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Wir bräuchten mal ein Update, Gott!

23/11/2015 17:13 CET | Aktualisiert 23/11/2016 11:12 CET
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Gott ist tot, oder was auch immer mit ihm los ist, vielleicht hatte Nietzsche ja recht mit seiner Fröhlichen Wissenschaft. Vielleicht schläft er, vielleicht ist gerade Nacht im Himmelreich, möglicherweise ist er gelangweilt von seinem Lieblingsspielzeug Mensch.

Vielleicht sind wir auch gar nicht sein Lieblingsspielzeug, vielleicht sind wir für ihn eine eingemottete Carrera-Rennbahn im Keller. Auf jeden Fall fehlt schon seit geraumer Zeit eine Nachricht, ein Plan, wie es weitergeht, und ob er mit seinem Werk bis hierher eigentlich halbwegs zufrieden ist.

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Wo Optimierungsbedarf besteht, was gar nicht geht, was die nächsten Ziele sind und so weiter. Seit er Moses die Zehn Gebote mit auf den Weg gab und Jesus das Ganze noch mal schöner formulieren ließ, kam nicht mehr viel.

Jedenfalls nichts, was wir alle oder wenigstens fast alle verstanden hätten. Seitdem ist viel Wasser den Jordan heruntergeflossen, und wir fragen uns nicht nur, wo Gott eigentlich bleibt, sondern auch, was wir von seinen Vorgaben halten sollen, die vor sehr, sehr langer Zeit auf schwere Steintafeln gemeißelt waren, an denen sich der gute Moses fast einen Bruch hob; inzwischen können wir ganze Bibliotheken auf nicht mal vierhundert Gramm schweren Tablets lesen.

Wir bräuchten mal ein Update, Gott! Die Gebote von wegen "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen" oder "Du sollst nicht ehebrechen" sind ein wenig aus der Mode gekommen.

Oder sie sind unverständlich, irgendwie nicht mehr handhabbar, interpretierbar, sie halten nicht mehr alle Abgleiche aus mit dem, was wir täglich erleben, und gehören deswegen nicht mehr wie selbstverständlich zu unserer Sprache und zu unserem Wertesystem, sie sind nicht mehr eingebrannt in unser Bewusstsein. Fragen wir doch mal jemanden auf der Straße, wie das achte Gebot heißt! Oder fragen Sie sich selbst!

Die Zahlen lügen nicht, die Tendenz scheint unumkehrbar und das Lamento darüber ist in schöner Regelmäßigkeit das ewig Gleiche: Die großen Kirchen verlieren an Einfluss und Mitgliedern. Gottes Häuser bleiben karg besucht, lediglich zu Weihnachten treffen sich nach guter alter Sitte ein paar Schäfchen mehr und lassen triste Krippenspiele und die üblichen weihnachtlichen Besinnungsaufrufe über sich ergehen - aber dann ist auch wieder gut.

Seit 1990 treten aus der Evangelischen Kirche jährlich 0,7 Prozent der Mitglieder aus, aus der Katholischen Kirche im Schnitt 0,5 Prozent. Karfreitag besuchen gerade mal vier Prozent der protestantischen Kirchenmitglieder einen Gottesdienst.

In zwanzig Jahren, so die Prognosen, werden weniger als fünfzig Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einer der beiden großen Kirchen angehören. Und wir wissen heute, was mit "angehören" gemeint ist.

Ein großer Teil derer, die "angehören", sind Karteileichen, eingeschriebene Mitglieder, die aus familiärer Tradition, aus Rest-Respekt ("Die Idee ist eigentlich ganz gut." / "In der Bibel stehen schon auch ein paar wahre Sätze." / "Jesus Christ Superstar hat mich im Musical überzeugt.") oder aus irgendeiner "abendländischen" Sehnsucht sich noch mit der Amtskirche verbunden sehen.

Verbunden heißt lediglich: Wir zahlen noch Kirchensteuern, weil damit ja auch viele soziale Einrichtungen unterstützt werden, und wir sind schließlich sozial, wir denken zumindest sozial (am besten freilich ist es, wenn andere sozial tätig sind und wir nur dazu Beifall klatschen).

Wir lassen unsere Kinder taufen beziehungsweise empfehlen unseren Kindern, sich taufen zu lassen, sobald sie das selbst entscheiden können. Und wir heiraten wieder, auch kirchlich, aber das gehört wahrscheinlich zu einer anderen Geschichte.

Die Zehn Gebote, dass da irgendein Herr ist, dass man keine Götter neben ihm haben soll, dass man nicht falsch Zeugnis ablegen und nicht Vieh (Nettoeinkommen), Magd (Putze) oder alles, was dein Nächster hat (Haus, Auto, Boot), begehren soll, das sind keine allgemeingültigen und akzeptierten Glaubenssätze mehr, an die man sich hält oder halten könnte.

Allenfalls Orientierungen, die aber von Fall zu Fall in ihrer Bedeutung auch aufgehoben werden dürfen beziehungsweise mit dem "menschlichen Faktor" selbstverständlich noch einmal ganz andere Interpretationen und Möglichkeiten zulassen.

