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Mit dieser Entscheidung könnte die Schweiz Europa ins Mark treffen

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  • Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben

Alle kriegen Geld vom Staat, und niemand muss mehr arbeiten: Wenn ausgerechnet die fleißigen Schweizer am kommenden Sonntag für das Hängemattengeld stimmen, könnte ganz Europa in seinen Grundfesten erschüttert werden.

Nur auf den ersten Blick rüttelt ein bedingungsloses Grundeinkommen bloß am europäischen Modell des Sozialstaats. Dieser war eine Antwort auf das Elend der Arbeiter in der frühen Industrialisierung. Für all diejenigen, die den harten Arbeitsbedingungen in den Stahlschmieden und Bergwerken nicht gewachsen waren und die auf sich selbst gestellt in den Abgrund gestürzt wären, wurde er zum lebensrettenden Rückhaltegurt.

Dieser Sozialstaat hat seine ursprüngliche Grundidee bis heute beibehalten: Wer arbeiten kann, muss arbeiten. Wer nicht arbeiten kann, erhält dafür Arbeitsersatzleistungen vom Staat. Der industrielle Sozialstaat baut ganz auf Arbeit, von ihr geht alles aus.

(Text geht unter dem Video weiter)

DAS PASSIERT, WENN MENSCHEN GELD BEKOMMEN - OHNE ETWAS DAFÜR TUN ZU MÜSSEN

Eine neue Grundidee

Das bedingungslose Grundeinkommen macht damit Schluss. Ausgangspunkt für das Geld vom Staat ist nicht mehr die Arbeit, sondern das bloße Sein als Mensch. Die neue Grundidee heißt: Wer arbeiten will, darf arbeiten. Aber er muss es nicht. Leistungen vom Staat erhält er in jedem Fall. Dem europäischen Sozialstaat wird das Fundament weggerissen.

Doch die Befürworter des Grundeinkommens wollen nicht nur den Sozialstaat neu aufmauern. Jeder von ihnen erhofft sich den einen oder anderen Nebeneffekt: Die Stärkung der Frau, die Erfüllung bei einer freiwilligen Beschäftigung, die bessere Versorgung von Pflegebedürftigen oder die ökologische Wende. Dabei überblicken die Befürworter nicht, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht nur den einen oder anderen Ausschnitt unseres Lebens verändert. Es stellt das Gesamtbild auf den Kopf.

Wenn die Berufsarbeit abgeschafft wird

Denn auch alles andere in unserer Gesellschaft ist um die Berufsarbeit herum organisiert. Und wenn diese Gesellschaft die Berufsarbeit abschafft, stellt sie damit auch alles andere in Frage: Wie verändern sich Lehrpläne in den Schulen, wenn sie nicht mehr auf das Berufsleben vorbereiten müssen? Brauchen wir dann überhaupt noch eine Schulpflicht?

Wie verändert sich eine Stadt- und Verkehrsplanung, die heute vor allem die räumlichen Beziehungen von Wohn- und Arbeitsgebieten ordnet? Wie verändern sich Umgangsform und Umgangston, wenn niemand mehr im Arbeitsleben lernen muss, auf seinen Emotionen auch mal den Deckel zu halten?

Was wird aus dem oft genannten Arbeitsleben als Schlüssel für die Integration von Flüchtlingen? Wie entwickelt sich demokratische Mitwirkung, wenn der Erfahrungshorizont der Wähler nicht mehr über das eigene Bett hinausreichen muss?

Es könnte auch ohne Berufsarbeit funktionieren

Wahrscheinlich könnte eine Gesellschaft auch ohne Berufsarbeit funktionieren. Aber es wäre eine ganz andere Gesellschaft, die von Grund auf anders funktionieren würde. Vermutlich deshalb erscheint den Angehörigen der Arbeitsgesellschaft die Abschaffung der Arbeit wohl auch zu utopisch. Laut einer Umfrage des Instituts gfs.bern wollen fast drei Viertel der Schweizer bei der Volksabstimmung am Sonntag mit Nein oder eher mit Nein stimmen.

Selbst linke Gruppen fürchten die Wucht der Revolution. Jedenfalls wurde das Thema von der Agenda des Linken-Parteitags in Magdeburg getilgt. Der alte Sozialstaat, den Europa aus der Taufe gehoben hat und der einen Siegeszug um die Welt antrat, ist noch nicht beerdigt. Bevor Europa wieder einmal zum historischen Geburtshelfer eines neuen Gesellschaftsmodells wird, dürfte daher noch einige Zeit vergehen.

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