BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Andreas Herteux Headshot

Woher kommt der Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD) wirklich?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFD
Kai Pfaffenbach / Reuters
Drucken

Die Chancen der AfD bei der Bundestagswahl

Die Bundestagswahl nähert sich mit raschen Schritten und in diesem Rahmen sollen die Chancen aller Parteien analysiert werden, für die ein Einzug in den Bundestag möglich erscheint. Dabei sei darauf verwiesen, dass die Betrachtung eine unabhängige ist. Strategien der jeweiligen Parteien werden klar benannt und hierdurch werden diese natürlich auf gewisse Art und Weise entzaubert. Das mag dem begeisternden Anhänger wenig gefallen, für den nüchternen Beobachter sollte es sich allerdings als wertvoll erweisen.

Diese Analyse beschäftigt sich mit der Alternative für Deutschland (AfD), die relativ sicher erstmals in den Bundestag einziehen und damit das politische System in Deutschland endgültig verändern wird.

Woher kommt der Erfolg der AfD wirklich?

Die Wurzeln der AfD liegen oberflächlich betrachtet in kleineren Protestbewegungen gegen die Euro-Rettungspolitik aus deren Umfeld heraus die Alternative für Deutschland im Jahr 2013 gegründet wurde. Scheiterte man noch im gleichen Jahr bei der Bundestagswahl, ist die Partei, trotz zahlreicher internen Querelen und oft unbestimmten programmatischen Aussagen, auf klarem Wachstums- und Erfolgskurs.

Aber sind die diese Ursprünge wirklich ursächlich für die weitere Entwicklung der Partei? Tendenziell nicht. Die folgenden Sätze mögen daher unpopulär erscheinen, aber das Erfolgsgeheimnis der Alternative für Deutschland ist am Ende der sich wandelnde Zeitgeist und das Glück der Partei, genau in dem Moment die Bühne zu betreten, als aufziehenden Kräfte, auch in Deutschland, nach einer unverbrauchten Möglichkeit der Bündelung, suchten. Dass sich diese Bündelung der Unzufriedenheit am Ende in der AfD vollzog, war mehr historischer Zufall, denn planbar oder gewollt.

Es kommt daher gar nicht so sehr auf Personen oder Inhalte an, sondern nur auf das, was die Partei jetzt darstellt: Ein Symbol gegen das Establishment. Ein Symbol an sich braucht aber nur begrenzt Köpfe und Inhalte. Es steht für sich alleine und muss erst einmal nur wahrgenommen werden.

Da mag hochtrabend klingen, allerdings hat der Autor dieser Zeilen bereits Jahre vor der Gründung der Partei darauf hingewiesen, dass in Deutschland ein Vakuum entstanden ist, dass eine Partei, die sich sozialliberal, wirtschaftsliberal und nationalliberal gibt, mühelos ausfüllen könnte und das Potential damals auf gut 20% bei der Bundestagswahl 2013 geschätzt.

Der Hinweis, sich in diese Richtung orientieren zu können galt zu jener Zeit freilich der FDP, die damals wissenschaftlicher Betrachtungspunkt war, aber sie zeigt, dass die Entwicklung und das brachliegende Potential immer abzusehen waren.

Auch zu späteren Zeit wurde von dieser Seite immer wieder auf das Vakuum und die unübersehbare historische Gegenbewegung zum herrschenden Zeitgeist hin- und bereits frühzeitig auf die Konsequenzen verwiesen. Hierzu seien aber nur an die Analysen der Chancen der AfD und den allgemeinen Wandel erinnert.

In der Summe ist der Erfolg weniger auf das Engagement einzelner Personen oder Themen zurückzuführen, als vielmehr auf das Pendel, das irgendwann in eine andere Richtung schlagen musste. Selbst ein mittelmäßiger Beobachter hätte diese Entwicklung bereits spätestens seit 2010 wahrnehmen können oder müssen.

Diese These findet in Medien und bei den etablierten politischen Parteien bislang natürlich wenig Akzeptanz. Verständlich, denn letztendlich würde damit auch das eigene Versagen eingestanden werden. Trotzdem werden sich alle Kräfte irgendwann dieser Diskussion stellen müssen.

Wer wählt die AfD?

Hat man den eigentlichen Kern des Erfolgs der AfD verstanden, so fällt es vielfach leichter, nachzuvollziehen, warum die AfD Wähler aus sehr vielen Milieus anzieht und keineswegs am sogenannten Rand erfolgreich ist.

