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Putins Fight Club: Wie der Kreml in Europa Kämpfer für einen geheimen Krieg rekrutiert

26/05/2017 18:27 CEST | Aktualisiert 27/05/2017 09:10 CEST

  • Immer mehr Kampfsportclubs in Europa werden zu "Schläferzellen" des russischen Geheimdienstes

  • Experten warnen vor gewalttätigen Auseinandersetzungen im Vorfeld der Bundestagswahl

Es sind Recherchen von Sicherheitsexperten, die uns alle aufrütteln sollten. Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes sind dabei, die europäische Kampfsportszene zu unterwandern. Ihr Ziel: In sogenannten Systema Clubs versuchen sie, Unruhestifter aus Deutschland und anderen EU-Ländern für ihre Zwecke zu gewinnen.

Neuesten Erkenntnissen zufolge sind mehr Clubs betroffen, als bisher angenommen. Alle Clubs in denen der Kampfsport "Systema" unterrichtet wird, haben zumindest einen indirekten Bezug zum Nachrichtendienst des russischen Militärs (GRU) beziehungsweise zum inner-russischen Geheimdienst FSB, berichtet der in Berlin lebende Geheimdienstforscher Dmitrij Chmelnizki.

Weiterhin gibt Chmelnizki an, die GRU würde die Clubs nutzen, um Agenten aus dem Westen zu rekrutieren, so wie es bereits während des Kalten Krieges in der DDR üblich war.

Allein in Deutschland gibt es 63 Trainingsstätten

Seine Recherche habe ergeben, dass es allein in Deutschland 63 Systema Clubs gibt. Europaweit seien es Dutzende weitere, ebenso wie in den westlichen Balkanstaaten und in Nordamerika.

Viele Clubs machen keinen Hehl aus ihren Verbindungen zum russischen Geheimdienst. Sie verwenden sogar die offiziellen Abzeichen von GRU und FSB, wie zum Beispiel Darstellungen von Fledermäusen und des Heiligen Georg.

"Was sich dort abspielt, dürfte den deutschen Behörden bekannt sein", sagt Chmelnizki, "zumindest sollte man das schwer hoffen."

Weil er Nachforschungen über den KGB (heute FSB) angestellt hatte, wurde der Akademiker in den späten Achtziger Jahren vor Gericht gestellt. 1987 floh er aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik.

Chmelnizkis Recherche bezüglich der Systema Clubs stützt sich auf öffentlich zugängliche Internetquellen. Unterstützung erhielt er von Viktor Suvorov, einem ehemaligen GRU-Offizier, der während des Kalten Krieges in Genf stationiert war und später nach Großbritannien zog.

Organisierte Schläferzellen

Gegenüber dem Internetportal "EUobserver" sagte Chmelnizki, dass aus jeder Trainingseinheit etwa drei bis fünf Agenten hervorgehen. Bei 63 Clubs in Deutschland würde das bedeuten, dass es in Deutschland über 300 Rekruten gibt.

In Anbetracht der GRU-Doktrin könnte das bedeuten, dass diese Agenten eingesetzt werden, um sowohl Militärstützpunkte als auch öffentliche Flughäfen anzugreifen, falls es zu einem Krieg mit der Nato kommen sollte.

Gleichzeitig könnten sie den Auftrag haben, ein grundsätzliches Gefühl von Misstrauen, Beunruhigung und Angst in der Bevölkerung zu verbreiten, glaubt der Experte. "Das sind organisierte Schläferzellen", sagt Chmelnizki.

Anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl befürchtet Chmelnizki, dass die russischen Agenten rassistisch motivierte Gewalttaten verüben könnten. "Womöglich werden sie versuchen, die innere Lage zu schwächen, zum Beispiel indem sie für Ausschreitungen bei Demonstrationen sorgen oder indem sie Molotowcocktails auf Moscheen oder Flüchtlingsunterkünfte werfen", so der 63-Jährige.

Auch Bundespolizisten sind unter den Rekruten

Er mahnt, dass die Systema Wolf-Schule von besonderem Interesse sei, da sie sich in Europa sehr rasch verbreitet. Binnen sieben Jahren sei es der Vereinigung gelungen, sich in Deutschland, Griechenland, Ungarn, Italien, Serbien und der Schweiz niederzulassen.

Außerdem haben sie ein deutsches Gegenstück zu den "Nachtwölfen" gegründet, einer russischen Motorradgang deren Anführer zu den Vertrauten Wladimir Putins gehört.

Auch die Systema RMA-Schule verdiene ein besonderes Augenmerk. Sie scheint sich darauf spezialisiert zu haben, deutsche Geheimagenten anzuwerben. Als Beispiel führte der Experte an, dass sich unter den Absolventen einer Bonner Trainingsstätte fünf Beamte der deutschen Bundespolizei befänden.

"Die GRU fühlt sich im vereinten Deutschland ebenso zuhause, wie einst in der UdSSR", so der Akademiker.

Verfassungsschutz sieht tatenlos zu

Dass die GRU versucht, über Systema-Clubs Mitglieder zu werben, belegt auch eine Untersuchung von HuffPost-Autor Boris Reitschuster.

