BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Andreas Lehnigk Headshot

Als Busfahrer habe ich einen Traumberuf - und zwei Wünsche

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRAVEL BUS
Milos-Muller via Getty Images
Drucken

Ich liebe dieses Geräusch - und freue mich jedes Mal auf alles, was mich nach dem ersten sonoren Brummen erwartet. Mit einem kleinen Ruck springt der Motor an und blubbert zufrieden vor sich hin. Über die Spiegel wird noch einmal die Lage geprüft.

Dann schlage ich das Lenkrad ein und setze meinen Bus auf die Fahrbahn. Los geht es zum nächsten Ziel - für mich immer mit Leidenschaft und einem Lächeln.

Österreichische Almen und Flughafenzubringer

Ob kleine Orte oder große Städte wie Prag, Wien oder Berlin. Auf meinen Routen begegnet mir alles. Mal fahren wir stundenlang durch schöne Landschaften, etwa so weit es geht hoch auf eine österreichische Alm. An anderen Tagen steht der Transfer zum Flughafen an.

Egal wann und wohin wir unterwegs sind: Sobald der Motor läuft stehen wir als Busfahrer - auf positive Weise - unter Strom. Vor mir liegt der Straßenverkehr, der meine Aufmerksamkeit fordert. Und hinter mir sitzen vielleicht 40 Fahrgäste. Jeder einzelne kann auf mich zählen.

Mit 14 Metern durch enge Gassen

Wir Busfahrer lassen es vielleicht leicht aussehen, diese Riesenfahrzeuge zu bewegen. Dahinter steh aber viel Wissen, Erfahrung und höchste Konzentration.

Wir müssen unseren Weg auf unzählige Autobahnen und Straßen auch trotz schnell veränderter Verkehrslage finden, die 14 Meter langen Fahrzeuge durch enge Gassen zirkeln und mit Gespür die Vorlieben und Interessen unserer Fahrgäste erkennen.

Da gilt es, entspannt und konzentriert zugleich zu bleiben. Man muss immer mitdenken, gedanklich einen Schritt voraus sein.

Von der Hotellobby auf den Fahrersitz

Über kleine Umwege kam ich zu meinem Job. Ich habe erst eine Lehre als Hotelkaufmann begonnen und mich dann für den Beruf als Kraftfahrer entschieden. Schnell habe ich gemerkt: Warentransport mit dem Lkw ist nicht ganz das Richtige für mich.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Das Fahren macht Spaß. Aber es fehlt der Austausch mit anderen. So kam ich schließlich zum Bus.

Im Mittelpunkt stehen Menschen, nicht Motoren

Seitdem fahre ich Touristen durch Städte oder Reisegruppen zum Ziel. Was immer gerade gebucht und gebraucht wird.

Alle paar Tage stehen neue Menschen vor mir: Mal ist es eine Gruppe von Austauschstudenten aus Afrika, mal Kinder, die für ihre Klassenreise mit Koffern ankommen, die größer sind als die Steppkes selber und mal ist es eine Seniorengruppe auf Entdeckungstour oder hoffnungsfrohe Fußballfans auf dem Weg zum Auswärtsspiel.

Jung und Alt, Klein und Groß, verschiedene Hautfarben und Religionen, Menschen mit und ohne körperlichen Einschränkungen. Sie alle sind bei mir zu Gast.

Das ist für mich das Besondere am Leben als Busfahrer: Ich lerne ständig neue Leute kennen, höre ihre Geschichten, stelle mich auf ihre Wünsche und Bedürfnisse ein.

Man kann zuhören und dazulernen.

Oft lustig, manchmal traurig

Ich habe in den letzten 25 Jahren zahlreiche Geschichten erlebt. Und noch mehr gehört. Vieles war lustig. Einiges bewegend. Manchmal lernt man seine Fahrgäste auf einer mehrtägigen Reise so gut kennen, dass man etwas über deren Schicksale erfährt.

Mehr zum Thema: Betreuungs-Skandal: Kitas beschäftigen weniger Erzieher als vorgeschrieben - und machen so teilweise Gewinne

Zwei Dinge sind aus meiner Sicht daher wichtig für eine Busfahrer: zum einen der technische Sachverstand sowie das Verantwortungsbewusstsein, um so ein Fahrzeug gut zu bewegen, und zum anderen die Fähigkeit, mit Menschen zu reden.

Und zwar richtig zu reden. Aufmerksam. Ehrlich. Mit Anteilnahme.

Piloten der Straße

Wasser und Öl? In Ordnung. Der Reifendruck? Auch gut. Verbandskasten, Küche und WC - alles bestens in Schuss.

Wie ein Pilot sein Flugzeug vor dem Start prüft, so müssen auch wir - oft mit der Hilfe von Kollegen in Werkstatt und Tankstelle - unseren Bus vor der Fahrt unter die Lupe nehmen.

Dann tragen wir die Verantwortung bis zum Ziel. Applaus bekommen wir am Ende - anders als beim Flugverkehr - aber zumeist nicht. Viele Menschen reagieren zwar positiv. Aber selbstverständlich ist das Dankeschön von den Fahrgästen nicht mehr.

Das war früher - so mein Eindruck - anders und die Anerkennung im Durchschnitt größer.

Trotzdem steht für mich weiter fest: Hinter Steuer ist für mich der genau der richtige Ort.

Wenn ich zwei Wünsche frei hätte

"Ich kann nicht meckern." Das sagen wir Berliner manchmal etwas unwirsch und kurz angebunden, wenn wir nach unserem Befinden gefragt werden und es uns eigentlich richtig gut geht.

Ohne Zweifel: Ich kann als Busfahrer nicht meckern. Aber vielleicht kann ich mir ja etwas wünschen.

Zwei Sachen fallen mir nämlich auf Anhieb ein. Mehr Anerkennung für die Männer und Frauen hinter dem Steuer ist der erste Punkt. Jeder freut sich doch über ein kleines Lob oder ein Schulterklopfen.

Das motiviert auch gleich noch mal für die nächste Fahrt.

Miteinander statt gegeneinander

Die zweite Sache ist noch etwas allgemeiner. Ich finde nämlich, wir brauchen mehr Rücksichtnahme im Straßenverkehr.

Jeden Tag sehe ich, wie hektisch und aggressiv viele Verkehrsteilnehmer sind - egal ob zu Fuß, auf dem Rad oder hinter dem Steuer.

Mehr zum Thema: Deutschland versucht, die Betreuungskatastrophe zu verhindern - und macht dabei einen riesigen Fehler

Ich denke mir dann: Das muss doch nicht sein. Mit Ruhe und Respekt läuft es für uns alle besser.

Ich finde, das bunte Treiben auf den Straßen ist vergleichbar mit einer Gruppe von Fahrgästen im Bus.

In beiden Fällen gilt: Zusammen und rücksichtsvoll geht alles einfacher und besser.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffiPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.