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Familie ist (k)ein Ponyhof

30/03/2016 16:57 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 11:12 CEST
Westend61 via Getty Images

„Mama, Mama. Du musst aufstehen! Ich habe Hunger", schreit meine 2-Jährige, Lena, ihren Weckruf am Samstagmorgen laut in mein Ohr und zupft dabei unermüdlich an der Decke. „Papa steht heute auf. Mama muss mal ausschlafen und hat Kopfschmerzen", stöhne ich.

„Nein, nicht der Papa. Du musst kommen, Mama", quakt sie weiter und Sara, ihre 5-jährige Schwester, die nun ebenfalls ihren Kopf zur Tür reinsteckt, schmeißt noch ein paar Tropfen Hysterie in die Pfanne. „Ich habe so schrecklichen Hunger. Mama, bitte. Ich bin schon ganz lange wach."

Sie gewinnen immer, alle drei. Mein Kopf kann keine weitere Quengelei ertragen und benötigt dringend Aspirin und Flüssigkeit. Mit neidischem Blick auf meinen schnarchenden Mann Bernd, dessen Unterbewusstsein nur auf Autoalarmsysteme und auf „Es gibt Frühstück!"-Rufe programmiert ist, schlüpfe ich in meine Klamotten, schnappe meine Brille und melde mich zur Frühschicht.

„Ich will warmen Kakao und ein Schokoladen-Toast, aber ohne Butter!", kommandiert Sara „Auch warmen Kakao!", jammert Lena.

„Clouseau hat Hunger!", kräht Sara und der Kater gibt zustimmend ein „Miau" von sich. Es ist schon bedauernswert, dass es die gute alte Sendung Dalli Dalli mit Hänschen Rosenthal nicht mehr gibt. Ich wäre eine prima Kandidatin.

Trotz Dröhnkopfes bewege ich mich flink zwischen Mikrowelle, Toaster, Kühlschrank, Anrichte und Vorratsschrank, versuche mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und zaubere im Nullkommanix die Erstmahlzeit auf Tisch und Futternapf. Herr Rosenthal würde jetzt in die Luft springen und ein „Das war spitze!" rufen, während die rote Sirene sich wie irre drehen würde.

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Alle sind versorgt und ich mache mich auf die Suche nach Kopfschmerztabletten. In dem feinsäuberlich sortierten Arzneischränkchen steht die Großpackung Aspirin. War klar - leer. Bernd findet Einkaufszettel überflüssig, sind leere Packungen doch praktische Gedächtnisstützen, und so zeitsparend.

Notgedrungen vergreife ich mich an dem übelschmeckenden Paracetamolsaft der Kinder und schüttele mich angeekelt, als der künstlich süß-bittere Saft meinen Magen passiert. Immer noch besser als eine doppelte Portion Kinderzäpfchen.

Zum Nachspülen gibt es einen Mix aus einem Glas 100-Prozent-Orangensaft mit einer Messerspitze Vitamin-C-Pulver, einem Beutel Frauenvitamingranulat mit viel Folsäure und fünfundzwanzig Tropfen meiner lebensnotwendigen, nervenausgleichenden, pflanzlichen Beruhigungstropfen. Ohne dieses Potpourri überstehe ich keinen Tag.

„Aber nur, wenn ich mir da was aussuchen darf."

Der Kühlschrankcheck zeigt, dass ich um einen kleinen Samstageinkauf nicht herumkomme „Anziehen, waschen, wir gehen schnell zu Krügers einkaufen", treibe ich die Kinder an. „Aber nur, wenn ich mir da was aussuchen darf."

Sara hat das herrschende Prinzip in unserer Familie schon früh durchschaut. Keine Leistung ohne Gegenleistung.

Ich kontere. „Okay, eine Kleinigkeit. Aber nur, wenn du das stinkige Ding zu Hause lässt und dich vernünftig anziehst."

„Meinen Umhang? Nie. Der muss mit. Ich bin doch sonst kein Vampir."

„Ich habe noch eine ganze Kiste deiner alten Kinderbücher auf dem Speicher. Soll ich die mal für Sara mitbringen? Kann sie doch später alle noch lesen", sagte meine Mutter vor ein paar Wochen. Am nächsten Tag stand der verstaubte Karton in unserem Wohnzimmer.

Zwischen Hanni und Nanni, Band 1-12, Lissy im Internat und den Dolly-Büchern entdeckte Sara die ersten zwei Bände vom kleinen Vampir. Das Buchcover erweckte sofort ihr Interesse und ich versprach, ihr noch am gleichen Abend vorzulesen.

