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Der Kampf um Identität - Gründe für Trump & Co.

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DONALD TRUMP
Carlo Allegri / Reuters
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Ein Debattenbeitrag

Die westliche Welt im Jahr 2016. Politisches Rumoren. Hinterfragte Ordnungen. Erodierende Systeme und Machtstrukturen. Aufstieg neuer, Abstieg alter politischer Kräfte. Eine Zeit des Wandels, die vieler Orts mit großem Erstaunen zur Kenntnis genommen wird, obwohl sie sich seit Jahren abzeichnet. Und jetzt auch noch Donald Trump.

Eine unerwartete Entwicklung? Nein, die aktuelle Lage ist für sorgsame Beobachter nicht überraschend, sondern eine zwangsläufige. Zeit daher, eine wirkliche Debatte über Ursachen und Wirkungen zu beginnen und sie mit 3 Thesen, die sicher kontrovers betrachtet werden können, anzuregen:

  1. Die faktischen Veränderungen der Umfeld-Bedingungen (z.B. Streben nach einem vereinten Europa, Flüchtlings- und Eurokrise, Wettbewerbsdruck, Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt oder im Bildungssystem usw..) hat das Leben vieler Menschen in der westlichen Welt verändert
  2. Das Ignorieren oder ideologische Betrachten der Veränderungen, bei gleichzeitig anderer Schwerpunktsetzung hat zu einer Entfremdung zwischen Politik, Medien und Teilen der Bürgerschaft geführt
  3. Der Verlust von Identität durch die Veränderung der Umfeld-Bedingungen und die falsche Schwerpunktsetzung erzeugte erst Verdrossenheit und nun Widerstand

Die westliche Welt befindet sich im Umbruch: Der Gedanke an ein vereintes Europa oder gar eine vereinte Welt. Eurokrise. Niedrigzinspolitik. Investitionsstau. Flüchtlingsproblematik. Migration. Arbeitsmarkt. Freihandelsabkommen. Bildungssystem. Demographische Entwicklung. Und über allem schweben der Verlust von Wettbewerbsfähigkeit und der unaufhaltsame Aufstieg der asiatischen Konkurrenz auf den Weltmärkten.

Alternative Kräfte etablieren sich

Gleichzeitig erscheinen neue politische Kräfte und können erfolgreich Stimmen auf sich vereinen. Populisten nennen sie die einen. "Klartextredner" die anderen. Doch warum sind sie so erfolgreich? Aufgrund eines Spielens mit diffusen Ängsten?Vielleicht. Dank geschickter Propaganda? Möglich. Oder doch auch, weil die momentane Politik viele der Veränderungen bewusst herbeigeführt hat oder sie die Folge der eigenen, als alternativlos betrachteten, Handlungen sind? Weil die "Elite" das Leben vieler Menschen aus den Augen verloren hat? Weil sie zu selbstverständlich an die moralische Überlegenheit der eigenen Gedanken und Pläne glaubt? Einen Gesellschaftsvertrag vermutet, der womöglich nie existierte? Völlig falsche Schwerpunkte setze? Ignoranz? Überheblichkeit? Wenn ja, woher kommt die Arroganz, die Kritik als rein "postfaktisch" abwertet und die Themen, die zu interessieren haben, lieber diktiert, als sie aufzugreifen?

Wirklich keine faktischen Gründe?

Dabei ist es im Grunde genommen nicht schwer zu begreifen, dass der Gedanke an den Verlust der eigenen Altersvorsorge durch eine anhaltende Niedrigzinsphase vielen sehr viel näher stehen dürfte, als die Frage nach einer Frauenquote im Vorstand der 30 Dax-Konzerne. Auch die teilweise marode Infrastruktur werden so manche, beim Überschweben des nächsten Schlagloches oder dem Anblick der Schule der eigenen Kinder, sicher als wichtigeres Thema erachten, als gendergerechte Toiletten. Selbst das weltweite Klima verlieren einige Menschen aus den Augen, wenn der Job im Niedriglohnsektor nur gerade so zum überleben reicht.

Diese Auflistung beansprucht keine Vollständigkeit. Einige brisante Themen wie die innere Sicherheit oder der unübersehbare Verlust von internationaler Wettbewerbsfähigkeit wurde noch nicht einmal genannt, aber dennoch genügt dieser kurze Ausschnitt, um zu erkennen, dass die Beschäftigung mit einigen Themen nicht alleine auf irrationale Ängste zurückzuführen werden kann, sondern auf reale Fakten: Die Vermögensanlage erwirtschaftet weniger Zinsen. Die Straße ist baufällig. Der Niedriglohnsektor wurde massiv ausgebaut. Über andere Dinge soll das Mäntelchen des Schweigens geleckt werden.

Trägt denn niemand irgendeine Verantwortung?

Doch darf man sich der Logik verweigern? Nach der Feststellung des wahrgenommenen Ist-Zustandes werden sich viele Bürger nun eine weitere Frage stellen: Die nach der Verantwortung und diese führt letztendlich zu den politisch handelnden Parteien und Personen, deren Positionen und den Auswirkungen der Umsetzung der abgeleiteten Agenda.
Das mag in einer komplizierten Welt vereinfacht sein, dafür aber legitim genug um die folgende Aussage zu tätigen: Es gibt durchaus Bedenken an politischen Handlungen, die faktenbasiert sind und Entwicklungen, die kritisch betrachtet werden dürfen und müssen.

