BLOG

Ohne Identifikation keine Integration

22/04/2017 15:36 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 15:36 CEST
Getty

Eine schwache Gesellschaft kann nicht integrieren - ein Debattenbeitrag

Auch im Jahr 2017 nimmt das Thema "Integration" einen großen Raum in der medialen Berichterstattung ein. Zu oft allerdings auf eine Art und Weise, die keine Diskussionen ermöglicht, sondern lediglich polemisierend wirkt und zur Verfestigung der individuellen Meinung beiträgt. Aus diesem Grund gehen wirklich relevante Fragen, ob und wie "Integration" gelingen kann, oft völlig unter.

Genau das möchte dieser Diskussionsbeitrag besser machen und zur kontroversen Diskussion anregen. Selbstverständlich ist es nicht möglich, alle Aspekte zu einem komplexen Thema in einem einzigen Artikel in der angemessenen Form dazustellen. Daher beschränkt sich dieser hier auf eine These: Ohne Identifikation keine Integration.

Eine These, die der Leser nicht teilen muss, die allerdings zur argumentativen Auseinandersetzung reizen könnte.

Wann gelingt Integration?

Wann gelingt Integration? Am Anfang dieser Zeilen sol daher eine simple Frage stehen, die auch der Leser an sich selbst richten kann:

Wann ist ein Neuankömmling, und an dieser Stelle soll es keine Rolle spielen, ob er neu in einem, Unternehmen, Dort oder Staat ist, bereit, Teile seiner Gewohnheiten aufzugeben und sich in die neue Gemeinschaft zu integrieren?

Die Antwort ist relativ einfach: Entweder durch Zwang oder aber, wenn das, was diese Gemeinschaft bietet, attraktiver erscheint, als das was bislang vorhanden ist, es aber nur durch eine Verhaltensanpassung erlangt werden kann.

Lässt man den genannten Zwang außer Acht, ist noch eine präzisere Formulierung möglich: Die Kultur einer Gemeinschaft muss so wertvoll erscheinen, dass der Dazugekommene, Teil von ihr sein möchte und dafür auch Abstriche in Kauf nimmt.

Wann ist eine Integration von Dauer?

Ähnliche gilt für die Frage unter welchen Umständen jemand Teil einer Gemeinschaft bleibt. Die Antwort ist letztendlich die gleiche.

Lässt man diese Sätze wirken, so ist auch klar, warum Geld oder Transferleistungen das Problem der Integration oder des Verbleibs nicht lösen können, denn beides ist oft nicht an eine Veränderung des Verhaltens geknüpft.

Die letzten Zeilen waren abstrakt und allgemein formuliert. Nun soll der Grundgedanke aber auf eine konkretere Ebene transferiert werden:

Welches Konzept zur Identifikation und Kultur findet sich denn in Deutschland? Gibt es überhaupt eines? Ist da etwas, was Neuankömmling hineinbringen und die, nennen wir sie, "Altsitzer," halten soll?

Verfassungspatriotismus

Letzteres mag so erscheinen, aber bei genauerem Hinsehen, stößt der Interessierte fast zwangsläufig auf die Idee des Verfassungspatriotismus.

Was das ist? Nun, vereinfacht gesagt, ist es ein Konzept, dass sich auf gemeinsame politische Werte beruft, die (primär) in einer Verfassung niedergeschrieben wurden. In erster Linie handelt es sich um eine bewusste Abgrenzung zu einem Gemeinschaftsgefühl auf Basis der Abstammung, National-Kultur oder Sprache.

Vereinfacht gesagt; gehört derjenige zur Gruppe, der sich zu den niedergeschriebenen Werten bekennt und das unabhängig von Herkunft, Aussehen oder sonstige Merkmalen. Wer ja zur Verfassung, im deutschen Fall das Grundgesetz, sagt, ist dabei. So die Idee.

Das klingt erst einmal angenehm, ist auf dem zweiten Blick aber schlicht banal, denn wie bekennt man sich denn zu einem schnöden Gesetzestext, im deutschen Fall dem Grundgesetz und dessen, in den wichtigsten Fällen, sehr allgemein gehaltenen Formulierungen?