Die Internatsbücher lagerte ich im Keller und werde sie bei der nächsten Leerung der blauen Tonne entsorgen. Nicht auszudenken, wenn Sara in ein paar Jahren dieser Schund in die Hände fällt.

Der zehnjährige Nachbarsjunge von nebenan geht auf ein Elite-Internat in Schleswig-Holstein, spricht inzwischen zwei Fremdsprachen. Bernd, davon schwer beeindruckt, erkundigte sich letztens auffallend genau über das Schulsystem dort.

Mit Enid Blyton im Rücken hätte er bei Sara leichtes Spiel. Meine Tochter wäre nicht die erste, die der heilen Welt von Lindenhof verfallen würde. Das musste mit allen Mitteln verhindert werden.

Da waren Vampire das kleinere Übel. Anton, der Menschenjunge in der Geschichte, bekommt eines Tages Besuch vom kleinen Vampir Rüdiger. Mit einem geliehenen Vampirumhang kann Anton fliegen und erlebt mit Rüdiger viele schaurige Abenteuer.

„Der muss aber nach Mufti Eleganti riechen."

Sara lag mir solange in den Ohren, bis ich ihr aus schwarzem Stoff einen zerfetzten Umhang bastelte. Den sprüht sie regelmäßig mit ihrem Disney Kinderparfüm ein, bis man sie aus dreißig Metern Entfernung riechen kann. Ohne das schwarze Ding geht sie kaum noch aus dem Haus.

„Aber wehe du sprühst ihn neu ein", verlange ich deshalb.

„Der muss aber nach Mufti Eleganti riechen", erwidert sie trotzig.

„Du sprühst ihn nicht ein. Lena kriegt wieder ihre Hustenanfälle und ich auch."

„Doch."

„Nein."

„Doch."

„Ich habe Nein gesagt und basta."

„Dann komm ich nicht mit."

„Dann bleibst du eben hier und nur Lena darf sich etwas aussuchen."

„Ja, Sara, ich darf mir dann was aussuchen", nickt Lena und schaut oberlehrerhaft. Das reizt Sara endgültig.

„Hau ab du Baby. Du bist eine blöde Schwester", keift sie und gibt Lena einen Schubs. Die heult sofort los, schaut mich mit großen Kulleraugen an und weckt den „im Zweifel immer für den Kleineren"-Instinkt.

„Sara", maßregele ich.

„Immer bin ich die Schuldige. Du bist so ungerecht", jault Sara und stampft die Treppe hinauf. Als ich das bekannte Zischen höre, nehme ich zwei Stufen gleichzeitig und baue mich in ihrem Zimmer auf, vertreibe handwedelnd den beißend, widerlichen Kinderparfümduft. „Ich hatte gesagt, du sprühst ihn nicht ein", huste ich.

Sara grinst rotzig. Ich reiße ihr den dämlichen Umhang aus der Hand und werfe ihn, für sie unerreichbar, mit Schwung auf den Kleiderschrank. Manchmal muss man auch mal seine Macht demonstrieren. „So, und da bleibt er und wir gehen einkaufen."

„Du bist eine böse Stiefmutter!"

Affig hüpft Sara am Schrank auf und ab, gibt angestrengte Laute von sich und wird von Sprung zu Sprung wütender. Schließlich gibt sie auf, wirft sich theatralisch auf ihr Bett und kreischt: „Du bist eine böse Stiefmutter!", während sie mit den Fäusten auf die Matratze einhämmert.

Wie kann sie es wagen, mich mit Schneewittchens, Cinderellas oder Hänsel und Gretels Stiefmutter zu vergleichen? Schließlich habe ich ihr bisher weder einen vergifteten Apfel gegeben, noch musste sie Erbsen und Linsen in der Asche auflesen und noch nie, ich schwöre, habe ich sie im Wald ausgesetzt.

Im Gegenteil, sie wird von mir gekämmt, gefüttert, bekommt jeden Abend ein Schlaflied vorgesungen und ich koche mindestens einmal in der Woche ihr Lieblingsgericht: Fischstäbchen mit Kartoffelpüree.

Ob zwischen uns eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung besteht, weil ich sie nicht gestillt habe? Als Sara auf die Welt kam, bat ich die nette Hebamme direkt um die kleinen Pillen, die dafür sorgten, dass meine in der Schwangerschaft schon auf dreifaches Volumen angeschwollenen Brüste ihre Milchproduktion gar nicht erst aufnahmen.