Trotzdem soll in der Folge auch auf das Gefühl eingegangen werden, denn nicht selten wird den "abtrünnigen" Bürgern unterstellt, "postfaktisch" zu handeln und jegliche Tatsachen zu ignorieren. Diffuse Ängste oder gar Hass als Antrieb? Bei wenigen sicher, doch bei so vielen? Ist es wirklich das, was einen großen Teil antreibt?

Gefühlter Identitätsraub

Die Antwort ist simpel: Ein großer Teil der Menschen in der westlichen Welt hat den Verlust von Identität zu beklagen. Den Verlust von Selbstverständlichkeit. Von einzelnen oder mehreren Elementen, die zusammen das individuelle Selbst bilden. Gleichzeitig sind die politischen Verantwortlichen nicht in der Lage, die verlorenen Teile der Identität durch andere zu ersetzen.
Der Begriff der Identität ist dabei vielfältig und es wäre fatal ihn auf Kampfbegriffe wie beispielsweise "Nation" oder "Einkommen" zu reduzieren. Dieses würden nur Demagogen. Zu Identität gehört die persönliche Lebensweise, ebenso wie normale Sicherheitsbedürfnisse oder Vorstellungen, welche Sitten und Normen herrschen sollten. Dazu gehört der Stolz auf das eigene Leben. Die Würde und noch so vieles mehr. Jedes Teilchen, das man nimmt führt zu einem bröckeln der Mauer, die das eigene Selbst stützt.

Widerstand gegen den Identitätsraub?

Wird die eigene Identität daher bedroht, bleiben nur vier Möglichkeiten:
  • Den Verlust akzeptieren (-> Akzeptanz)
  • Eine neue Identität finden (->Anpassung oder Ergänzung)
  • Sich innerlich auf den Rest zurückziehen (-> Verdrossenheit)
  • Sich wehren (-> aktives Engagement)

Eine echte Anpassung setzt in der Regel voraus, dass eine attraktive Ersatzidentität angeboten wird. Man denke hier beispielsweise an den gedachten Tausch einer deutschen gegen den einer europäischen oder globalen Identität. Das war für manche reizvoll.

Wirkt dieses Ersatzprodukt allerdings nicht attraktiv und erscheint Widerstand wenig erfolgsversprechend, erfolgt in der Regel ein innerer Rückzug, der auf den ersten Blick als scheinbare Akzeptanz gedeutet wird. Nicht umsonst wertete man früher Nichtwählen als Systemzustimmung oder gar Befürwortung. Nicht selten ein gefährlicher Trugschluss. Sehr oft wartet dieses verdrossene Potential nur darauf, geweckt zu werden.. Der Effekt ist immer ähnlich: Aus dem Schlaf erwacht, werden urplötzlich werden Identitätsbausteine eingefordert, welche die Politik schon längst als überwunden betrachtet hat.

Wer daher davon ausgeht, dass es sich bei den aktuellen politischen Veränderung lediglich um Populismus und geschürte Ängste handelt, ist mit einer beeindruckenden Naivität gesegnet. Es mag geschickte Agitatoren geben, aber am Ende ist es der Kampf um Identität. Da die etablierte Politik keine Antwort auf den Verlust derselbigen hat und sie ihn, aus Sicht vieler mit bedingt hat, glaubt man ihr auch nicht mehr, dass sie zur Leistung von Abhilfe noch in der Lage sein wird. Die Tür für neue Kräfte steht offen. Dabei werden auch schrillere und schreckliche Töne hingenommen, denn lieber folgt man dem, der zumindest einen kleine Teil zurückgibt, als den, der genommen und zerstört.

Zusammenfassung und Diskussionsaufruf

Die Krise der westlichen Welt setzt sich daher primär aus drei Komponenten zusammen:

  • Die faktischen Veränderungen der Umfeld-Bedingungen
  • Das Ignorieren der Veränderungen, bei gleichzeitig anderer Schwerpunktsetzung
  • Der Verlust von Identität durch die genannten Bedingungen

Dieses kann und darf natürlich, wie bei jedem Debattenbeitrag üblich, diskutiert werden.

Andreas Herteux ist ein deutscher Schriftsteller, Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler.

Er bemüht sich mit Hilfe eines Crowfunding-Projektes aktiv um die Vermittlung von Werten an Kinder. Mehr über ihn erfahren Sie auf seiner Facebook-Präsenz oder seiner Hompage.

Von Andreas Herteux sind unter anderem erschienen:

  • Grundlagen der Weltenphilosphie, Franzius Verlag (20. Juli 2015), ISBN-13: 978-3945509029 Identitätsorientierte
  • Führung einer politischen Marke: In der Theorie und am praktischen Beispiel der Freien Demokratischen Partei (FDP), AV Akademikerverlag (16. November 2013), ISBN-13: 978-3639490480
  • Das Sternenkind und der Rabe, Erich von Werner Verlag, (2. November 2016), ISBN-13: 978-3981838824
  • The Star Child and the Raven, Erich von Werner Verlag (14. November 2016), ASIN: B01M6C9AK6
  • Aus dem Leben eines Teufels: Die Prüfung, Bod; Auflage: 1 (23. Dezember 2015), ISBN-13: 978-3739221014
  • Augen in der Finsternis, Erich von Werner Verlag (25.11.2016)

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