BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Andreas Herteux Headshot

FDP: Ist eine gute Show genug?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHRISTIAN LINDNER
Ralph Orlowski / Reuters
Drucken

Die Chancen der Liberalen bei der Bundestagswahl

Die Bundestagswahl nähert sich mit raschen Schritten und in diesem Rahmen sollen die Chancen aller Parteien analysiert werden, für die ein Einzug in den Bundestag möglich erscheint. Dabei sei darauf verwiesen, dass die Betrachtung eine unabhängige ist. Strategien der jeweiligen Parteien werden klar benannt und hierdurch werden diese natürlich auf gewisse Art und Weise entzaubert. Das mag dem begeisternden Anhänger wenig gefallen, für den nüchternen Beobachter sollte es sich allerdings als wertvoll erweisen.

Diese Analyse beschäftigt sich mit der FDP, die höchstwahrscheinlich wieder in den Bundestag einziehen wird und sogar Chancen besitzt, Regierungspartei zu werden.

Wie war die Entwicklung der FDP?

Die liberalen Wurzeln der FDP liegen zwar im 19. Jahrhundert, allerdings wurde die Freie Demokratische Partei erst nach dem 2. Weltkrieg, im Jahre 1948, gegründet, folgte aber in Personal und Themen früheren liberalen Parteien und Vereinigungen.

Nach dem Krieg bis in die 90er Jahre durchlief die Partei mehrere Phasen, bei denen der Schwerpunkt unterschiedlich war: Mal positionierte man sich tendenziell nationalliberal, dann sozialliberal und am Ende primär wirtschaftsliberal. Dabei stand man sehr oft in Regierungsverantwortung und war das berühmte Zünglein an der Waage, was sich erst mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag änderte.

Oft wechselte mit der Ausrichtung auch das Personal und die Wähler, z.B. kehrten viele sozialliberale Parteifunktionäre, aber auch Wähler der FDP nach dem Koalitionsbruch (im Jahre 1982) den Rücken und das Interesse wirtschaftsliberal ausgerichtete Kräfte wurde größer. Aus letzterem entstand das Image einer Wirtschafts- oder Klientelpartei, das im Grunde genommen, ob nun gerechtfertigt oder nicht sei dahingestellt, bis heute die Vorstellungen über die Freien Demokraten prägt.

Nachdem die FDP im Jahr 2013 aus dem Bundestag ausschied, kämpft sie nun um ein Comeback und hat auch durchaus realistische Chancen, Teil einer Regierungskoalition zu werden.

Wer wählt die FDP?

Der harte Kern der FDP-Sympathisanten war selten größer als 4%. In diesen Stammwählern lässt sich auch der klassische Wähler der Liberalen erkennen: Er ist in der Regel bereits über 50 (ca. 65%), männlich, verdient mehr als 3000 Euro netto im Monat, ist gut abgesichert und hat es, profan ausgedrückt, geschafft. Er ist mit sich zufrieden. Letztere Anmerkung mag irritieren, aber der exakt gleiche Wähler, in, man verzeihe die laxe Ausdrucksweise,„unzufrieden", wählt tendenziell eher Grüne oder AfD als FDP.

Den Rest der benötigten Wähler mobilisiert die FDP, zumindest seit der Ära Westerwelle, durch „Aufmerksamkeitswahlkämpfe." Diese bestechen vor allem durch den innovativen Aufwand und die Präsentation, die oft wichtiger erscheint, als etwaige Inhalte.

Überraschenderweise sind die Grünen der größte politische Konkurrent der Liberalen, da auch diese ein wohlhabenderes Klientel anziehen. Erst dann folgen CDU/CSU und AfD. Für enttäuschte CDU-Wähler war die FDP immer eine beliebte Ausweichmöglichkeit, zudem gibt es viele thematische Schnittmengen. Ähnlich wie auch die Grünen, zieht auch die AfD eine beachtliche Menge von einkommensstarken Wählern an, die exakt dem oben beschriebenen Bild des eigentlich liberalen Wählers entsprechen. Auch hier ist die direkte Rivalität nicht zu übersehen, die sich immer weiter zuspitzen könnte.

Das grundsätzliche Potential einer liberalen Partei wird auf 20 bis 25%. Dieses kann die FDP, allerdings nicht bedienen, da sie zwei Flügel des Liberalismus, in den Augen der Wähler, nicht genügend besetzen kann, was aber auch daran liegt, dass das Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahre 2013 die personellen, inhaltlichen und finanziellen Ressourcen und Möglichkeiten der Liberalen verkleinert hat.

Wie ist die Wahlkampfstrategie der FDP?

Da die FDP nicht über ausreichend Stammwähler verfügt, müssen sdie fehlenden Prozentpunkte durch eine effektive Kampagne gewonnen werden.

Diese Kampagnen zeichnen sich in der Regel durch drei Elemente aus:

  • Die Partei wird personifiziert und in eine Person gebündelt
  • Themen werden nicht tief behandelt, aber in griffigen Schlagworten präsentiert
  • Die Botschaft wird innovativ, modern und öffentlichkeitswirksam vorgetragen

Die Bündelung der Partei in eine Person ist bei der FDP der Neuzeit ein beliebtes Mittel, um die begrenzten Ressourcen effektiv einzusetzen: Was einst Guido Westerwelle war, ist nun Christian Lindner: Er ist die FDP. Es daher kein Zufall, dass der Parteivorsitzende das Bild der Freien Demokraten dominiert, sondern genauso gewollt.

Thematisch neigt die FDP immer dazu, Themen zwar in Schlagworten anzusprechen, aber am Ende doch eine gewisse Tiefe und Festlegung zu vermeiden. Vielmehr handelt es sich um „gut präsentierte, Absichtserklärungen, bei denen es mehr auf die Verpackung, als auf den Inhalt ankommt." Dieses Statement aus grauer Vergangenheit, soll für sich stehen, allerdings nicht negativ gewertet werden, denn schließlich handelt es sich dabei nicht um Oppositions- oder gar Regierungsarbeit, sondern lediglich um eine Weg, einen Wahlkampf mit eingeschränkten Mitteln zu führen.

Präsentiert werden Person und Themen möglichst modern, effektvoll und so, dass damit Reaktionen in den Medien entstehen, die wiederum über die Art des Wahlkampfes berichten, und weniger über die Inhalte der Liberalen. Dieses gelingt der Partei immer wieder. Auch im Jahr 2017 sprechen die Medien lieber über die Fotos des Parteivorsitzenden, als über Inhalte.

Die FDP schafft es mit dieser Strategie aus dem begrenzten Budget ein Maximum an Aufmerksamkeit zu generieren. Auch das hat Tradition.

Im Grunde genommen kopiert die Lindner-FDP die Wahlkampfstrategie der Westerwelle-Partei und hat lediglich die damaligen Frontinhalte gegen die heute relevanten Themen ausgetauscht. Warum auch nicht, schließlich war das zweifellos erfolgreich.

Diese Mobilisierung ist in der Vergangenheit, gemeint ist die Zeit nach der Wiedervereinigung, oft gelungen. Im Besonderen dann, wenn die FDP in der Opposition war. Sie scheiterte dagegen oder zeigte nur begrenzten Erfolg, wenn die Partei Regierungsverantwortung trug. Im Jahre 2017 ist zweifellos ersteres der Fall. Auch herrscht eine extreme Müdigkeit im Hinblick auf die große Koalition. Es gibt eine tatsächliche Sehnsucht nach Alternativen.

Zudem wandelt sich der Zeitgeist rapide. Nicht alleine in Deutschland, sondern in der ganzen westlichen Welt. Die Unzufriedenheit steigt und Ängste entstehen. Manche davon sind irrational. Andere sind durchaus rational, denn zweifellos stehen wir an einer Zeitenwende und es ist nur zu verständlich, wenn der Wähler sich fragt, ob die bisher Verantwortlichen über Konzepte verfügen, um den Herausforderungen der Zukunft erfolgreich gegenüber treten zu können. Besagter Wandel bringt die FDP wieder ins Spiel, gibt ihr eine neue große Chance und ist der eigentliche Grund, warum die Kampagne zwangsläufig erfolgreich sein wird.