Umso tiefer das Eintauchen, umso klarer wird, dass der Verfassungspatriotismus lediglich eine schöne Oberfläche darstellt, die jenseits des Idealismus des akademischen Elfenbeinturmes gar nicht überleben kann.

Hinzu kommt eine Fülle von weiteren Problemen. Der Verfassungspatriotismus ist als Bindemittel für eine Gesellschaft untauglich, weil:

  • Er wenig Bezug zur Geschichte, Volk und Entwicklung aufweist
  • Eine Verfassung allgemeine Werte formuliert, die genaue Interpretation aber von einer kleinen Gruppe erfolgt
  • Der Inhalt häufig bereits Einheimischen nicht bekannt näher ist
  • Alle Vorzüge der Verfassung auch wahrgenommen werden können, ohne sie überhaupt zu kennen
  • Er weder über eine starke Symbolik verfügt, noch die emotionale Ebene anspricht
  • Er dazu dienen kann, Kritiker aus der Gemeinschaft auszuschließen

Insgesamt ist es aber müßig, über den Verfassungspatriotismus zu streiten, denn man verfügt inzwischen über eine jahrzehntelange Erfahrung über seine Integrationskraft:

Vollkommenes Scheitern

Die Realität ist ernüchternd: Trotz des Propagierens eines Verfassungspatriotismus und eine Konfrontation damit bereits im Schulalter, wachsen in Europa die Parallelgesellschaften und der Anteil der jungen Leute, die Extreme gleich welcher Art unterstützen und wählen, wächst. Schlimmer noch ist selbst die einheimische Bevölkerung in vielen Ländern in unzählige Milieus zersplittert und teilweise sogar massiv gespalten.

Der Verfassungspatriotismus, als Schöpfer eines integrativen Gemeinschaftsgefühls, ist radikal gescheitert.

Welche Kraft kann integrieren?

Daher benötigt es eine Kraft, welche diese vereinende Wirkung auf alle Beteiligten haben kann, denn man sollte nicht vergessen, dass es nicht nur um die Integration von Menschen geht, die von Außerhalb kommen, sondern auch darum, eine zerrissene Gesellschaft wieder zusammenzuführen.

Welche das sein soll? Eine europäische Identität gibt es nicht. Sie lässt sich auch bestenfalls auf einer abstrakten Ebene formulieren. In der Realität hat sie keinerlei praktische Relevanz, was sich nicht zuletzt durch den Brexit oder die Aufnahmebereitschaft europäischer Staaten in der Flüchtlingsfrage leicht belegen lässt.`

Eine deutsche Identität gibt es, sie wird allerdings von vielen politischen Kräften abgelehnt.

Die Diskussion muss jetzt erfolgen!

Integration wird aber ohne Identifizierung, emotionale Ansprache, Symbolik, Stärke und Attraktivität nicht funktionieren. Eine Gesellschaft wird ohne eine allgemein akzeptiere Kultur nicht überleben.

Daher ist es an der Zeit, diese Frage zu diskutieren, bevor die Frage durch Extreme, gleich welcher Richtung, von alleine beantwortet wird.

________________________________________________________________________________

Andreas Herteux ist ein deutscher Schriftsteller, Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler.

Von Andreas Herteux sind unter anderem erschienen:

Grundlagen der Weltenphilosphie, Franzius Verlag (20. Juli 2015), ISBN-13: 978-3945509029 Identitätsorientierte

Führung einer politischen Marke: In der Theorie und am praktischen Beispiel der Freien Demokratischen Partei (FDP), AV Akademikerverlag (16. November 2013), ISBN-13: 978-3639490480

Das Sternenkind und der Rabe, Erich von Werner Verlag, (2. November 2016), ISBN-13: 978-3981838824

The Star Child and the Raven, Erich von Werner Verlag (14. November 2016), I(SBN-13: 978-3981838886)

Aus dem Leben eines Teufels: Die Prüfung, Bod; Auflage: 1 (23. Dezember 2015), ISBN-13: 978-3739221014

Augen in der Finsternis, Erich von Werner Verlag (25.11.2016), (ISBN-13: 978-3981838817)

Mehr über Andreas Herteux erfahren Sie auf der offiziellen Hompage, Facebook oder Twitter.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino