetter, die Hotelanlage ist urig, nett und absolut ruhig. Morgens sitzen wir auf der Hotelterrasse mit Blick auf das blaue Meer und genießen unser ausgiebiges Frühstück.

Das Meer ist noch warm genug um darin zu baden. Wir lesen und quatschen am Strand, relaxen am Pool, gehen jeden Tag bei Sonnenuntergang zum Yoga, gönnen uns im Spa eine Massage und wandern am Bad der Aphrodite tapfer in der Mittagssonne. Die Abende lassen wir im Hotelrestaurant gemütlich mit Rotwein ausklingen und sagen uns, wie gut es uns doch gerade geht.

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Zwischendurch telefoniere ich mit meinen Lieben zu Hause.
"Sag mal, wenn ich Chili con Carne koche, wann muss ich die Zwiebeln reintun? Bevor oder nachdem ich das Hackfleisch anbrate?", fragt mein Mann.
"Papa ist gemein. Er hat mich nicht richtig geweckt und ich musste heute ohne Frühstück zur Schule fahren", beschwert sich meine Große.
"Warum weckst du sie zu spät?", frage ich.
"Weil ich sie zig Mal geweckt habe und sie anscheinend wirklich nur auf deinen Kasernenton reagiert. Wir sitzen jetzt seit Stunden an Mathe. Das ist eine Katastrophe!"
"Denk dran, dass Montag der Restmüll abgeholt wird."
"Als ob ich so doof bin."
"Letzten Monat hast du die blaue Tonne nicht rausgestellt, obwohl es fett im Kalender stand. Es ist dein Job, die Tonnen rauszustellen. Seit Wochen quillt das Altpapier nun schon über."
"Das passiert mir nur, wenn du da bist, weil ich weiß, dass du dich doch sowieso um alles kümmerst."
Aber alles in allem habe ich den Eindruck, dass die drei gut ohne mich zurechtkommen.

Die Rückkehr

Am letzten Tag sitze ich mit meiner Freundin bei einem Frappé mit Vanilleeis im Strandcafé.
"Weißt du, ich liebe meine Familie ja und freue mich auf sie, aber ich könnte jetzt problemlos noch ein paar Tage dran hängen", sage ich wehmütig und lasse einen letzten Blick über das Meer schweifen.

Es ist schon 0.30 Uhr als ich Sonntagabend die Wohnungstür aufschließe. Mein Mann hat für mich in der Küche das Licht brennen lassen. Alles ist ruhig. Auf dem Herd steht ein Riesentopf Chili con Carne.

Diesen Topf benutze ich, wenn ich für mehrere Leute eine Partysuppe koche. Angesichts der Menge, die sich immer noch im Topf befindet, müssen die drei schon seit Tagen auf einer speziellen Chili-con-Carne-Diät sein!

Die Küche ist aufgeräumt und die Arbeitsplatte blitzsauber. "Geht doch", denke ich, stelle den Koffer ab, friere das Chili ein und husche leise nach oben, um einen Blick auf meine schlafende Familie zu werfen. Meine Tochter hat mir Zettelmitteilungen hinterlassen:
"Ich hab dich lieb"
"Mama ist wieder da"
"Endlich kocht Mama wieder"
"Schlaf schön"

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Die Auszeit war es wert

Montagmorgen muss ich keinen Kommandoton anschlagen. Ein leises "Ich bin wieder da", reicht aus, um die Mädchen aus dem Bett springen zu lassen. Sie werfen sich in meine Arme und ich drücke sie so fest wie ich kann. Es ist schön, vermisst worden zu sein!

"Papa hat ekelige Sachen gekocht. Erst gab es Grünkohl mit Klößen und dann jeden Tag Chili. Aber einmal waren wir auch bei McDonalds."
Draußen höre ich ein vertrautes Fahrzeug vorbeifahren und rase zum Fenster.
"Scheiße! Die blauen Tonnen werden gerade abgeholt. Hast du unsere denn wieder nicht rausgestellt?", frage ich meinen Mann. Willkommen im Alltag!
Der verzieht zerknirscht das Gesicht. "Ein bisschen Schwund ist immer", meint er und verspricht einen Teil des Altpapiers in einer öffentlichen Sammelstelle zu entsorgen.

Eigentlich hat er ja recht! Ein bisschen Schwund ist immer! Und die Schlaufe des Wohnzimmervorhangs, die ich nach meinem Urlaub vermisst habe, konnte ich nach einer längeren Suche auch aus dem Staubsaugerbeutel fischen.

Selbst wenn in der Woche zuhause nicht alles perfekt war, meine Auszeit ohne Familie war es auf jeden Fall! Und zwar zu einhundert Prozent!

Dieser Artikel ist in leicht geänderter Version im Magazin Schule Ausgabe 2 - April/Mai 2016, erschienen.

Angelika Hesse ist Autorin des Buches "Familie ist kein Ponyhof".

Mehr erfahrt ihr auf ihrer Homepage oder Facebook.

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