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Der Zar ist weit und Gott ist hoch

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JOURNALIST MEETING
Dmitriy Shironosov via Getty Images
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Die Polarisierung zwischen Europa und Russland war im Moskauer alten Telegrafenamt unweit des Kreml am Wochenende Thema einer Konferenz von N-Ost - einem einzigartigen Netzwerk sprach- und landeskundiger Journalisten, das von Berlin aus unter anderem die Geschehnisse zwischen Moskau und Wladiwostok beobachtet.

Die Spannungen zwischen Russland und dem Westen fallen täglich ins Auge. Syrien-Konflikt, Sanktionen und natürlich der Krieg im Donbass - der russische Bär zeigt seine Krallen und scheint ganz spezielle Wege zu gehen. Im Moment führen die eher weg von Europa, zumindest dem, das sich auf seine demokratisch-humanistischen Wurzeln beruft.

Zwei Wochen nach den DUMA-Wahlen und dem gewaltigen taktischen Sieg von Wladimir Putin, dessen Partei „Einiges Russland" aufgrund ihrer Personal-, Geld- und Strippenzieher-Ressourcen mit 343 von 450 Parlamentssitzen eine Zwei-Drittel-Mehrheit erreichte, werden die kriselnden Ost-West-Beziehungen immer greifbarer. Damit stellt sich auch die Frage, ob Europa und Russland noch in einem Boot sitzen.

Diese Polarisierung war in Moskau am Wochenende Thema einer Konferenz von N-Ost - einem einzigartigen Netzwerk sprach- und Landeskundiger Journalisten, das von Berlin aus unter anderem die Geschehnisse zwischen Moskau und Wladiwostok beobachtet.

Das Klima beim Diskurs um Russlands Rolle schien dabei stellenweise durchaus kühl. Natalia Burlinova von der russischen Initiative „Creative Diplomacy" zum Beispiel sagte, dass die EU wegen ihrer Eingebundenheit in die transatlantische Solidarität selbst nicht mehr unabhängig sei und schließlich nutze der Westen auch seine Möglichkeiten der Einflussnahme.

Da müsse man realistisch sein, aber in Europa könne immerhin über einen Anschluss an die Schlussakte von Helsinki nachgedacht werden, also ein Helsinki II. Das würde natürlich einige materielle Leistungen mit sich ziehen: Die Aufhebung aller Sanktionen und neue Gesprächskontakte im sozialen, ökologischem und regionalem Bereich, die für die gesamte Gesellschaft zugänglich sind, so in Moskau zu hören.

Wie weit weg das von der aktuellen Realität ist, wurde dann aber gleich deutlich, als Vytautas Bruveris, der für „Lietuvos rytas", eine der wichtigsten litauischen Zeitungen arbeitet. Mittelalterlicher Feudalismus, Diktatur, Korruption - so seine Attribute für das heutige Russland, wo nur das zähle, was am Stärksten ist. Die Ukraine sei das beste Beispiel dafür. An einen Dialog glaubt Bruveris nicht.

Sanktionen bringen wenig

Was also tun - Schto delat? Die Sanktionen der EU gegen Russland jedenfalls tragen wenig zur Demokratieentwicklung bei, so die Einschätzung von Andreas Knaul, einem in Moskau tätigen deutschen Anwalt. Und in der Tat sind Russen da erfinderisch. An Käse aus Palmöl - eine Kreation als Reaktion auf eingestellte Milchlieferungen oder Fischbüchsen mit belorussischen Herkunftsnachweisen - herrscht auf Russlands Märkten kein Mangel.

Die Sanktionen sind ein Propagandageschenk an Putin, sagt Knaul. Was zunehme sei mediale Staatspropaganda. Oligarchen wie die Rotenberg-Brüder, die als Gas- und Bankunternehmer enge Freunde des Kremlchefs wurden und unter das 2014 von der US-Regierung verhängten Embargos fallen, sitzen fest im Sattel und so manches europäische Unternehmen geht nach Russland und produziert einfach vor Ort.

Drahtseilakt Medien

Also doch Medien wie N-Ost als vierte Gewalt ? Dazu gibt es im Moment wohl keine Alternative und bei der Medienkonferenz des Netzwerkes wurde deutlich, dass dies in diesem Fall eine Frage von journalistischem Selbstverständnis und von Wahrhaftigkeit bleiben muss. Medien sind manipulierbar, käuflich und manchmal am Rande der Existenz - vor allem in Russland.

Eine Gratwanderung besonders für russische Journalisten also manchmal schon, wenn sie sich zwischen Idealismus und erweiterten Grundbedürfnissen entscheiden müssen. Europäisierung der Öffentlichkeiten wäre gut und machbar, sagen junge Leute in Russland. Das gehört gerade im Zeitalter der sozialen Medien auf jeden Fall dazu, ob Putin und seine Think-Tanks wie „Creative Diplomacy" das nun möchten oder nicht.

Auch von einer inzwischen fünften Gewalt - den sozialen Medien war in Moskau die Rede. Bis zum Zaren ist es weit, bis zu Gott hoch - lautet ein russisches Sprichwort. Gut, dass es zwischen Moskwa und Amur noch irgendwo etwas dazwischen gibt.

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