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Eine nukleare Katastrophe verhindern

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ATOM BOMB
Air Force - US via Getty Images
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In Genf besteht derzeit die historische Gelegenheit, eine jahrzehntelange Blockade in der nuklearen Abrüstung zu durchbrechen. Bei der zweiwöchigen Sitzung einer UN-Sonderarbeitsgruppe liegt ein konkreter Vorschlag auf dem Tisch, Verhandlungen über ein Verbot von Atomwaffen aufzunehmen. Seit mehr als 70 Jahren lebt die Menschheit unter dem Damoklesschwert einer unvergleichlichen humanitären Katastrophe. Dieser Ära könnte nun ein Ende bereitet werden.

Seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 haben ÄrztInnen, das öffentliche Gesundheitswesen und die internationalen Hilfsgemeinschaften die Weltöffentlichkeit davor gewarnt, dass sie der unvorstellbaren Zerstörungskraft dieser Massenvernichtungswaffen keine adäquate Hilfe entgegensetzen können.

In drei Fachkonferenzen in den Jahren 2013 und 2014 zum Thema humanitäre Folgen von Atomwaffen waren die TeilnehmerInnen einer Meinung: Beim Einsatz einer einzigen Atombombe käme jegliche medizinische Hilfe zu spät. Daher kann es nur um die primäre Prävention einer nuklearen Katastrophe gehen.

Nun haben vier internationale Organisationen ihre Erkenntnisse in einem Papier zusammengefasst, um der UN-Arbeitsgruppe gesundheitliche und humanitäre Argumente für ein Verbot von Atomwaffen vorzulegen - darunter der Weltärztebund und die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges.

Als ÄrztInnen und Pflegekräfte sehen sie sich ethisch verpflichtet, vor den unakzeptablen Gefahren von Atomwaffen zu warnen. Diese Gefahr ist heute so groß wie noch nie und bedroht bei einem regionalen Atomkrieg mit etwa 100 kleinen Atomwaffen bis zu zwei Millionen Menschen und bei einem Atomkrieg mit den großen Arsenalen sogar unsere gesamte Zivilisation. Auch mit der Reduktion der Zahl der Atomwaffen von 65.000 im Kalten Krieg auf heute knapp 16.000 hat sich diese Situation nicht wesentlich verändert.

Da 1.800 strategische Atomwaffen in den USA und Russland nach wie vor in höchster Alarmbereitschaft gehalten werden, bleibt das Risiko des Atomkrieges aufgrund eines Fehlalarms unverändert hoch. Dazu kommen neue Risiken durch die Weiterverbreitung der Atomwaffen in inzwischen neun Staaten, die in verschiedene politische Konflikte involviert sind.

Von einem humanitären Standpunkt aus betrachtet, bedeutet nukleare Abschreckung, seine Bereitschaft zu erklären, unterschiedslos Millionen von Menschen zu töten und das Ökosystem der Erde irreparabel zu zerstören. Uns wird erklärt, dass nur die glaubhafte Drohung, Atomwaffen einzusetzen, die Abschreckung effektiv mache. Dabei ist die glaubhafte Androhung des Atomwaffengebrauches nichts anderes ist als eine globale Erpressung, die die ganze Welt in Geiselhaft nimmt.

Ungeachtet der Argumente, die Atomwaffenstaaten und atomwaffenabhängige Staaten auch vorbringen mögen, ist die Abschreckung unvereinbar mit dem humanitären Völkerrecht. Nukleare Abschreckung in jeglicher Form - einschließlich der erweiterten nuklearen Abschreckung - ist eine unmoralische und rücksichtslose Sicherheitsstrategie, die verboten werden muss.

Ein solches Verbot rückt jetzt in greifbare Nähe. Letzte Woche reichten neun atomwaffenfreie Staaten in der UNO in Genf den Vorschlag ein, dass die UN-Vollversammlung im nächsten Jahr eine Konferenz zur Verhandlung eines Verbotsvertrags einberufen soll. Wir rufen die deutsche Bundesregierung auf, diesen Vorschlag zu unterstützen.

Atomwaffen beschützen niemanden und gefährden jeden. Wenn die Abschreckung versagt, werden die Opfer und die Verwüstung der Umwelt nicht nur die beteiligten Staaten betreffen, sondern auch andere Länder, sogar auf anderen Kontinenten. Durch einen nuklearen Winter, bei dem als Folge einer großen Anzahl von Atombombenexplosionen die Erdatmosphäre abkühlt, wäre das Leben der gesamten Weltbevölkerung gefährdet.

Die Regierungsdelegationen in Genf haben die einzigartige Möglichkeit, aber auch die Mitverantwortung, eine Führungsrolle bei der atomaren Abrüstung zu übernehmen. Sie können das Ziel, Atomwaffen zu verbieten und zu vernichten, auf der Grundlage der humanitären Aspekte neu definieren.

Dr. med. Angelika Claußen, IPPNW-Vizepräsidentin (Europa)
(Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges e.V.)

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