Die Anhänger diverser Freikirchen nehmen die Dinge noch ernst, sicher, aber mit ihren Dogmen vom "Kein Sex vor der Ehe", ihrer Homophobie oder dem Glauben an den Teufel sind sie keine wirklichen Alternativen für den halbwegs aufgeklärten Zeitgenossen von heute.

Und die, die noch "angehören", sind sich ihrer Sache nicht mehr sicher. In einer Studie unter deutschen Katholiken heißt es: "Viele Befragte verstehen sich nicht als gläubig im traditionellen Sinn und suchen auch nicht aktiv nach einer Beziehung zu Gott." Die meisten dieser Kirchenmitglieder bezeichnen sich als religiös, "definieren aber den Inhalt ihres Glaubens ebenso wie ihre Vorstellungen von Gott eher diffus".

Diffus? Selbst unter Katholiken? Bei denen man doch am ehesten noch von einer gewissen Stand- und Bibelfestigkeit hätte ausgehen wollen? Bei jenen, denen alte Rituale und eine traditionelle Frömmigkeit mit all ihren Regeln, Ge- und Verboten einigermaßen klar und selbstverständlich schien?

Verschwindet gar das Religiöse selbst, wie es die Repräsentanten der großen Volkskirchen immer wieder gern und sehr besorgt dreinschauend in Sonntagspredigten und anderen, weltlichen, aber nicht minder bedenkenträgerischen Talkshowrunden hinausposaunen? Was ist mit unserer ungestillten Sehnsucht nach Transzendenz, der Sehnsucht danach, es möge mehr geben als das, was wir Realität nennen?

Weil offensichtlich in unsere DNA eingeschrieben ist, dass wir mehr sehen wollen, als wir mit dem bloßen Auge erkennen, mehr wahrnehmen, als wir in einer auf Effizienz und Rationalität getrimmten Gesellschaft erfahren?

Wir feiern Myriaden von Möglichkeiten, die wir haben, und sind doch überfordert. Einst waren Biografien vorgegeben durch Bildung, sozialen Status, Herkunft und Geschlecht. Es wurde geheiratet, ein Beruf ergriffen, gearbeitet, es wurden Kinder großgezogen, wenn es sein musste, fürs Vaterland gefallen oder altersschwach im Kreise der Familie gestorben.

Es gab Ausnahmen, aber für den Großteil der Bevölkerung war das Leben eingebettet in ähnliche, wiederkehrende gesellschaftliche Erwartungen und Möglichkeiten, und somit meist begrenzt. Anders heute: Wir haben die Wahl, wir dürfen experimentieren, wir sollen uns sogar ausprobieren.

Wir können unsere Identität selbst entwerfen. Biografien setzen sich heute aus Fragmenten zusammen, geradlinige Lebensläufe gibt es nicht mehr, unbefristete Vollzeitstellen, die einem eine sichere Existenz von der Wiege bis zur Bahre garantierten und die das Leben strukturierten, sind aus einer fremden, früheren Zeit.

Lag die Scheidungsrate um 1900 noch unter zwei Prozent, geht inzwischen fast jede dritte Ehe in die Brüche. Die Institutionen, die Vorschriften machten, wie ein Leben auszusehen hat, haben an Einfluss verloren. Familie und Kirche können nicht mehr vorgeben, wen wir zu heiraten haben oder in welchem sozialen Milieu wir uns bewegen sollen.

Wir können mit dem Sex bis zur Hochzeitsnacht warten oder polyamourös viele Menschen gleichzeitig lieben. Wir können den Familienbetrieb übernehmen oder Jura studieren, um dann Yoga-Lehrer zu werden. Alles ist möglich, es gibt kein Richtig oder Falsch mehr. Das ist eine Befreiung, bringt aber auch Unsicherheit, Beliebigkeit und Entwurzelung mit sich, was uns offensichtlich nicht nur guttut.

An jeder Kreuzung unseres Lebens müssen wir Entscheidungen treffen und dann die Konsequenzen tragen. Diese Bürde und Verantwortung nimmt uns keiner mehr ab. Das macht uns Stress: Wir wollen das Beste, alles oder zumindest möglichst viel erreichen, unser Leben soll schließlich ein Erfolg werden, der sich aus sich selbst erklärt.

Früher galt, dass ein Mensch eine Einheit war, ein selbstverständliches Ich von der Geburt bis zum Tod. Heute spricht man von "Patchwork-Identität" oder "Bastel-Identität"; die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, zu optimieren, damit sie möglichst gut in der sich rasant verändernden Umwelt funktioniert -, das ist ein lebenslanges, anspruchsvolles und zeitintensives Projekt geworden.

Dieser Text basiert auf dem Buch "Die neuen zehn Gebote", das am 19. Oktober. 2015 erschienen ist.

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 192 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-570-50183-2

Preis: € 17,99

Video: Nacktheit als Spiegel der Gesellschaft: Sie macht Nacktfotos in den Straßen von New York, um etwas zu beweisen

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