Der Östrogenüberschuss hatte aus sportlichen 75C-Körbchen zwei von Adern durchzogene Monsterbälle gemacht. Ich hatte genug von der Körperfülle, der juckenden Kopfhaut, den Pickeln, der geröteten Epidermis um Mund und Nase, den nicht mehr vorhandenen Knöcheln und der zum Zerreißen gespannten Haut, die ich täglich mit dicken Schichten Öl einbalsamieren musste.

Wenn ich so unter der Dusche stand, meine Füße nur noch erahnen konnte, die Monsterbälle auf meinem Bauch ruhend, wünschte ich mir meinen alten Körper zurück und konnte mir nicht vorstellen, dass sich nach der Geburt jemand so mir nichts, dir nichts, an mir bedienen würde.

Ich bemitleidete meine Zimmernachbarin Ines, die über ihren Milcheinschuss stöhnte und deren kleiner Hosenscheißer Marvin sich so einfach weigerte, das kostbare Mutterelixier zu sich zu nehmen. Schwester Olga, eine große und kräftige Frau, mit Leib und Seele ihrer Berufung folgend, hatte sich diesen Problemen angenommen. Sie sorgte dafür, dass die Babys auf ihrer Station bekamen, was sie brauchten.

Mit ihren riesigen Schaufelhänden drückte und knetete sie Ines Brüste, stülpte kleine Silikonhütchen auf ihre geschundenen Brustwarzen und steckte unermüdlich dem kleinen Marvin die Warze in den Mund, der immer wieder den Kopf wegdrehte und so einfach nicht trinken wollte.

Verzweiflung machte sich bei Ines breit, die wegen ihres Dammrisses schon gehandicapt genug war. Wenn sie da so schmerzverzehrt auf ihrem Gummiring rumrutschte, sich kaum bewegen konnte und versuchte ihr Kind zu ernähren, hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen.

Saß ich doch ganz locker mit Kind und Flasche da und niemand fummelte ungefragt an meinen Brüsten. Schwester Olga versuchte alle Tricks, um Marvin zum Trinken an der Brust zu überreden. Und dann rollte sie eines Tages mit einem großen, furchteinflößenden Gerät herein - eine elektrische Milchpumpe, die üble Geräusche von sich gab. Ich habe Ines damals aufmunternd zugelächelt, mich schnell weggedreht und überlegt, ob Amnesty International da nicht die Richtigen wären.

Die Flaschennahrung haftete wie ein Makel an mir. Mitleidige Blicke wurden auf mein Kind geworfen, wenn ich ihm den Gummisauger mit der minderwertigen Industriemilch in den Mund steckte.

„Nö, ich wollte nicht."

„Hat es nicht geklappt?", wurde ich in meinem PEKIP Kurs gefragt. „Nö, ich wollte nicht", gab ich provozierend zur Antwort und nein, ich hatte mein Nabelschnurblut auch nicht zu Globuli verarbeiten lassen. Die Nachgeburt landete in der Kliniktonne und ich wollte sie mir nicht mal anschauen.

Meine Kinder werden niemals musikalische Genies werden, denn keiner der beiden bekam die kleine Nachtmusik von Wolfang Amadeus Mozart auf der Spieluhr durch die Bauchdecke vorgespielt.

Es dauert zehn Minuten, bis sich Sara endlich beruhigt. Flaschenkinder sind generell unruhiger, unzufriedener und haben eine höhere Allergieneigung. Ich bin also selber schuld, wenn meine Kinder eine nervöse Störung haben.

Nach langem Hin und Her verzichtet sie schließlich auf ihren Umhang, nimmt mir das Versprechen ab, dass sie sich „aber auf jeden Fall das aussuchen kann, was sie will", und erwähnt beim Zähneputzen fünf bis sechsmal, wie nackt und hilflos sie sich fühlt. Dabei spuckt und schäumt es aus ihrem Mund.

Die Zahnpastaspritzer lassen sich nicht restlos von meinem roten T-Shirt abrubbeln und so werfe ich eine Strickjacke über, um die Schokoladenspur direkt mit zu verdecken. Wann werde ich endlich begreifen, dass Lena ihren Kopf nicht zwecks Austausch von Zärtlichkeiten an meiner Schulter reibt, sondern, um mich schlicht und ergreifend als größte Serviette der Welt zu missbrauchen?!

...

Auszug aus "Familie ist (k)ein Ponyhof", erschienen März 2016 Forever by Ullstein

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www.angelikahesse.de

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