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Warum lohnt sich Minimalismus?

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Oscar Wong via Getty Images
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Wenn Sie sich zum ersten Mal mit dem Thema Minimalismus beschäftigen, denken Sie vielleicht: „Ach du meine Güte, jetzt darf ich gar nichts mehr!" Doch darum geht es bei diesem Lebensstil nicht.

Zwar ist es ein wichtiger Bestandteil, sich in seinen Ansprüchen zurückzunehmen, aber dadurch gewinnen Sie einige große Vorteile, die sich positiv auf Ihr Leben auswirken. Minimalistisch zu leben, kann bedeuten, dass Sie dadurch viel Geld sparen.

Wenn Sie bisher ein Mensch waren, der hier und da beim Einkaufen oder beim Bummeln durch die Stadt sein Geld für unbedeutende Kleinigkeiten oder auch größere Anschaffungen ausgegeben hat, wird sich dies ändern. Sie schrauben Ihre Ansprüche zurück und überlegen sich vor jeder Ausgabe, ob Sie das Produkt wirklich brauchen.

Ist es wirklich notwendig, im Schlussverkauf den fünften dunkelblauen Rollkragenpullover zu kaufen? Oder in der Drogerie drei Flaschen von der neuen Shampoo-Marke mitzunehmen, weil sie gerade im Angebot ist, Sie aber noch nicht einmal wissen, ob Sie den Geruch wirklich mögen? Oder haben Sie bisher im Supermarkt gerne Lebensmittel im Sonderangebot in größeren Mengen gekauft?

Sofern es sich nicht um Konserven handelt, haben Sie sicherlich das eine oder andere Mal die Erfahrung gemacht, dass Sie mit dem Essen nicht so schnell waren, wie die Lebensmittel abgelaufen sind ... Letztendlich haben Sie dadurch Geld weggeworfen.

Durch Minimalismus spart man nicht automatisch Geld

Es ist aber nicht garantiert, dass Sie durch Minimalismus automatisch mehr Geld auf dem Konto haben. Eine Alternative dazu, sich beim Shoppen mengenmäßig einzuschränken, besteht zum Beispiel darin, sich ab sofort auf eine bessere Qualität zu besinnen.

Ein Beispiel: Fünf dunkelblaue Rollkragenpullover à 20 Euro ergeben zwar einen vollen Kleiderschrank, aber lohnt sich die Ausgabe? Zum einen kann das Material dieser günstigen Pullover nicht sonderlich hochwertig sein, wahrscheinlich sind sie aus Polyacryl hergestellt, einem künstlichen Garn. Zum anderen ist die Qualität bei diesen Preisen eher gering, sodass Sie sich schon bald nach einem Ersatz umsehen müssen.

Verschiedene Punkte zusammen ergeben zudem einen niedrigen Tragekomfort. Wäre es da nicht sinnvoller, sich nur einen Rollkragenpullover für 100 Euro zu gönnen, der eventuell einen Anteil an Kaschmir oder Seide hat, sich dadurch hochwertig anfühlt und aussieht sowie mehrere Jahre das Zeug zum Lieblingspullover hat?

Wenn Sie den Unterschied solcher Qualitäten bisher nicht kennen, probieren Sie im Geschäft einmal entsprechende Kleidung an. Sie leben durch Minimalismus bewusster. Sobald Sie beim Einkaufen mehr Wert darauf legen, ob Sie etwas wirklich brauchen oder die Qualität wertschätzen, greift dieser Gedanke auch in anderen Bereichen um sich.

Sie fangen dann an, andere Sachen mehr wertzuschätzen und sich über Ihren Besitz wirklich zu freuen. Viele Minimalisten brauchen nicht mehr viel, um glücklich zu sein: Ein ausgedehnter Spaziergang am Strand, ein Sonnenuntergang, warme Sonne auf der Haut oder ein gemütliches Abendessen reichen bereits aus. Natürlich hängt dies davon ab, in wie weit Sie sich auf das Experiment Minimalismus einlassen. Sie merken aber schnell, dass sich schon der erste Schritt lohnt.

Warum fällt Loslassen so schwer?

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, loszulassen? Gerade beim Entrümpeln zuhause handelt es sich doch nur um Gegenstände, Kleidung, Möbel oder ähnliches. Rational betrachtet ist es nur das: Ein Pullover, ein Stuhl, ein Buch oder eine Video-Sammlung - nicht mehr und nicht weniger. Schwer fällt es uns, uns von diesen Dingen zu trennen, da wir damit Erinnerungen verbinden.

