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Heftiger Gegenwind für die polnische Gay Rights-Bewegung

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GAY POLAND
Agencja Gazeta / Reuters
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Als letztes Jahr die Scheiben der polnischen Geschäftsstelle der KPH, einer Non Profit Organisation für die Rechte von Schwulen und Lesben, von unbekannten Angreifern eingeworfen wurden, zeigte die polnische Polizei für ein paar Monate Präsenz.

Doch zwielichtige Gestalten ließen sich davon nicht einschüchtern und lungerten weiterhin vor der Geschäftsstelle rum. "Das Ergebnis war, dass das Gebäude noch zwei weitere Male in diesem Jahr beschädigt wurde", beklagt Agata Chaber, Präsident der KPH. Für ihn seien die Täter klar dem rechten Spektrum zuzuordnen: "Sie tragen nationalistische T-Shirts und halten sich immer wieder auf unserem Gelände auf, um zu prüfen, ob die Polizei noch da ist", sagt Chaber.

Die T-Shirts geben einen Hinweis darauf, wie sehr in Polen Homophobie und Fremdenfeindlichkeit miteinander verknüpft sind. Die Attacken zeigten außerdem, dass dort das Klima für Lesben und Schwule immer rauer werde. Das beschäftigte Chaber.

"Polens politische Rechte unterstützt diese Entwicklung zwar nicht, aber sie hat einen Raum geschaffen, in dem sich Homophobie frei entfalten kann", kritisiert Chaber. Besonders gravierend sei dies außerhalb der großen Städte. "Danzig, Łódź, Krakau, Posen, Warschau und Breslau waren bisher Inseln der Toleranz. Zwar können sich Schwule und Lesben in den Städten immer noch frei bewegen, doch sie würden wahrscheinlich nicht mehr händchenhaltend durch die Straßen laufen". Anders sei dies jedoch auf dem Land, wo Menschen sich nicht einmal mehr zum Arbeitsplatz trauten.

Erst kürzlich entschied ein Gericht gegen ein Unternehmen, das sich weigerte, ein Pro-Banner der Schwulen- und Lesbenbewegung zu drucken. Jedoch kritisierte der polnische Justizminister Zbigniew Ziobro den Urteilsspruch und versprach, dagegen vorzugehen.

agata chaber

Von Brüssel zu Warschau

Chaber sprach mit EUobserver.com kurz vor seinem Heimflug nach Warschau, nachdem er in Brüssel eine Spendenveranstaltung für die Rechte von Schwulen und Lesben besucht hatte. Das Event wurde von Ilga-Europe organisiert, einer Gay-Rights NGO, und sollte die Diskrepanz zwischen der politischen Situation in Polen und den Werten der EU hervorheben.

Drei EU-Kommissare waren auch vor Ort: Schwedens Cecilia Malmström, die polnische Oppositionelle Elzbieta Bienkowska und Günther Öttinger. "Es war ein sehr gutes Zeichen, dass sie da waren", so Chaber.

Öttinger, Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe, sagte am Mittwoch der amerikanischen Zeitung "Politico": "Wir sind eine Union gemeinsamer Werte". So sehen das auch die vielen Polen, die angesichts der restriktiven Politik Polens am Warschauer Pride-March im Juni teilnahmen. "Es waren viele Familien mit Kindern und Verwandten da, aber auch Freunde und Kollegen von Schwulen und Lesben. Viele trugen dazu ein Banner mit der Aufschrift "Liebe deinen Nachbarn", sagt Chaber.

Überschattet wurde die Demonstration von einigen Randalen und einem großen Polizeiaufgebot. Nach Chaber sei ein Trend festzustellen, dass in der Gesellschaft die Akzeptanz gegenüber Schwulen zwar wachse, doch gleichzeitig die schwulenfeindliche Minderheit immer radikaler werde. "Es sind zumeist heterosexuelle, weiße Männer mit Verbindungen zur rechten Szene", betont Chaber.

Sie fühlten sich bestärkt durch die polnische Regierung, die ein Bild einer "weißen, gegenderten, katholischen" Gesellschaft zeichnete und das von Schwulen und muslimischen Flüchtlingen bedroht werden würde. "Angriffe verfolgt unsere Regierung kaum oder gar nicht", fügt Chaber hinzu.

"Mit der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland stellen viele Polen beschämt fest, wie sehr wir hinterherhinken", so Chaber. "Jedoch gibt es andere, die diese Entwicklung mit den Worten 'verrotteter Westen' abstempeln.

Kaczyński

Interessant findet Chaber, dass Jarosław Kaczyński, ehemaliger Ministerpräsident Polens und Vorsitzender der nationalkonservativen Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" - sowie bekennender Junggeselle - mit seinem Lebensstil Spekulationen um seine Sexualität hervorgebracht habe.

Jedoch glaubt Chaber, dass selbst wenn Kaczynski sich outete, er immer noch das kleinste Problem in seiner Partei darstelle. "Ich glaube nicht, dass Kaczynski Schwule hasst. Er mag ganz einfach keine Aktivisten und er glaubt, unsere Forderungen nach Gleichberechtigung seien falsch".

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