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Vorgaben aus Moskau, Verschwörungstheorien und abgesprochene Fragen - das erlebte ich als Reporter bei "Sputnik"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SPUTNIK
Andrew Feinberg/HuffPost
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Nach ein paar Jahren in der "Freelancer Hölle", in der ich nicht wusste, wann die nächste Gehaltszahlung kommt oder ob ich meine Ausgaben bezahlen kann, machte mich eine Anzeige bei einer Jobbörse für Journalisten neugierig. Eine Firma namens Ria Global suchte einen erfahrenen Reporter.

Nach wenigen Minuten googeln fand ich heraus, dass sich dahinter das Washingtoner Büro der staatlichen russischen News-Website "Sputnik" verbarg.

Ich war neugierig. Also schickte ich einen Lebenslauf, machte einen Schreibtest und wurde am Ende zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Ich setzte mich in einen Konferenzraum. Mir gegenüber saß ein großer Mann mit russischem Akzent, der vermutlich nicht viel älter war als ich. Er fragte:

"Wie würden Sie sich fühlen, ausgehend von dem, was in den Nachrichten berichtet wird, für eine russische, staatlich geförderte Nachrichtenagentur zu arbeiten?"

Ich antwortete, dass ich kein Problem damit hätte, solange ich die redaktionelle Unabhängigkeit - wie in jedem anderen Medienunternehmen - bekäme.

Denn es gibt viele hervorragende, staatlich geförderte Nachrichtenorganisationen, wie die BBC, "Voice of America", "Agence France Press" und "Al-Jazeera". Alle machen gute Arbeit.

Mein Gesprächspartner erklärte, dass "Sputnik" nicht anders sei. Und dass ich dort nichts anderes tun würde wie bei jeder anderen Nachrichtenorganisation auch.

Zu meiner Überraschung bekam ich die Zusage

Dann stellte er noch eine Frage:

"Was würden Sie tun, wenn wir Sie bitten würden, etwas zu schreiben, was nicht wahr ist?"

Einfach Antwort: Ich sagte ihm, dass ich kündigen würde.

Nach dem, was andere über "Sputnik" erzählt hatten, dachte ich an diesem Punkt, ich sei aus dem Rennen.

Aber zu meiner Überraschung bekam ich einige Wochen später die Zusage, dass ich "Sputniks" erster Vollzeit-Korrespondent im Weißen Haus sein würde.

Doch vom ersten Tag an in "Sputniks" Newsroom waren die Dinge nicht immer so, wie sie schienen:

So steht etwa in den Richtlinien von "Sputnik", dass jeder Artikel, der auf eigener Arbeit beruht, unter dem Namen des Reporters veröffentlicht wird. Außer, wenn eine Pressemitteilung umgeschrieben wird. Ich bemerkte aber, dass mein Name aus allen eingereichten Artikeln gestrichen wurde. Als ich fragte, warum, wurde mir gesagt, dass dies bei "Sputnik" so gemacht werde - trotz dem, was in den Richtlinien stand.

Wenn ich Artikel über die russische Annexion der Krim (oder die Reaktionen der USA oder der EU darauf) schrieb, wurden meine detaillierten Hintergrundberichte durch vorformulierte Textbausteine ersetzt. Da stand dann, dass 90 Prozent der Krim-Bewohner in einem Referendum für die Rückkehr zu Russland stimmten. Die Panzer oder die bewaffneten Männer auf den Straßen, die die Abstimmung auf der Halbinsel begleiteten, schafften es in keinen Artikel auf der Website von "Sputnik".

Bei einer Frage an Sean Spicer, den Pressesprecher des Weißen Hauses, registrierte ich zum ersten Mal wirklich, dass die Dinge nicht ganz richtig liefen.

Ich wollte wissen, ob US-Präsident Donald Trump seine Autorität und Mittel nutzen würde, um Verteidigungswaffen in die Ukraine zu schicken, um der dortigen Regierung zu helfen, Russland von der Krim zu verdrängen.

Mein Chef wollte meine Fragen absegnen

Anschließend bekam ich eine E-Mail von meinem Chef. Er wies mich an, künftig alle Fragen ans Weiße Haus vorher abzusprechen. Seine Begründung: "Damit wir alle den gleichen Informationsstand haben."

Ich begann also, jeden Tag meine Frageliste zu schicken. Diese wurde dann abgelehnt. Stattdessen erhielt ich seine Fragen, die oft bizarr und fernab der Realität waren.

Ein Beispiel: Nach dem Giftgasanschlag in Syrien im April saß ich während der täglichen Pressekonferenz im Weißen Haus. Ich bekam eine E-Mail von meinem Chef, in der er mich auf einen Artikel auf der Website von "RT" hinwies.

Darin ging es um einen amerikanischen Ex-College-Professor, der die Frage aufwarf, ob der Angriff inszeniert worden sei. Mein Chef befahl mir also, genau das bei der Pressekonferenz nachzufragen - während diese live im Fernsehen übertragen wurde.

Während also Sean Spicer vorne stand, betete ich leise, dass er mich nicht aufrufen würde.

Zum Glück überging er mich. Als ich anschließend wieder ins Büro zurückkam, erklärte ich meinem Chef, dass ich mich bei solchen schlecht belegbaren Geschichten unwohl fühle.

Mein Chef gab mir die Fragen sogar vor

Allerdings erhielt ich kurze Zeit später eine weitere E-Mail. Darin stand, die Terrormiliz Islamischer Staat habe eine altersschwache Senfgas-Granate in der Nähe einer irakischen Armee-Basis außerhalb von Mossul gezündet. Mehrere US-Militärberater seien ebenso dort gewesen.