Selbstverständlich wird sich der Wahlkampf auf den letzten Metern verschärfen. Die FDP wird sich bemühen, Teile der nationalliberalen Wähler durch einschlägige Statements noch zu erreichen und von der AfD zu sich zu ziehen, muss aber umgedreht darauf achten, dass es dafür keine kleine Abwanderungsbewegung zu den Grünen gibt, die sich parallel gegen jede Form des Nationalliberalismus richten werden. An der Stelle entscheidet sich unter Umständen, wie viele Prozentpunkte es für die kleineren Parteien am Ende genau werden. Nicht nur, aber auch.

Sollte der Wiedereinzug gelingen, gibt es für die Liberalen wahrscheinlich sogar die Möglichkeit, wieder Regierungsverantwortung zu übernehmen. Das wäre für die FDP ein sehr riskantes Spiel, denn im Grunde genommen verfügt die Partei weder über das Personal, noch über die thematische Tiefe, um angemessen wahrgenommen werden zu können oder sich gar in einer Koalition öffentlichkeitswirksam durchzusetzen. Sinnvoller erscheint es daher, erst einmal in der Opposition wieder an Substanz zu gewinnen.

Langfristig wird sich die Partei überlegen müssen, welche der drei liberalen Flügel sie mit welchen Köpfen und Themen besetzten möchte. Sicher, für 2017 wird ein personifizierter Wahlkampf ohne inhaltliche Tiefe genügen, um in den Bundestag einzuziehen. Das kann und darf aber kein Dauerzustand werden, denn sonst ist der erneute Absturz bereits absehbar. Die FDP muss daher der Versuchung widerstehen, erneut lediglich als Show- oder Klientelpartei zu agieren und zu einer echten liberalen Alternative werden.

Prognose für die Bundestagswahl

Die FDP hat gute Chancen in den Bundestag einzuziehen. Die Marketingstrategie im Wahlkampf überdeckt allerdings, dass die Partei personell und inhaltlich extrem dünn aufgestellt ist. Auch sind die finanziellen Mittel weitaus geringer, als es allgemein vermutet wird.

Eine Beteiligung an einer Regierungskoalition mag daher zwar reizvoll erscheinen, birgt aber die Gefahr in sich, dass die fehlende Substanz innerhalb kürzester Zeit aufgedeckt wird und die Liberalen sich nach nur einer Legislaturperiode wieder aus dem Bundestag verabschieden können. Es müsste demnach sehr viel in kurzer Zeit passieren, um zu bestehen. Das erscheint, auch mit dem Blick auf die Vergangenheit und auf die Herausforderungen der Zukunft, sehr unwahrscheinlich.

Sinnvoller mutet es daher an, sich erst einmal in der Opposition zu festigen und thematisch, sowie personell auf eine dauerhafte Tätigkeit vorzubereiten. Als Gegengewicht zu einer mutmaßlichen großen Koalition sollte das nicht sonderlich schwerfallen. Das ist natürlich Zukunftsmusik.
Die FDP wird den Einzug in den Bundestag schaffen. Das Ergebnis sollte sich, soweit nicht unplanbare Ereignisse auftreten, im Spektrum von 7 - 11% bewegen.

__________________________________________________________________________

Lesen Sie von Andreas Herteux auch seine Analysen zur SPD, den Grünen, der AFD, der CDU/CSU und der Linken.

__________________________________________________________________________
Andreas Herteux ist ein deutscher Schriftsteller, Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler.

Von Andreas Herteux sind unter anderem erschienen:

Mehr über Andreas Herteux erfahren Sie auf der offiziellen Hompage, Facebook oder Twitter.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');