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Mitarbeiter 4.0

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ROBOTS OFFICE
Denis Balibouse / Reuters
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Die Protagonisten von Industrie 4.0 betonen, dass bei Industrie 4.0 der Mensch im Mittelpunkt stehe, weil sie ahnen, dass dies gerne gehört wird. Dies hat aber den Charakter einer Pille, die das besorgte Publikum und vermutlich auch die Protagonisten selber beruhigen soll.

In der Realität wird der Mensch nämlich als etwas Defizitäres erkannt, das an Industrie 4.0 anzupassen ist. Die Diskussion um die Rolle des Mitarbeiters wird also im Wesentlichen auf das Thema Qualifikationsbedarf reduziert.

Die Protagonisten von Industrie 4.0 sagen zwar, wie der Mitarbeiter arbeiten wird - beschäftigen sich aber nicht mit der Frage, wie er eigentlich arbeiten will und wieso das alles gut für ihn sein soll.

Außerdem wird Bewährtes zerstört. Die Produzenten hierzulande haben in den letzten beiden Jahrzehnten im Zuge von Lean Production unglaublich große Fortschritte gemacht, die Kreativität und die Begeisterungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter in der Produktion zu aktivieren.

Eine wichtige Errungenschaft dabei war dabei die Überwindung der Trennung von Denkenden und Ausführenden, wie sie von Ford vorgegeben war. Kein hiesiger Produzent, der diesen Weg gegangen ist, käme im Traum auf die Idee, das Rad zurückzudrehen.

Das ist ein Schritt in die Vergangenheit

Wohl aber die Protagonisten von Industrie 4.0. Sie unterteilen die Welt wieder in Denkende und Ausführende. Denn Mitarbeiter werden nicht eingeladen, an der Gestaltung des Systems Industrie 4.0 mitzuwirken.

Dies bleibt einer kleinen Gruppe selbsternannter Experten vorbehalten. Und das ist ein beherzter Schritt in die Vergangenheit. Dabei war doch alles so gut gemeint.

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Von Industrie 4.0 sollte der Facharbeiter profitieren, indem er in Echtzeit die für ihn notwendigen Informationen bekommt, um somit seine Position zu stärken. Veredelt um IT-Wissen würde er damit zum Dirigenten der Wertschöpfungskette.

Im Gegensatz dazu sieht man bislang die Mitarbeiter nur in der Rolle des Reagierenden. Überwachung wird gleichgesetzt mit Reagieren auf die Schwesternklingel.

Dem Mitarbeiter wird nämlich die Aufgabe zugewiesen, im Ausnahmefall - wie bei einer Prozessstörung - einzugreifen. Und dabei sollen ihm die Systeme mitteilen können, welche Schritte zur Störungsbehebung notwendig sind. Damit wird der Mitarbeiter zum Ausführenden von Maschinenbefehlen. Problemlösungskompetenz wird nicht mehr gefragt sein.

Natürlich wird es den Mitarbeiter in der Produktionweiterhin geben - nur muss er sich daran gewöhnen, auf optische und akustische Signale von technischen Systemen zu reagieren und vorbestimmte Handlungsmuster auszuführen.

Die Rolle des Mitarbeiters wird so nicht aufgewertet

Das kann ja im Sinne des Produktionsprozesses durchaus richtig sein. Nur sollte man nicht davon sprechen, dass die Rolle des Mitarbeiters durch Industrie 4.0 aufgewertet würde.

Wenn darüber hinaus die Vorhersagen eintreffen, wonach sich das Material seinen Weg eigenständig durch die Produktion bahnt, dispositive Entscheidungen trifft und Ressourcen anfordert, so wird der Mitarbeiter endgültig zum Objekt.

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Er muss sich an die Vorstellung gewöhnen, dass das Werkstück bestimmt, was er wann und wo zu tun hat. Die Aufgaben des Vorgesetzten übernimmt dann das zu bearbeitende Material. Ein seltsames Verständnis von Dirigententum.

Aber vielleicht sind ja mit Dirigent ganz andere Menschen gemeint. Nicht die Mitarbeiter auf dem Shop-Floor, sondern die Ingenieure. Hier hat Industrie 4.0 in der Tat viele Freunde, geht es schließlich doch um ein echtes Technikthema, bei dem der Ingenieur endlich wieder Ingenieur sein darf.

Industrie 4.0 ermöglicht den Führungsschwachen die Flucht vor ihren Mitarbeitern

Wie unendlich groß muss da die Erleichterung bei denen sein, die Betriebsführung mit der Gestaltung von technischen Systemen verwechseln und lieber mit Technik als mit Menschen zu tun haben. Mit anderen Worten: Industrie 4.0 ermöglicht den Führungsschwachen die langersehnte Flucht vor ihren eigenen Mitarbeitern.

Und genau jene sind gemeint, wenn von Dirigenten der Wertschöpfungskette die Rede ist. Denn sie sind ja schließlich die Schöpfer dieses Systems. Deren Freude ist aber verfrüht: Da diese Systeme ja selbstlernend angelegt sind - das Stichwort Deep Learning ist immer häufiger zu hören - werden sie sich bald selber konfigurieren können.

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Die Dirigenten können nach Hause gehen, weil die Orchester sie nicht mehr brauchen. Diese Menschen arbeiten mit Hochdruck und Begeisterung an genau den Systemen, die sie selber eines Tages überflüssig machen - und niemanden scheint es zu stören.

Dabei hätte man mit der hinter Industrie 4.0 stehenden Technologie die historische Chance, dafür zu sorgen, dass die Arbeit des Menschen zum ersten Mal in der Geschichte der Industrie nach seinen Bedürfnissen gestaltet wird und dass Produktion und Wertschöpfung auch ein Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung ist.

Digitalisierung und Vernetzung können nützliche Dinge bewirken - wir alle haben höchstens ansatzweise eine Idee von den Möglichkeiten. Industrie 4.0 dieser Form hat hier erstens nichts anzubieten und wird zweitens auch deswegen scheitern, weil sie am Menschen vorbei entwickelt wird.

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