BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Angela Marquardt Headshot

Nein, Linke sind nicht faschistisch

Veröffentlicht: Aktualisiert:
G20
dpa
Drucken

Viel geschrieben wurde in den letzten Tagen über die Ausschreitungen rund um den G-20-Gipfel. In der "Welt" kommentierte Ulf Poschardt: "Das Schwarze verbindet Faschisten, den IS und die Autonomen." Klar ist, Gewaltexzesse wie in Hamburg sind grundsätzlich abzulehnen. Nichts rechtfertigt es, Autos abzufackeln, Geschäfte zu plündern und die Bevölkerung in Angst zu versetzen.

Politisch links ist das in meinen Augen schon gar nicht. Die Lehre aus der langen linken Geschichte ist: Das Ziel muss sich im Weg widerspiegeln. Wir mussten bitter erfahren, dass sich Menschen häufig als links bezeichneten und am Ende schreckliches Elend über die Welt brachten.

Wer Gewalt relativiert oder selbst anwendet, ist weder an Menschen noch an Demokratie interessiert. Eine gerechte, auf Gleichwertigkeit der Menschen aufbauende und friedliche Gesellschaft kann (in einer Demokratie) nur mittels Überzeugung der Menschen und mit friedlichen Mitteln, passiver ziviler Ungehorsam eingeschlossen, erreicht werden.

Natürlich kann sich jede und jeder links nennen

Es gibt keinen Schutz dagegen. So gilt ja auch Stalin als Linker. Das war er jedoch meines Erachtens nicht. Und wer heute noch etwas Linkes an Stalin findet, der stellt sich selbst ins Abseits.

Ulf Poschardt schreibt nun, bezogen auf die Gewalt im Schanzenviertel in Hamburg, von "Freischärlergruppen", die "ihre Räterepublik von Gewalt und Hass" für Stunden aufziehen konnten. In einem anderen Absatz werden die Autonomen dann zur Antifa. Und Autonome und Antifa sind links.

Mehr zum Thema: War das schon Terrorismus? Warum die deutsche Linke ein ernstes Problem mit der Gewalt hat

Poschardts nach den G-20-Ausschreitungen gezogene Schlussfolgerung, dass am Ende Faschismus und "Links" irgendwie doch das Gleiche sind, ist gefährlich, weil sie den Faschismus und den IS verharmlost. Es gibt keine Gemeinsamkeit zwischen Faschismus, IS und "Links".

Die Weimarer Republik beispielsweise ist vor allem daran gescheitert, dass es zu wenig Demokraten gegeben hat. Wenn aber als Bedingung für die Anerkennung als Demokratin aufgemacht wird, "Links" und Faschismus gleichzusetzen, dann geraten wir alle auf eine schiefe Bahn.

Ideologie der Unwertigkeit

Geschichts- und Politikwissenschaftler mögen sich streiten, was genau eigentlich Faschismus ist. Für mich ist Faschismus eine Ideologie der Unwertigkeit von Menschen. Integraler Bestandteil dieser Ideologie ist das "Aussortieren" von Menschen.

Faschismus negiert Artikel 1 des Grundgesetzes, nach der die Würde des Menschen unantastbar ist. Die Ideologie der Unwertigkeit von Menschen endete u.a. in der industriellen Vernichtung der Juden sowie den widerwärtigen Euthanasieprogrammen.

Mehr zum Thema: Die Linke sackt nach den G20-Protesten auf den schlechtesten Umfragewert seit zwei Monaten ab

Heute zeigt sich die faschistische Fratze, wenn Menschen nichtdeutschen Aussehens, Obdachlose, Homosexuelle oder Menschen mit Behinderungen bepöbelt, bespuckt oder in anderer Art körperlich angegriffen oder getötet werden. Die Ideologie zeigt sich, wenn Unterkünfte Geflüchteter überfallen werden, weil "die" ja nicht wert sind, hier zu leben.

Man muss sich nicht als links empfinden, um einen Unterschied festzustellen. Selbst der "Spiegel" schrieb: "Es wird in diesen Tagen ohnehin viel verglichen zwischen Rechts- und Linksradikalismus.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Schaffung einer gerechteren Welt

Die Vergleiche hinken insofern, als das Menschenbild, das hinter den Bewegungen steht, ein anderes ist. Ob es einem um die Durchsetzung einer faschistischen und rassistischen Gesellschaftsordnung geht oder um die Schaffung einer gerechteren Welt ohne Waffen und Kriege, ist sehr wohl ein Unterschied."

Links sein bedeutet im Übrigen auch, die Errungenschaften des Rechtsstaates anzuerkennen. Und deshalb ist es gut, dass der Rechtsstaat derzeit zeigt, dass er funktioniert. Es sind sowohl gegen gewalttätige Demonstranten als auch gegen gewalttätige Polizeibeamte Ermittlungsverfahren eingeleitet worden - teilweise sogar von Amts wegen.

Links sein bedeutet für mich, diesen Rechtsstaat zu verteidigen und auszubauen. Faschismus hingegen will den Rechtsstaat auch mit Gewalt abschaffen.

Der Beitrag erschien zuerst auf welt.de.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.