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Dein Kind gehört nicht dir. Hat es nie. Und wird es auch nie

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KIND
Angela Barnett
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Sie sagt, sie muss auf die Toilette. Also stehe ich aus dem Sand auf, um sie zu begleiten, denn wir sind im Surfclub und da müsste sie sonst ganz alleine über den Parkplatz laufen, die Treppen hoch, vorbei an Kellnerinnen und Besoffenen. Und dann sind da noch so viele Autos. Und Skateboard-Fahrer. Und Inline-Skaters.

Doch sie ist schon ohne mich losgelaufen.

Langsam folge ich ihr über die Dünen, immer darauf bedacht, dass genug Abstand zwischen uns ist. Ich möchte nicht, dass sie das Gefühl bekommt, dass ich denke, sie sei noch kein großes Mädchen.

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Im Surfclub angekommen kann ich sie nirgends mehr sehen. Ich gehe zu den Toiletten. Bei einer der Kabinen ist die Türe geschlossen, aber nicht abgesperrt. Ein Zeichen für mich: Komm rein. Ich bin hier.

Normalerweise bleiben wir immer zusammen in der Kabine

Ich gehe hinein und augenblicklich stößt mir der stechende Geruch von Urin in die Nase. Doch die Gerüche meiner Tochter empfinde ich nie als störend. Nicht als Mutter.

Sie fragt mich, ob ich ihr beim Abwischen helfen kann und obwohl sie bereits sieben Jahre alt ist und eigentlich keine Hilfe mehr braucht, helfe ich ihr trotzdem. Außerdem hat sie gerade Bauchschmerzen. Ich bin immer noch ihre Mama.

Und da wir schon mal auf der Toilette sind, nutze auch ich gleich die Gelegenheit, um meine Blase zu entleeren. Meine Tochter wartet noch einen Augenblick, dann geht sie hinaus, um ihre Hände zu waschen. Normalerweise bleiben wir immer zusammen in der Kabine.

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Normalerweise dauert das immer ewig.

Jahre der Frustration, in denen sie mich nicht meine Hände waschen oder in der Kabine neben ihr hat pinkeln lassen, lösen sich plötzlich in Luft auf. Damals dachte ich nur "Oh Mann. Ich bin doch nicht weit weg. Gib mir doch ein bisschen Freiraum."

Sie wartet nicht mehr auf mich

Doch dieses Mal ist sie gegangen. Ich höre, wie sie den Wasserhahn aufdreht und ihre Hände mit Seife wäscht. Da ist sie sehr gründlich. Das Papier raschelt, als sie nach einem Handtuch greift. Sie hasst es, nasse Hände zu haben.

Und dann, hinter der Kabinentüre, höre ich es.

"Tschüss Mama."

Das ist alles. Dann ist sie verschwunden.

Zurück über den langen Flur, vorbei an den ganzen Betrunkenen und den schmuddeligen Surfer-Jungs, vorbei an den Kellnerinnen, die Treppen hinunter, über den Parkplatz und die Sanddünen und zurück zu ihren Freunden am Strand.

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Sie wartet nicht auf mich.

Sie muss meine Hand nicht mehr halten.

Sie ist nicht mehr angewiesen auf mich.

Sie ist gegangen.

Ihre Freunde sind interessanter als ich.

Mein Herz schlägt wie wild und am liebsten würde ich losheulen.

Eigentlich sollte ich dankbar dafür sein, dass ich endlich in Ruhe pinkeln kann.

Ich sollte dankbar dafür sein, dass ich kommen und gehen kann.

Bin ich aber nicht. Ich bin komplett überfordert damit, dass ich nicht mehr der Mittelpunkt ihrer Welt bin.

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Ihr ganzes kurzes Leben hat sie sich, weil sie so schüchtern ist, bei jeder Gelegenheit unter meinen Rock versteckt. Hin und wieder hat mich diese Hilfsbedürftigkeit in den Wahnsinn getrieben. "Sei doch nicht so ängstlich", habe ich mir oft gedacht und sie sachte rausgeschoben, was sie allerdings nur noch mehr in die Falten meines Rockes gedrängt hat.

Doch jetzt, an diesem Nachmittag, spielt sie mit ihren Freunden in den Dünen. Und alles, was mir bleibt, ist ein kleines Loch in meinem Herzen. Sie schaut sich nicht um. Bald schon wird sie nicht wollen, dass ich überhaupt sichtbar bin.

Sie wird sämtliche Herausforderungen alleine meistern

Sie wird sich wünschen, dass ich weit weg bin. So weit, dass ich nicht sehe und weiß, was sie macht und nicht höre, was sie sagt. Jetzt schon hasst sie es, wenn ich die Zeilen eines Liedes falsch singe.

Sie wird sämtliche Herausforderungen alleine meistern. Ganz ohne mich.

Ich habe ihre bedingungslose Liebe genossen, wenn ihre kleine Hand meine umschlossen hat. Doch jetzt plötzlich scheint es so, als würde ihre Kindheit an mir vorbeifliegen.

Ich bin nicht mehr diejenige, die alles weiß.

Sie gehört mir nicht.

Sie gehört nur sich selbst.

Langsam aber sicher bewegt sie sich von mir weg.

Und genauso sollte es auch sein.

Dieser Artikel ist ursprünglich in der HuffPost US erschienen und wurde von Lisa Radda aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)