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Mit Grundeinkommen zur Tätigkeitsgesellschaft

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GRUNDEINKOMMEN
dpa
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Die Schweizer haben am 5. Juni mit ihrer Volksabstimmung über ein Bedingungsloses Grundeinkommen die Chance, eine Antwort auf eine der zentralen Fragen und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, die nach der Zukunft der Arbeit, zu geben. Auch in Deutschland brauchen wir dringend einen frischen Blick auf den Wandel der Arbeitsgesellschaft, welcher nicht erst unter dem Stichwort Arbeit 4.0 als neue Welle auf uns zurollt.

Bei der Abstimmung über das Grundeinkommen geht es nicht um die Alternative von Utopie und Wirklichkeit, sondern um die Wahl zwischen Zukunft und Vergangenheit.

Verharren wir in der Vergangenheit, so marschieren wir weiter in Richtung „prekärer Vollbeschäftigungsgesellschaft". Dann müssen wir uns abfinden mit der fortgesetzten Absenkung des Lohnniveaus und dem Ausbau des Niedriglohnsektors.

Die Belastungen durch zeitliche und räumliche Flexibilisierung werden dann auch weiterhin einseitig von den Arbeitnehmer/innen und ihren Familien getragen werden. Prekäre und befristete Erwerbsarbeitsverhältnisse werden dann nicht nur für die junge Generation zunehmend zur neuen Norm.

Kommt das Grundeinkommen wirklich?

Das Grundeinkommen wird eine Utopie bleiben, solange wir festhalten am Mythos der Vollbeschäftigung als „Normalzustand" und der Illusion, allein durch Wirtschaftswachstum auch die letzten in Lohn und Brot zu bringen. Es wird eine Utopie bleiben, solange wir glauben, Arbeit um und für jeden Preis, die Zurückdrängung und Verschlankung des Staates und die Ökonomisierung immer weiterer Lebensbereiche seien alternativlos. Das Grundeinkommen wird solange Utopie bleiben, wie wir uns einreden lassen, die Würde des Menschen stehe unter Finanzierungsvorbehalt.

Begreifen wir jedoch den Wandel der Arbeitsgesellschaft als Chance die technologischen Fortschritte und den gesellschaftlichen Reichtum für alle gewinnbringend zu nutzen, dann kann daraus ein echtes Freiheitsprojekt erwachsen. Mit dem Begriff der Tätigkeitsgesellschaft beschreibt die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) eine Alternative zur derzeitigen Arbeitsgesellschaft.

Ein Kernanliegen der Tätigkeitsgesellschaft ist die Überwindung der Dominanz der Erwerbsarbeit und die Gleichwertigkeit aller Formen menschlicher Arbeit. Da bislang selbst das System der sozialen Sicherung fast ausschließlich auf Erwerbsarbeit als Zugangsvoraussetzung und Indikator zum Bezug sozialer Leistungen beruht, bedarf es einer Integration und deutlicher Aufwertung derjenigen menschlichen Tätigkeiten, die jenseits der Erwerbsarbeit liegen (Privatarbeit und gemeinwesenbezogene Arbeit).

Mit dem Grundeinkommen aus der Armut

Das Grundeinkommen ist dafür das Instrument. Es geht um die Freiheit zur flexiblen und selbstbestimmten Aufteilung von Arbeits- und Lebenszeit, um die Freiheit eigene Prioritäten im Mix menschlicher Arbeitsformen setzen zu können und um die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Reichtum und Fortschritt.

Die Befreiung von der Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung sollte keine Utopie sein. Es geht also um viel mehr als um Geld, es geht um das bedingungslose Recht auf eine menschenwürdige Existenz.

Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung plädiert für eine schrittweise Einführung des Grundeinkommens in Deutschland. Der erste Schritt sollte dabei der eines Kindergrundeinkommens sein. Aktuell fordert die KAB im Bündnis „Wir wollen eine Gesellschaft, der jedes Kind gleich viel wert ist" gemeinsam mit über 20 bundesweiten Wohlfahrtsverbänden und Nichtregierungsorganisationen, mehreren landesweiten Zusammenschlüssen und zahlreichen prominenten Wissenschaftler/innen eine eigenständige und einheitliche Existenzsicherung für alle Kinder und Jugendliche.

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