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Warum ihr nicht jedes Sabbern eurer Kinder dokumentieren solltet

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BABY WAVING
Cecilie_Arcurs via Getty Images
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Meine dreizehnjährige Tochter kramt in unseren Familien-Videos. Spontan setze ich mich auf die Couch und leiste ihr Gesellschaft. Wie lange habe ich die alten Videos nicht mehr gesehen?

Als ich mit ihr schwanger war, schafften wir uns unsere erste Videokamera an. Wir filmten alles, was uns vor die Nase kam, waren absolute Neulinge auf diesem Gebiet, genauso wie wir Neulinge in Sachen Kinder waren! Schon im Kreißsaal verewigte mein Mann ihre ersten Lebensminuten.

Wir haben unsere Tochter bei jeder Gelegenheit gefilmt

Wie sie da so auf der Wickelkommode lag, von der Hebamme gemessen und gewogen wurde und mit ihren riesigen Glupschaugen die Welt betrachtete, ist heute noch ein ergreifender Moment, den ich mir gerne hin und wieder anschaue.

Die Kamera wurde die Tage danach im Krankenhaus und Zuhause bei jeder Gelegenheit herausgeholt. Ich konnte dieses winzige Wesen den ganzen Tag betrachten, ohne dass es mir langweilig wurde. Klarer Fall von überschäumendem Elternglück!

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Und so hielten wir die Linse stundenlang auf unser Kind: wenn es trank, wenn es schlief, wenn es atmete und die Augen aufschlug. Wir filmten alles! Und natürlich nötigten wir jeden, der zu Besuch kam, mit unseren Videos und warteten nach der Filmvorführung auf die Begeisterungsrufe. "Niedlich", "süß", "putzig". Ja, das war sie!

"Wie peinlich"

Meine, nun merklich dem Babyalter entwachsene, Tochter will weder die DVD mit Namen "Geburt und die ersten Lebenstage" noch "Die ersten Lebensmonate" anschauen, sondern entscheidet sich für eine DVD, auf der sie etwa sechs Monate alt ist. Das Video fängt sehr vielversprechend an: Sie wird zum ersten Mal gefüttert:

"Heute auf dem Speiseplan: Karotten."

Ich wende mich peinlich berührt ab, als ich mich im Fernsehen sehe, wie ich die Kamera umständlich auf dem Sofatisch platziere, meine Tochter im Maxicosi ins rechte Bild rücke, ihr ein Lätzchen umbinde und dann kommentiere, was genau ich ihr da gerade zu essen geben gedenke.

Anderer Tag, gleicher Ort: "Heute auf dem Speiseplan: Karotten mit Kartoffeln."

Meine Tochter verzieht das Gesicht. "Ganz tolles Video, Mama! So abwechslungsreich!"

"Eben, jetzt gibt es ja Karotten mit Kartoffeln. Zuerst füttert man Babys eine Woche lang nur Karotten und in der zweiten Woche kommen die Kartoffeln dazu", kläre ich auf und hoffe, dass ich die Karotten mit Kartoffeln und Fleisch weggelassen habe.
"Wie peinlich", meint meine Tochter.

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Das "Winke-Winke-Video"

Mir ist es auch peinlich und wir wechseln die DVD. Meine Tochter angelt nach der "Teneriffa-2005"-DVD. Ausgerechnet die! Mir ist schlagartig überhaupt nicht mehr danach, in Erinnerungen zu schwelgen! Es gibt Dinge, die hält man besser unter Verschluss und schaut sie sich am besten nie wieder an.

Nein, "Teneriffa-2005" ist kein selbstgedrehter Porno, den ich als Urlaubsvideo getarnt habe. Teneriffa-2005 ist schlimmer! Mein Mann und ich nennen es das "Mach-mal-Winke-Winke"-Video, das mich heute feuerrot anlaufen lässt.

Das "Winke-Winke-Video" wurde zu einer Zeit aufgenommen, in der meine Tochter gelernt hatte, ihre Umwelt freundlich mit winkender Hand zu begrüßen. Was wir damals übrigens für einen absoluten Meilenstein in ihrer Entwicklung hielten! Das besagte Video, auf das wir eigentlich unseren Urlaub auf Teneriffa festhalten wollten, ist voll mit unseren Bemühungen meine Tochter zum Winken zu ermutigen.

