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Ich helfe Flüchtlingen, damit sie später meine Rente bezahlen

20/06/2017 10:21 CEST | Aktualisiert 20/06/2017 10:48 CEST
dpa

Seit zwei Jahren reißen sich freiwillige Flüchtlingshelfer tagtäglich den Arsch auf.

Einer davon bin ich.

Früher war ich Lifestyle-Journalist, der von Sarah Jessica Parker bis Karl Lagerfeld so ziemlich jedem Promi mal die Hand geschüttelt hat und 15 Jahre von einem Flieger in den nächsten gehüpft ist.

Heute sieht mein Leben etwas anders aus.

Ich mach das für Deutschland

Seit zwei Jahren bin ich mit dem Verein "Be an Angel" fast schon hyperaktiv in der Flüchtlingshilfe. Zusammen haben wir 20 Wohnungen angemietet und vielen Menschen eine Arbeit oder Ausbildung verschafft.

Warum ich das mache? Ganz einfach: Weil die Syrer und Afghanen gefälligst später meine Rente zahlen sollen. Ja, richtig gelesen. Ich mache das nicht aus überbordendem Altruismus, ich habe keinen portablen Heiligenschein im Gepäck.

Ich mache das für Deutschland, für mich.

Wir - die Helfer - verändern etwas.

Aber was passiert in der Politik? Nichts. Die macht sich grade beim Flüchtlingsthema vor Angst in die Hose und das Bundesamt für Migration scheint zu glauben, Aslyentscheidungen seien mit einem Münzwurf zu lösen.

Vorwahlschlachten auf Kosten der Geflüchteten

96 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht.

Und in Deutschland toben Vorwahlschlachten auf Kosten der Geflüchteten - und das nur, um den rechten Rand zu beruhigen.

Mehr zum Thema: Brief an meine Tochter: Es tut mir leid, du hast die falsche Hautfarbe, das falsche Geschlecht, die falsche Religion

Völlig egal, welche Partei man unter die Lupe nimmt, keine bringt konstruktive Lösungsvorschläge. Was wir bekommen, sind lediglich Lippenbekenntnisse a la Katrin Göring-Eckardt (Grüne) in der "Bild am Sonntag": "Das Mindeste, das wir für die Menschen leisten können, ist, den Familiennachzug für Syrer wieder zu ermöglichen."

Im grünen Bundesland Baden-Württemberg sagt Jana Schwelling (Vorsitzende der Grünen Jugend) zum Flüchtlingsthema: "Die grüne Führung ist nicht deutlich geworden."

Jens Spahn von der CDU fasst die Situation zusammen: "Integrationsgesetz, Imamgesetz, Islamgesetz - der Name ist egal." Hauptsache irgendein Gesetz. Mit den aktuellen Gesetzen klappt's ja schon super, noch ein neues wird dann bestimmt endgültig alles retten.

Herr Spahn ist sich zwar noch nicht so ganz sicher, in welche Richtung sein Gesetz gehen soll, aber das macht ja nichts.

Die einen sagen "hü", die anderen "hott"

Und die SPD ist ein Politik gewordenes Schleudertrauma.

Zur Frage der Abschiebungen nach Afghanistan hat jedes Parteimitglied seine Meinung. Die Bundes-SPD sagt "hü", die Landesverbände "hott".

Die Linke? Ein Albtraum.

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Sarah Wagenknecht wird von der eigenen Partei vorgeführt, nachdem sie Angela Merkels "Wir schaffen das" als "leichtfertig" abgekanzelt hat.

Nur in der rot-rot-grün regierten Hauptstadt ist es auf einmal ganz still.

Die Flüchtlingshelfer, die beim damaligen Sozialsenator Mario Czaja (CDU) im Landesamt für Gesundheit und Soziales täglich und mit Recht auf die Barrikaden gegangen sind, halten sich mit Kritik gegenüber "ihrem" Senat vornehm zurück. Und der neue Senat macht nun wahrlich nicht alles richtig. Immerhin aber ein bisschen richtiger.

Schaffen wir das wirklich?

