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Warum es manchmal schwer ist, schön und monogam zu sein

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WOMAN THINKING
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Einige von euch werden jetzt denken: „Oh, arme, schöne Frau". Besonders die, die vielleicht Abends in eine Bar gehen, nach einigem Ringen mit sich selbst, und unbeachtet allein zurück ins eigene Bett steigen. Und es sich anders wünschen.

Mir ist auch ganz bewusst, dass es von einiger Arroganz strotzt, zu sagen, dass ich schön bin. Und es als Meckern auf hohen Niveau gilt, wenn ich anmerke, dass häufiges angesprochen, angeflirtet, angegraben werden, anstrengend ist.
Arme, schöne Frau.

Aber zu meiner Verteidigung war das nicht immer so. Den Großteil meines Lebens war ich dick. Also nicht moppelig oder „fraulich" (gerne verwendetes, gruseliges Wort). Einfach nur dick. Ich hatte trotzdem immer meinen Partner, aber nie ONS oder Affairen. Zum Glück hatte ich viele Jahre diese doch recht glückliche Beziehung, denn ansonsten war ich der unsichtbare Besucher auf jeder Party. Die nette Freundin von.

Die, die man kurz sieht, nicht als erstrebenswert erachtet und dann ausblendet. Vielleicht mal drei Worte wechseln, das ist okay, aber dann weiterziehen.

Kategorie: Kumpeltyp

Meine einzige Rettung war mein Sinn für Sarkasmus und meine große Klappe. So fiel ich wenigstens in die Kategorie „Kumpeltyp".

Ich hatte nie die Ambition, meinen Partner zu betrügen. Aber einmal ein Zeichen von außen zu bekommen, dass ich eine interessante Frau bin, das habe ich mir gewünscht. Dazu kam es nicht.

Es gibt sicher viele Frauen, die keinen BMI von 23 haben und trotzdem begehrt sind und die sich wohl und gut fühlen. Und ich bewundere sie dafür, denn in unserer Gesellschaft bedeutet das ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Stolz. Ein Hoch auf diese schönen Frauen. Ich gehörte nicht dazu. Und fühlte mich weder stolz noch selbstbewusst, sondern einfach nur „zu viel".

Kurz und knapp: Ich nahm 40 Kilo ab, meine langjährige Beziehung ging schleichend in eine feste Freundschaft über und ich war plötzlich Single. Das war minimal überfordernd. Wo vorher nur Stille war, kamen sie auf einmal wie die Motten zum Licht. Und ich genoss es. Benahm mich wie ein Kind im Schokoladenladen und probierte überall ein Stück. Ab und an auch eine ganze Tafel. Ich lernte langsam, mit meiner neuen Wirkung umzugehen. Auch wenn ich rückblickend nicht immer ganz bei Sinnen war. Nennen wir es Schokoladenrausch.

Sexuell gesehen öffneten sich ganz neue Pforten

Ich war noch immer kein Supermodel. Aber ich war klein, schlank, wenig Arsch und kaum merklichen Busen. Geschmückt mit jede Menge Tattoos und meiner Anti-Püppi-Attitüde kam ich mehr als gut an.

Das Singleleben war meistens ein großes Abenteuer. Selbst Männer, die mein dickes Ich sehr interessant fand und die unerreichbar waren, kamen in meinen Fokus. Beziehungsweise ich in ihren.

Das tat zugegebener Maßen ziemlich gut. Single und begehrt zu sein ist toll. Das spart Arbeit und pusht das durch viele Jahre geknickte Selbstwertgefühl. Und sexuell gesehen, öffnen sich ganz neue Türen.

Aber es gibt einen Haken.

Man kann sich trotzdem verlieben und schwupps, ist da eine neue Beziehung. Das ist schön. Eine Beziehung hat jede Menge positive Aspekte. Wir kennen sie alle. Und wenn ich eins bin, dann beziehungserprobt. Ich hab da einige Jahre Erfahrung.

Nur nicht als schöne Frau.

Frauen, die immer begehrt waren, mögen damit vielleicht besser umgehen können. Aber ich, als Neu-Schöne, muss grad hart damit klar kommen, dass ich einen Freund habe, den ich liebe, aber immer noch andere Männer ihre Tricks an mir ausprobieren.
Und ich bin treu und pro-monogam.

Jeder kennt Phasen in der eigenen Beziehung, die suboptimal sind. Früher waren die einfach zu handhaben. Heute hab ich mindestens einmal am Abend, den ich in der Bar sitze, ein sehr eindeutiges Angebot, eine neue Nummer oder eine vergangene Affaire an meine Tisch sitzen, die mich locken.

Bei den meistens fällt es mir ziemlich leicht, nein zu sagen. Also auf nette Art und Weise. Denn so eingebildet wie das alles hier klingen mag, bin ich nicht. Und ich weiß den Mut zu schätzen, der benötigt wird, um sich zu einer Frau zu setzen und sie anzusprechen.

"Wenn du jetzt single wärst..."

Aber es gibt Exemplare da draußen, da schreit die Libido laut „Jaaa" und der Kopf sagt streng, und mit erhobenem Zeigefinger, :"Nein, nein...".

Und die Libido bettelt: „ Aber wenn du jetzt single wärst, dann..." und der Kopf schüttet praktisch einen ganzen Eimer Moral und Anstand drüber.

Am diesen Abenden gehen ich dann mit meinem Freund, der mich liebt und gut zu mir ist, nach Hause. Vielleicht lief es zwischen uns nicht wie geplant und wir sind uns wegen unwichtiger Scheiße ein bisschen auf die Nerven gegangen. Und das hallt nach.

Bis wir im Bett liegen und beschließen, es sei jetzt besser, einfach zu schlafen.

Nix mit Sex nach unterhaltsamen Stunden mit Freunden über einer Flasche Astra. Sondern eher Schweigen und ein „Lass uns morgen drüber reden".

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Ein kleiner Kuss, sehr platt und flüchtig, und dann ab unter die eigene Decke.

In diesem Moment tauchen die Möglichkeiten auf, die ich stattdessen hätte haben können. Und die Libido schreit mich an. Sie hat einige ziemlich fiese Schimpfwörter drauf.

Das ist mir dick nie passiert. Wer keine anderen Möglichkeiten hat, muss darüber auch nicht nachdenken. Wer kein Schlüssel zum Süßigkeitenladen hat, muss sich auch keine Gedanken über die Kalorien machen.

Und wenn dann wieder alles geklärt ist und ich sehe, dass er mir genau den Joghurt kauft, den ich so liebe und höre, dass genau der Typ, der meine Libido aufrüttelte, meiner Freundin einen kleinen, fiesen Pilz da gelassen hat, bin ich froh, dass ich auf die Schokolade verzichtet habe.

Es ist so oft wirklich schwer, quasi auf Diät im Schokoladenladen zu stehen und nur gucken und nicht anfassen zu dürfen. Aber am Ende heißt es dann doch 1:0 für die Beziehung. Zumindest für mich.

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