Man sieht mich den Kinderwagen über die Strandpromenade von Teneriffa schieben. Ich bleibe stehen, winke in die Kamera und sage etwas zu meiner Tochter. Sie winkt. Ich strahle. Nächste Szene: Ich laufe mit meiner Tochter auf dem Arm über die Brücke eines Naturparks, mein Mann ruft meiner Tochter zu: "Mach mal winke winke."

Nächste Szene: Mein gutgelauntes Kind auf meinem Schoß, lauthals lachend und offensichtlich sehr gut aufgelegt. Und wieder fordern wir sie auf: "Mach mal..." Ich möchte im Erdboden versinken!

Warum habe ich gedacht, ich müsste jede Sabberei festhalten?

Habe ich früher so blöd mit meinem Kind gesprochen? Ich, die doofen Kindervokabeln wie "Wauwau" oder "Tatta gehen", immer schon gehasst hat? Winke-Winke scheint mir da irgendwie durchgegangen zu sein! Und warum meinten wir damals, wir müssten die Sabberei meiner Tochter auf Video festhalten?

Es ist wohl einfach so, dass beim ersten Kind alles entsetzlich aufregend ist. Man möchte jeden Entwicklungsschritt mit der ganzen Welt teilen. Es ist ein Wunder geschehen! "Sie spricht", "Sie kann sich auf den Bauch drehen", "Sie krabbelt", "Sie kann laufen", "Sie macht Wi...". Nun ja...

Von meiner zweiten Tochter existieren derart blöde Videos nicht. Sie wurde nur sehr selten beim Füttern gefilmt und "Winke winke-machen" musste sie auch nie. Wenn sie Fieber bekam sind wir weder hysterisch zum Notarzt gefahren noch haben wir bei jedem Durchfall sofort an den Rota-Virus gedacht.

Und wenn ihr ein gleichaltriger Rotzlöffel eine Schüppe auf den Kopf haute, nahmen wir das gelassen hin und drohten den Eltern des Lümmels nicht mit einer Anzeige wegen gefährlicher Köperverletzung. Die Baby- und Kleinkinderzeit mit ihr war merklich entspannter.

Ich hatte das Gefühl, die Zeit rast

Dafür hatte ich das Gefühl, die Zeit rast. Also dokumentiere ich weiter, wenn auch eher mit Fotos statt mit der Videokamera: Seit der Geburt meiner Jüngsten fertige ich jedes Jahr ein Fotobuch an, in dem ich chronologisch vermerke, was das ganze Jahr bei uns los war, welches Motto der Kindergeburtstag hatte, welche Kostüme an Karneval getragen wurden und wo wir den Urlaub verbracht haben.

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Es kann sein, dass auch meine jüngste Tochter das ein oder andere peinlich findet, zum Beispiel das Foto, auf dem sie mit einer Knäckebrotscheibe in der Hand auf dem Töpfchen sitzt und ich als Kommentar darunter geschrieben habe "Unser Julchen ist jetzt schon sooo groß und geht aufs Klo oder Töpfchen".

Ich habe meine Töchter in jeder Phase ihres Lebens geliebt

Mein Gott, ja, ich war und bin eben eine stolze Mutter und wollte für die Nachwelt festhalten, dass sie schon mit zwei Jahren trocken war. Das muss ihr doch nicht peinlich sein!

Und überhaupt! Wenigstens wissen meine Töchter, dass ich sie in jeder Phase ihres Lebens geliebt habe: sabbernd, kleckernd oder auf dem Töpfchen hockend. Und irgendwo ist es doch schön, wenn ein Mutterherz, durch so eine kleine Geste wie ein winkendes Kinderhändchen, aufgehen kann wie ein dicker, großer Hefekuchen.

"Winke winke" hat übrigens keinen bleibenden Schaden angerichtet. Beide Kinder drücken sich heute sprachlich perfekt aus.

Angelika Hesse ist Autorin von "Familie ist (k)ein Ponyhof", erschienen bei Forever by Ullstein.

Hier findet ihr mehr Informationen zur Autorin.

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