1,2 Millionen Flüchtlinge gibt es in Deutschland. Und es werden mehr. Ob wir wollen oder nicht. Wahlweise können die Menschen dann hier in die Illegalität rutschen oder sich in eine Parallelwelt flüchten. Oder aber wir packen es endlich an.

Die einzige Frage ist: Schaffen wir das wirklich? Das ist genau der Punkt, der mich so richtig zum Kochen bringt.

Die Realitätsverweigerer der AFD und ihre Fanboys & Girls tun gerade so, als würde sich die Flüchtlingsfrage in Wohlgefallen auflösen, wenn man die Burka, das Schächten (die jüdischen Gemeinden werden platzen ...) und am besten den ganzen Islam verbietet, kriminelle Flüchtlinge jenseits jeder Rechtsgrundlage schnell in ihre Heimatländer zurückschickt und endlich eine Mauer um Deutschland zieht.

Aber was ist mit denen, die längst einen Flüchtlingsstatus haben? Und denen, die ihn (weil es ja überraschenderweise Asylgesetze gibt) bekommen werden?

Die AfD brüllt am lautesten

Der rechte Rand brüllt am lautesten nach Integration. Und was genau macht er dafür?

Schon im Kleinen ist erkennbar, dass die AfD eines beherrscht: dagegen sein. Die beiden AfD-Stadträte Sebastian Maack aus Reinickendorf und Thomas Braun aus Marzahn-Hellersdorf sind für die Ausstellung der Wohnberechtigungsscheine in ihren Bezirken verantwortlich.

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Sobald es um das "Ausweisen" geht, sind die Herren hoch motiviert. Sollen sie für die Flüchtlinge etwas "ausstellen", passiert da nichts. Weil ja erst das Asylverfahren beendet sein muss. Und das dauert.

Derweil sitzen in Berlin seit bald zwei Jahren immer noch tausende Menschen in Notunterkünften ...

Im Großen passiert genauso wenig: Weidel "rockt" mit Pauschalisierungen über Flüchtlingskriminalität, die sie später wieder zurückrudern muss. Alles bekannt - nichts neues. Vor allem das Zurückrudern ...

Wieso sind nicht alle AfD-Mitglieder längst Flüchtlingshelfer?

Aber was komplett unverständlich ist: Wenn ich einen Zustand nicht ertrage, dann ändere ich ihn. Warum also sind nicht alle AfD-Läufer und Mitläufer längst in der Flüchtlingshilfe aktiv?

Flüchtlingshelfer bekommen Applaus von allen Seiten (also bis auf die der AfD). Sie hören warme Worte wegen ihres "bewundernswerten zivilgesellschaftlichen Engagements" und werden zum Hände-Schütteln eingeladen.

Flüchtlingshelfer haben in den Augen der Politiker die selbe Funktion wie unser Bundespräsident: Sie sollen für ein gutes Image sorgen, Diskussionen anstoßen und huldvoll winken.

Was sie de facto leisten, ist Integration. Und nicht einer aus der Flüchtlingshelfer-Szene ist so naiv, wie es uns oft unterstellt wird.

Wir machen nicht die Augen zu

Ich sage es mal in meinen Worten: Überall gibt es eine zehn-prozentige Arschlochquote - auch unter Flüchtlingen. Und nicht jeder, der es schafft, nach Deutschland zu kommen, verdient sich Applaus. Aber jeder, der es geschafft hat, hat das Recht auf eine menschenwürdige Behandlung - das Recht auf Recht.

Komisch, dass die AfD ausgerechnet uns Helfern Realitätsverweigerung vorwirft, sind es doch genau wir, die sich der Realität stellen.

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Sei es beim Lernen der Sprache, bei der Jobvermittlung und Diskussionen um "Leitkultur" aka Grundgesetz.

Wir Helfer sind ja nicht blöd, wir wissen um die kulturellen Fallhöhen, um Machokultur und Homophobie. Und wir versuchen, etwas zu verändern. Aber wie gesagt: Man kann natürlich auch à la AfD die Augen zumachen.

Wenn ihr "Be an Angel" unterstützen wollt, könnt ihr es hier tun.

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