Vor allem, wenn es einschneidende Ereignisse in unserem Leben waren, fällt es oft schwer, sich davon zu trennen. Vielleicht erinnern Sie sich an Ihren ersten Kuss, den Heiratsantrag, einen tollen Abend mit Freunden, die ersten Schritte des Kindes oder eine besonders schöne Reise.

Möglich ist aber auch, dass mit solchen Gegenständen negative Ereignisse verbunden sind. Eventuell heben Sie noch immer die Hose auf, die jetzt nach der erfolgreichen Diät viel zu groß ist, aber als Mahnmal im Kleiderschrank hängt.

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Oder im Fotoalbum sind die Bilder vom schrecklichen Urlaub von vor fünf Jahren zu finden, als die Baustelle direkt vor dem Hotel rund um die Uhr einen Höllenlärm verursacht hat und das Meer außerdem verdreckt war. Aber im Kreise von Freunden kommt das Album immer wieder ans Tageslicht, die Bilder werden herumgezeigt und gemeinsam entsetzen Sie sich an deren Anblick.

Oder haben Sie noch die Liebesbriefe eines Verflossenen, obwohl Sie froh sind, endlich die Trennung durchgezogen zu haben? Seien Sie beruhigt, denn damit sind Sie nicht alleine.

Betrachten Sie das Loslassen einmal bildlich, fällt Ihnen auf, dass Sie sich an etwas festhalten. Erinnerungen, Personen, Gegenstände - wenn Sie sich von Ihnen verabschieden würden, hätten Sie nichts mehr, woran Sie festhalten könnten.

Beobachten Sie bei sich, welche Gefühle in Ihnen aufsteigen, wenn Sie sich vorstellen, dass Sie sich von überflüssigen Sachen in Ihrem Zuhause trennen. Wie fühlt sich das an? Kommt Traurigkeit hoch, bekommen Sie Angst, fühlen sich alleine oder werden sogar panisch?

Es macht keinen Sinn, diese Gefühle zu unterdrücken

Stattdessen sollten Sie sie zulassen und sich überlegen, warum Sie so sehr an dem Gegenstand hängen. Was verbinden Sie damit? Was bekommen Sie dadurch, was Sie auf andere Weise nicht bekommen können? Beobachten Sie, was passiert, wenn Sie die Gefühle zulassen und hinterfragen? Vielleicht merken Sie, dass sie dadurch nachlassen.

Es kann Ihnen außerdem helfen, wenn Sie versuchen, die Position eines neutralen Beobachters von außen einzunehmen. Stellen Sie sich vor, Sie sehen sich, mit einem alten Liebesbrief in der Hand, weinend oder zitternd und unfähig sich von ihm zu trennen, obwohl der Angebetete schon lange keine Rolle mehr in Ihrem Leben spielt. Was würden Sie dann zu sich sagen?

Vergessen Sie außerdem nicht, dass Ihr Gedächtnis nicht gelöscht ist, nur weil Sie sich von Gegenständen trennen. Sofern es Erinnerungen sind, die Ihnen wirklich wichtig sind, werden sie auch weiterhin vorhanden sein und sich dann und wann in die Gegenwart einschleichen.

Handelt es sich aber um Erinnerungen, die Ihnen nicht gut tun und von denen Sie sich eigentlich schon längst hätten trennen sollen, waren diese bis jetzt nur noch in Ihrem Leben, weil Sie sich Fotos oder ähnliches angesehen haben. Sie haben die negativen Erinnerungen jedes Mal wieder hochgeholt, obwohl es Ihnen nicht gut tun.

Seien Sie dann froh, dass Sie sie aus Ihrem Leben verbannen

Sicherlich gibt es immer wieder Situationen, in denen auch diese Erinnerungen erscheinen, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie längst nicht mehr so häufig auftreten wie bisher. Ein Grund zur Freude!
Zusammenfassend lässt sich sagen:

Wenn Sie sich von einem Gegenstand trennen, bleiben Ihre Erinnerungen trotzdem präsent - sofern Ihr Unterbewusstsein es für wichtig hält, dass Sie sich erinnern. Im anderen Fall können Sie beruhigt loslassen. Ihr Unterbewusstsein weiß am besten, was für Sie gut ist.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Minimalismus. Loslassen, um zu leben von Angela Raab geb. Fetzner.

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Was braucht es für ein gutes Leben?

Das größte Auto, das neueste Smartphone, die teuerste Wohung... Hauptsache mehr, viel und teuer. Für viele Menschen mag das die Erfüllung des Lebens sein, doch es gibt auch eine Gruppe, die das ganz anders sieht.

Minimalismus heißt der Trend, sich von allen unnötigen Dingen zu lösen. Was haltet ihr davon? Diskutiert mit. Schreibt uns eine E-Mail an Blog@huffingtonpost.de

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