Mein Chef sagte, Moskau wolle, dass ich frage, warum die US-Regierung nach diesem Chemiewaffenangriff nicht Raketen auf den Irak feuere. So wie es zuvor in Syrien gemacht wurde, als Baschar al-Assad Sarin-Gas gegen seine Landsleute einsetzte.

Ich reichte also meine Fragen bei meinen Chefs ein. Diese lehnten sie ab und ich erhielt neue, noch sonderbarere zurück.

Als Trump beispielsweise die Hilfsgelder für die Ukraine kürzen wollte, sollte ich fragen, ob die Einsparungen - die Teil größerer, umfassender Kürzungen der US-Regierung waren - wegen der nicht näher bezeichneten "Korruption" in der ukrainischen Regierung veranlasst wurden.

Doch anstatt mich selbst zu demütigen, indem ich so eine dumme Frage in die Kamera stellte, mailte ich lieber dem Sprecher des Weißen Hauses. Ich war wenig überrascht, dass ich keine Antwort erhielt.

Derweil musste ich kämpfen, meinen Namen über meine eigenen Artikel setzen zu können. Die seltsamen unvollständigen Hintergrundabsätze - die meine Chefs "die russische Perspektive" nannten - wurden aber nach wie vor in meine Artikel eingefügt.

Warum wir unseren Autorennamen nicht verwenden sollten

Ich konnte aber auch einen Erfolg verbuchen: Während einer Pressekonferenz mit dem Direktor des Amts für Haushaltswesen, Mick Mulvaney, fragte ich: "Welchen Sinn macht der Vorschlag, Migranten-Familien mit nicht-registrierten Eltern von einer Steuer für den Nachwuchs auszuschließen, wenn diese Kinder US-Bürger sind?"

Ein Kolumnist der "Washington Post" bemerkte den Austausch und identifizierte mich als "Sputnik"-Reporter. Später schrieb er: "Trumps Budget ist so grausam, dass sogar ein russisches Propaganda-Medium das Weiße Haus kritisiert."

Das hat meine Chefs nicht glücklich gemacht. Denn sie verschwiegen die Autorennamen in den Texten, damit niemand für die Fehler, Lügen und Halbwahrheiten verantwortlich gemacht werden kann. Als ich dann als "Sputnik"-Reporter für das Weiße Haus identifiziert wurde, waren sie sauer.

Mir ist nicht wohl, solche Fragen zu stellen

Einige Tage später wurde ich zu einem Treffen mit meinem Chef und einem anderen Mann, den ich nie zuvor getroffen hatte, gerufen. Dieser wesentlich ältere Mann sprach ebenfalls mit einem russischen Akzent. Es stellte sich heraus, dass er der Chef des Washingtoner "Sputnik"-Büros war. Er sagte:

"Wenn der Präsident zurück aus Europa ist, wollen wir, dass du nach dem Seth-Rich-Fall fragst."

Seth Rich war ein Mitarbeiter des Nationalkomitees der Demokratischen Partei. Er wurde in der Nähe seines Hauses in Washington während eines missglückten Raubüberfalls ermordet. Aber viele Anhänger der amerikanischen Rechten vertreten die These, dass er während der US-Wahl 2016 die Tausenden parteiinternen E-Mails an WikiLeaks übergeben hatte. Und dass er deswegen ermordet wurde. Doch dafür gibt es keinerlei Beweise.

Ich antwortete, dass mir nicht wohl sei bei solchen Fragen. Zu Dingen, die jeder Grundlage entbehren. Sogar Fox News hatte kurz vorher Abstand von dieser Geschichte genommen.

Doch meine Chefs gaben keine Ruhe. Denn wenn die Leute glaubten, Rich sei der Whistleblower, würde das die russischen Hacker entlasten, die von den US-Geheimdiensten für das Leak verantwortlich gemacht werden.

Ich fing an zu sprechen. Aber bevor ich überhaupt erklären konnte, dass ich unter solchen Bedingungen nicht weiter arbeiten konnte, unterbrach mich der ältere Mann:

"In diesem Fall haben wir hier Ihre Kündigung."

Ich hakte nach, ob ich gefeuert worden sei, weil ich mich weigerte, Lügen zu verbreiten oder ob es einen anderen Grund gebe.

Doch beide "Sputnik"-Chefs erklärten nur, dass sie mir keine Antwort schuldig seien.

Das sind keine Nachrichten - das ist Propaganda

Ich sammelte meine Sachen zusammen. Dabei fühlte ich, wie sich das Gewicht von etlichen Monaten unerträglicher Bedingungen von meinen Schultern löste. Ich verließ das "Sputnik"-Büro zum letzten Mal.

Das Motto von "Sputnik" lautet: "Telling the Untold" - das Ungesagte sagen. Auch das Management sagt, dass es darum gehe, Geschichten zu erzählen, die von den Mainstream-Medien ignoriert werden und eine "alternative Perspektive" bieten.

Das ist nicht schlecht und ein hehres Ziel.

"Al Jazeera" wird von der Regierung von Katar finanziert. Auch sie arbeiten darauf hin, Geschichten zu vermelden, die von anderen Medien ignoriert werden und eine andere Sichtweise auf die Nachrichten zu geben. Die Kollegen machen einen hervorragenden Job - wie viele der anderen staatlich finanzierten Medien auf der ganzen Welt.

Wenn aber das Ungesagte gesagt wird, obwohl es Mist ist und die "alternative Perspektive" auf Lügen und Halbwahrheiten basiert, dann sind das im Ergebnis keine Nachrichten. Dann ist das Propaganda.

Der Text wurde von Marco Fieber aus dem Englischen übersetzt.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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