In seinem Buch "Putins verdeckter Krieg: Wie Moskau den Westen destabilisiert" beruft er sich auf einen geheimen Report eines westeuropäischen Nachrichtendienstes nach dem die GRU bereits zwischen 250 und 300 Agenten in Deutschland angeworben hat.

Des Weiteren heißt es in dem Bericht, der Nachrichtendienst sei überrascht, dass die deutschen Behörden noch nichts dagegen unternommen hätten. Auch das Magazin "Focus" berichtete bereits über die russischen Verbindungen der Systema-Clubs.

Zuletzt warnte eine ZDF-Doku davor, dass es in Deutschland tschetschenische Spitzel gäbe. Darin enthüllte ein ehemaliger Agent des FSB, dass der Geheimdienst Kampfsportstätten in Tschetschenien nutze, um Männer auszubilden, die später als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland geschickt würden.

Der "EUobserver" bat den größten Systema Ableger, Systema Ryabko, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen. Anonym antwortete ein Vertreter via Email: "Die Unterstellungen sind das Produkt einer lebhaften Fantasie und völlig falsch."

Bundestagswahl in Gefahr?

Die Bundestagswahl ist noch vier Monate entfernt, doch schon jetzt sieht sich die GRU mit dem Vorwurf konfrontiert, sie wolle den Ausgang der Wahl durch Hackerangriffe auf deutsche Politiker beeinflussen.

"Wir wissen, dass es Cyberangriffe gegeben hat und dass diese von Russland aus gesteuert wurden", sagte der Leiter des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen auf einer Konferenz Anfang Mai.

"Ob und wann die Informationen [die illegal beschafft wurden] zum Einsatz kommen, ist eine politische Entscheidung, die der Kreml treffen wird", erklärte Maaßen.

Sowohl Mitarbeiter des deutschen Geheimdienstes als auch Beamte der Polizei lehnten es ab, dem "EUobserver" mitzuteilen, wie sie die Gefahr, die vom russischen Geheimdienst ausgeht, einschätzen.

"Zu unseren Sicherheitsmaßnahmen können wir keine Aussagen machen", sagte ein Sprecher der Berliner Polizei.

Putins Retourkutsche

Der deutsche Russlandexperte Stefan Meister glaubt hingegen, dass russische Agenten Deutschland im Rahmen einer anti-europäischen Kampagne ins Visier genommen hätten. Er halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass der Kreml über Propaganda-Aktionen und Cyberangriffe hinaus etwas unternehmen würde.

Er vermutet, dass Putin, der den FSB einst selbst geleitet hat, sich vom Westen angegriffen fühlt.

"Der Kreml überlegt fieberhaft, wie er zurückschlagen kann, wie er sich in unsere Gesellschaft einmischen und den öffentlichen Diskurs lenken kann, wie er die schwächen der EU ausnutzen kann, um sie zu entmachten", so Meister.

Es sei wahrscheinlich, dass die Bundesrepublik zum Ziel der Russen wurde, weil sich Deutschland für Sanktionen gegen Russland ausgesprochen habe und weil die deutsche Wirtschaft für die der EU und für die politische Stabilität des Kontinents eine entscheidende Rolle spiele.

Russland will den deutschen Staat schwächen

Darüber hinaus gab Meister an, es werde spekuliert, ob Putin oder der tschetschenische Präsident Ramzan Kadyrov mithilfe ihrer Geheimdienste versuchen könnten, "die muslimische Gemeinde in Europa aufzuhetzen und Terrorangriffe mitzuorganisieren."

Jedoch fügte Meister hinzu: "So funktioniert der russische Sicherheitsdienst nicht. Sie wollen den deutschen Staat schwächen, aber sie wollen keinen Staatsstreich organisieren."

Er findet, dass in Bezug auf die Russen zu viel "Panik verbreitet und übertrieben werde."

Planen der Kreml einen Staatsstreich?

Ein anderer Russlandexperte, Eerik Kross, widerspricht dem.

Als Chef des estnischen Sicherheitsdienstes Kapo war Kross von 1995 bis 2000 damit betraut, russische Spione zu verfolgen. Er ist der Meinung, dass eine Anti-Merkel Demonstration, die im Januar 2016 in Berlin stattfand, bereits viele Anzeichen einer russischen Geheimoperation aufwies.

Rund 700 Mitglieder des Internationalen Kongresses der Russlanddeutschen hatten damals vor dem Kanzleramt demonstriert. Die Gruppe, die ihren Sitz in Berlin hat, streitet es ab, Beziehungen zum Kreml zu haben.

"Wie der russische Geheimdienst in jüngster Zeit in Europa zum Einsatz kam, erscheint mir mehr zu sein, als nur eine zufällige Verkettung von Ereignissen. Es handelt sich um eine strategische Erweiterung des Personals, die nicht nur den westlichen Balkan betrifft, sondern ganz Europa", sagt Kross.

Dieser Artikel erschien zuerst im EUObserver. Das Original könnt ihr hier lesen.

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