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Wie uns Flüchtlinge ein bisschen freier machen

03/03/2016 14:13 CET | Aktualisiert 04/03/2017 11:12 CET
Nicola Ferrari via Getty Images

Toleranz wächst nur dort, wo sie gebraucht wird. Für unser Leben mit Flüchtlingen brauchen wir eine Menge Toleranz - und werden dadurch selbst ein bisschen freier.

Das Jahr ist noch jung, die Vorsätze noch frisch - da strömen wir Deutsche wieder in die Fitnessstudios. In Sachen Fitness gilt: Von nichts kommt nichts. Der Bizeps wächst nur, wenn er in regelmäßigem Training das Gewicht des Eisens überwindet.

Das Gleiche gilt auch für Toleranz. Sie wächst, wenn man seinen Widerwillen gegen das Unerhörte überwindet. So gesehen haben wir an unserer Toleranz schon hart trainiert: Ein Hotelzimmer an ein unverheiratetes Paar vermieten? Erlaubt seit 1973. Eine Ehefrau, die auch ohne Einwilligung ihres Mannes eine Arbeit aufnimmt? Erlaubt seit 1977. Sex unter Männern? Erlaubt seit 1994.

Vieles, was lange moralisch fragwürdig war, ist heute fraglos akzeptiert - manches wird sogar als freiheitliche Errungenschaft zelebriert. Diese Entwicklung hat eine sonderbare Dynamik. Je mehr bei der moralischen Grenzüberschreitung mitmachen, desto schneller wird sie toleriert. Denn das Unerhörte ist oft nur das Unbekannte. Das Alltägliche dagegen ist das schwere Eisen, das die Toleranz anschwellen lässt.

Toleranz ist ein Universalprinzip zur Bewältigung des Zusammenlebens, das allen nützt. Denn eine toleranzfitte Gesellschaft kann mit jeder unserer abseitigen Meinungen, ausgefallenen Gewohnheiten und zweifelhaften Vorlieben entspannt umgehen. Ein starker Bizeps kann eben nicht nur eine Hantel heben, sondern jeden schweren Gegenstand.

In der jungen Bundesrepublik ist über die „Gastarbeiter" mit ihren fremden Bräuchen, Gewohnheiten und Haltungen teilweise geschrieben worden wie über Sachen, die man rasch wieder loswerden müsste.

Heute stören wir uns nicht mehr an türkischstämmigen Kollegen, Freunden, Kunden und Nachbarn. Durch das alltägliche Zusammenleben mit ihnen haben wir uns Toleranz antrainiert. Das hat Vielfalt geschaffen, Wahlmöglichkeiten eröffnet und den Raum für unsere persönliche Entfaltung geweitet.

Vielen macht das Angst

Die Flüchtlinge, die in diesen Monaten nach Deutschland kommen, sind unsere neuen Trainingspartner. Wieder einmal werden wir mit unbekannten Gewohnheiten und Ansichten konfrontiert. Vielen macht das Angst.

Der Soziologe Heinz Bude warnt deshalb: Die Angst der Deutschen könnte Angst aufseiten der Bürger nichtdeutscher Herkunft auslösen. Eine solche „Symmetrie der Angst" könnte die Gesellschaft in zerstörerische Konflikte stürzen.

Wieder einmal ist Toleranz die Lösung. Wenn wir die Symmetrie der Angst in eine Symmetrie der Toleranz überführen, können wir Konflikte vermeiden. Unsere Gelassenheit gegenüber dem fremden Lebensstil der Flüchtlinge wirkt dann wieder auf uns zurück. Toleranz wird zur Investition in die eigene Freiheit.

Ob uns diese Rechnung in Zukunft gelingt, liegt an uns. An dem Tag, an dem wir fit genug sind, "unterschiedliche Essensgerüche im Hausflur" (aus dem Buch "Ins Offene", herausgegeben von Jens Spahn) und Hallenbad-Besucher in inadäquater Badebekleidung nicht mehr als Bedrohung unserer Kultur zu verstehen, wissen wir: Wir sind noch ein bisschen freier geworden.

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