Grundsätzlich ist der Wähler der Partei überwiegend männlich (60%), jung oder mittleren Alters und verfügt über einen mittleren (44%) bis guten Bildungsabschluss (31%). Während Rentner die AfD bislang seltener wählen, ist die Partei sowohl für Arbeitslose, als auch für Gutverdiener interessant.

Letzteres verwundert auf den ersten Blick, da die Interessen der Gruppen sehr unterschiedlich erscheinen. Besagte Verwunderung legt sich allerdings, wenn man sich erneut vor Augen führt, dass die AfD als Symbol gesehen wird und nicht als konkreter Problemlöser. Vereinfacht gesagt, man wählt sie, jenseits der bereits vorhandenen Stammwähler, um ein deutliches Zeichen zu setzen.

An dieser Stelle aber von reinem Protest zu sprechen, ist vollkommen verfehlt. Es mag auch Protestwähler geben, aber diese zeichnet normalerweise aus, nur ein Zeichen setzen zu wollen und anschließend in den Schoß des Etablierten zurückzukehren, sobald besagter Protest seine Wirkung entfalten hat.

Das wird bei vielen dieser Menschen nicht geschehen. Nicht Protest ist die treibende Kraft. Vielmehr ist es schlicht der Widerstand gegenüber eine erkannten Fehlentwicklung. Diese Unterscheidung ist wichtig, um die komplizierte Entwicklung verstehen zu können.

Obwohl die Partei relativ jung ist, mutet es daher wenig bemerkenswert an, dass sie bereits jetzt über einen festen Wählerkern von ungefähr 4% verfügt. Dieser ist damit ähnlich groß, wie jener der Grünen oder der FDP. Der benötigte Rest lässt sich durch den Wind des Zeitgeistes relativ leicht mobilisieren und er weht überall da, wo tiefe Unzufriedenheit mit dem Establishment herrscht.

Dessen ist sich die AfD auch voll bewusst und setzt daher gezielt auf 5 Gruppen, die ganz gut die tatsächlichen Wähler repräsentieren: Europa-Kritikern, liberal-konservative Bürgerliche, Protestwähler, Nichtwähler und das Prekariat.

Das maximale Potential dürfte - im Moment - bei ungefähr 20% legen. Dass die Partei dieses aber 2017 voll ausschöpfen kann, muss bezweifelt werden und ist tendenziell unwahrscheinlich.

Wie ist die Wahlkampfstrategie der AfD?

Den Verantwortlichen der Alternative für Deutschland ist es die günstige politische Marktlage durchaus bewusst und in diese Richtung ist auch die Strategie angelegt:

1. Um jeden Preis als Alternative zum Establishment wahrgenommen werden
2. Kernthemen wie Euro, EU oder Flüchtlinge besetzten
3. Zu jedem anderen Thema (z.B. Rente) zumindest grundsätzliche Aussage machen können
4. Online-Wahlkampf muss Nachteile bei Offline-Wahlkampf ausgleichen

Problematisch für die Partei ist, dass sie, als relativ neuer Marktteilnehmer, außerhalb des Internets, über wenige mediale Möglichkeiten verfügt, Wähler zu erreichen. Deswegen setzt die AfD auf den gezielten Tabubruch. Sie will, wie es wortwörtlich im Strategiepapier zur Bundestagswahl heißt „[..] ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein [..]". So soll der Sprung in die ungeliebten Massenmedien geschafft werden.

Interessanterweise funktioniert dieses Konzept nur indirekt, denn während oft bewusste Provokationen, beispielsweise eindeutige Statements auf Facebook, ignoriert werden, geraten dagegen Aussagen, die womöglich gar nicht als direkte Provokation gedacht waren, in den Fokus der Öffentlichkeit und produzieren die erhoffte Aufmerksamkeit. Das Konzept greift daher, wenn es auch nicht so steuerbar ist, wie die AfD das gerne gehabt hätte.

Mit ihren Kernthemen dürfte die Partei eng verbunden sein. Gefährlicher sind alle weiteren Bereiche, denn um die gewünschten Zielgruppen zu erreichen, ist es von Nöten, sich zumindest zu den größten Themen der Zeit (z.B. Rente, Steuern, Altersarmut, Bildung usw..) zu äußern. Intern wird hier natürlich die Problematik gesehen, dass die unterschiedlichen Wählergruppen verschiedene Zielsetzungen haben.

Aus diesem Grund werden alle Felder außerhalb des Kernbereichs im Wahlkampf auch nicht allzu tief behandelt. Einerseits, um keine Wähler zu verprellen, andererseits natürlich auch, weil die junge Partei in vielen Bereichen noch keinen abschließenden inhaltlichen Konsens gefunden hat.

