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Warum das Brexit-Votum gut für die europäische Integration ist

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BREXIT
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Die Auswirkungen eines möglichen EU-Austritts Großbritanniens auf dessen Staat und Ökonomie werden anscheinend nicht lediglich negativ sein. Frühe Signale - etwa der tiefe Fall des Pfund oder angekündigte Rücktritt David Camerons vom Amt des Premierministers - deuten darauf hin, dass die Gesamtfolgen für das Vereinigte Königreich gar fatal ausfallen könnten.

Nach dem Brexit-Votum beginnt eine Periode der Ungewissheit, welche Handel, Investitionstätigkeit, Finanzwesen sowie Unternehmertum in Großbritannien härter treffen könnten als erwartet. Nicht nur sind ökonomischen Konsequenzen des Brexits für Großbritannien schwer vorherzusagen.

Gefährlicher noch ist die Möglichkeit eines erneuten Unabhängigkeitsreferendums in Schottland, ja eines Volksentscheids über die Trennung Nordirlands vom Königreich. Die verschiedenen Folgeeffekte des britischen Votums für den EU-Austritt könnten zu nicht weniger als dem Ende des bisherigen britischen Staates führen.

Die Folgen für die europäische Integration

Während der 23. Juni 2016 somit zu einem schwarzen Tag in der britischen Gegenwartsgeschichte eingehen könnte, falls die Briten bzw. Teile ihres Landes tatsächlich aus der EU austreten, ist weniger klar, welche Nachwirkung das britische Votum für die europäische Integration haben wird. Selbst bei einem Vollzug des Austritts Englands sind die Folgen des Votums womöglich verschiedenartig.

Die meisten Beobachter neigen dazu, das britische "Leave" als Desaster für das Projekt Europa zu betrachten, da ein großes europäisches Land der EU gerade Lebewohl sagt. Letztendlich könnte das Gesamtbild der Folgen des Brexit-Votums jedoch subtiler ausfallen.

Das für das Vereinigte Königreich womöglich desaströse Austrittsvotum könnte, zugespitzt ausgedrückt, der Sache Europa dienlicher sein, als es eine ambivalente Entscheidung zu bleiben gewesen wäre.

Eine Vertiefung des Integrationsprozesses

Die europäische Integration war in den letzten 60 Jahren eine Art dialektischer Prozess voller Höhen und Tiefen. Zwar hat der Entstehungsverlauf der gegenwärtigen EU eine Reihe von Fehlern, Stockungen und Krisen gesehen. Dennoch wandelten sich diese Kalamitäten nach einiger Zeit wiederholt zu eigenartig progressiven Impulsen für eine Vertiefung des Integrationsprozesses.

So resultierte etwa die als „Eurosklerose" bekannte Periode der Stagnation in der Entwicklung der Europäische Gemeinschaften in den 1970er bis 1980er Jahren in den späten 1980ern in einem massiven Integrationsschub.

Dieser gipfelte in der Bildung der EU zunächst als Dachorganisation der Gemeinschaften, später als vollständig integrierte und teils supranationale Mammutorganisation mit weitreichenden Vollmachten und einem (womöglich zu) ausgefeilten Institutionengefüge. Generell ging die europäische Integration seit Ende des Zweiten Weltkrieges oftmals erst nach anfänglich entmutigenden Rückschlägen voran.

Selbst der Geburt der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl als erste Vorläuferin der heutigen Union im Jahre 1951 ging das teilweise Versagen des zuvor gegründeten Europarats voraus, eine effektive paneuropäische Organisation zu bilden.

Großbritannien wird zu einem Versuchskaninchen für Europa

Angesichts dieser Erfahrungen fragt man sich, welche langfristige strategischen Folgen das Brexit-Votum für die zukünftige europäische Integration letztlich haben wird. Wird das britische "Leave" für das Projekt eines geeinten Europas wirklich so schlecht ausfallen? Großbritannien wird nolens volens in den kommenden Monaten für Europa die Rolle eines politischen Versuchskaninchens spielen.

Dessen möglicherweise trauriges Schicksal wird in den kommenden Jahren der Öffentlichkeit vieler EU-Mitgliedsstaaten die gravierenden Auswirkungen einer Abkehr von der EU vor Augen führen. Wenn selbst ein so starkes europäisches Land wie Großbritannien von einem drohenden bzw. vollzogenem Austritt derart hart getroffen wird oder gar zerfällt: Welche Folgen würde dann ein Austritt solcher Länder wie Dänemark, die Niederlande oder Ungarn haben?

Je schlimmer der Brexit Großbritannien trifft, desto weniger Überzeugungskraft werden die häufig demagogischen Versprechungen der euroskeptischen Populisten in vielen kleineren Ländern haben.

Rechtspopulisten werden verwundbar

Simple Verweise auf die empirische Realität und kritische Situation Großbritanniens nach dem Brexit-Votum werden europäischen Rechtspopulismus verwundbar machen. Im Ergebnis könnte die Gesamtattraktivität der Union für viele derzeit zwiespältige EU-Bürger augenscheinlicher werden.

Großbritanniens voraussichtlich signifikanten und dauerhaften Probleme werden auch über die Grenzen der EU hinaus starke Signale senden. Sie werden weltweit die Wichtigkeit der Union für die Zukunft Europas und der Welt demonstrieren.

Überzeugte Europäer - möglicherweise sogar einige britische - könnten deshalb das Votum vom 23. Juni philosophisch betrachten: Zwar wird diese fatale Abstimmung eine schwierige Periode in der britischen und europäischen Geschichte einleiten.

Gleichzeitig kann das Brexit-Votum jedoch auch fruchtbringende Diskussionen über beziehungsweise für eine stärkere europäische Integration entfachen und neue Impulse für transnationale Zusammenarbeit liefern.

Wenn die Europäische Union aus diesen Entwicklungen gestärkt hervorgeht, entschließen sich vielleicht England und Wales - so sie denn überhaupt austreten - eines Tages wieder dazu, in die EU zurückzukehren.

Zuerst erschienen im "Harvard International Review". Aus dem Englischen übertragen von Thomas Meyer.

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