Eine interessante Frage ist, ob die Stigmatisierung der AfD hilft oder schadet. Bei ihrer Kernwählerschaft und extrem besorgten und unzufriedenen Bürgern, ist die Ausgrenzung keinesfalls schädlich, sondern sie wird so erst mobilisiert. Das ist der politischen Konkurrenz natürlich bewusst.

Dass sie es trotzdem tun, hängt mit zwei Faktoren zusammen: Einerseits, weil es Teil des eigenen Wahlkampfes ist, bewusst die Konfrontation zu suchen und so die eigenen Wähler zu mobilisieren, andererseits weil die AfD langsam aber sich auch Wähler abwirbt, welche die etablierte Politik noch als erreichbar betrachtet. Letztere sollen durch eine Stigmatisierung abgeschreckt werden, ihr Kreuz bei der Alternative für Deutschland zu machen.

In der Summe ist der Angriff auf Personen und Partei aber keine neue Strategie. Es handelt sich vielmehr um den üblichen Standard, um den Einfluss politischer Newcomer zu vermindern. Ähnliches erlebten auch die Grünen oder die Linke auf ihrem Weg der Etablierung.

Die AfD profitiert, wie mehrfach betont, vom sich wandelnden Zeitgeist, der dazu geführt hat, dass ein Teil der Bevölkerung inzwischen die aktuelle Ordnung deutlich hinterfragt. Es genügt daher für diesen Bundestagswahlkampf, wenn die Inhalte vom Mainstream abweichen. Tiefe ist gar nicht nötig. Im Moment nicht. Die letzten Zeilen wollen viele Vertreter anderer Parteien oder Medien nicht wahrhaben, was jedoch nichts daran ändert, dass sie zutreffend sind.

Langfristig wird sich die Partei entscheiden müssen, wofür sie wirklich steht. Möchte sie ausschließlich ein Sammelbecken des Nationalismus werden? Oder möchte die Alternative für Deutschland soziale, wirtschaftliche und liberale Kompetenz entwickeln und tatsächlich alle Wählergruppen, die sie bislang anspricht, wirklich mit Lösungen zu bedienen? Opposition sein? Oder irgendwann Regierungsverantwortung übernehmen?

Bislang ist das völlig offen und mehrere Wege, sowie Spaltungen, aufgrund innerparteilicher Auseinandersetzungen, sind denkbar, denn die Machtverhältnisse innerhalb der Partei sind bereits während der kurzen Existenz mehrfach gekippt und ein Erfolg bei der Bundestagswahl könnte neue Mitglieder anziehen, die der Alternative für Deutschland ganz schnell ein anderes Gesicht bzw. abweichende thematische Schwerpunkte geben könnten.

Fakt ist, dass eine Zeitenwende bevorsteht, und die AfD - alleine aufgrund ihrer Existenz - die bestehende Politik beeinflusst, denn sie treibt die anderen Parteien voran oder vor sich her. Das garantiert aber nicht ihr dauerhaftes Wachstum
.

Ein warnendes Beispiel ist hier tatsächlich die Partei, die intern als „Gegenprogramm der AfD" bezeichnet wird: Die Grünen, die sich, von 2008 bis 2013, ebenfalls auf dem Weg zur Volkspartei wähnten, als jahrelang grüne Themen die Politik dominierten. Die Partei selbst konntet aber nicht wirklich davon profitieren. Heute zittern die Grünen um den Einzug in den Bundestag.

Wie bereits betont, ist die künftige Entwicklung der AfD völlig offen. Insgesamt leben wir daher in spannenden Zeiten und eine Kontinuität, wie sie Jahrzehnte vorlag, ist nunmehr nur noch eine Illusion.

Prognose für die Bundestagswahl

Die AfD wird in den Bundestag einziehen und die politische Landschaft endgültig verändern. Bereits das wäre ein sehr großer Erfolg für die junge Partei. Ihr maximales Potential wird sie aber nur dann ausschöpfen können, wenn es vor dem Wahltermin noch relevante Ereignisse in Deutschland gibt, die nicht planbar sind.
Davon ist im Moment nicht auszugehen. Daher ist ein Ergebnis, das im Bereich von 8% - 16% liegt nicht unrealistisch. Was die langfristige Zukunft bringen wird, ist heute noch vollkommen offen.

__________________________________________________________________________
Andreas Herteux ist ein deutscher Schriftsteller, Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler.

Von Andreas Herteux sind unter anderem erschienen:

Mehr über Andreas Herteux erfahren Sie auf der offiziellen Hompage, Facebook oder Twitter.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');