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Wie YouTube die Medienlandschaft verändert

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johavel via Getty Images
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Aufgenommen mit der Handykamera und mit wenigen Klicks ist der private Film online bei YouTube zu sehen. Der private Nutzer gibt sich einer Öffentlichkeit preis, die er vorher nicht kennt und deren Reaktion er nicht abschätzen kann. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die online sogenannte Bewegtbilder konsumieren, stetig an. Doch wie verändert eigentlich das neue Mediennutzungsverhalten der Konsumenten die Medienlandschaft?

Ein neues Medium: Vom Zuschauer zum Sender

Einst waren die Rollen klar verteilt und der Journalist galt als Gate Keeper, als Agenda Setter oder derjenige, der zumindest den inhaltlichen Rahmen bestimmt. Keine dieser Funktionen kann heute so stehen bleiben, denn der klassische Rezipient existiert nicht mehr. Er ist selbst zum Medienschaffenden geworden.

Er bloggt, er kommentiert, er shared und liked oder greift selbst zur Kamera und filmt. Doch auch die Inhalte sind andere geworden, denn der medienschaffende Rezipient interessiert sich zunächst für seinen Alltag, seine Lebensrealität und filmt eben diese.

Deshalb sind besonders beliebte YouTube-Kanäle oftmals bestechend simpel in ihrer gezeigten Handlung. Da werden Witze gerissen, die neusten Moden gezeigt oder vollkommen inhaltslose Sequenzen eingestellt. Denn wo ein Text vom Inhalt leben muss, können Bewegtbilder schon mit weit weniger Botschaft dennoch ausreichend Reize setzen.

Versucht das Fernsehen aktuell noch mit gescripteten Reality-Formaten den Eindruck zu erwecken, direkt am Leben dran zu sein, so sind es die Videos im Netz bereits. Sie ermöglichen uns den voyeuristischen Blick in fremde Wohnzimmer. Und wo der Blick geradeaus in die Kamera im Fernsehen verpönt ist, da setzen die YouTube-Blogger auf direkte Ansprache, Duzen und richten den Blick nach vorne.

Die Außenseiter" zählt in Deutschland zu den beliebtesten YouTube-Kanälen und hat mit mehr als zwei Millionen Abonnenten eine der größten Anhängerschaften. Dabei zeigen die beiden aus Russland stammenden Cousins kaum mehr als grotesken Klamauk.

Ähnlich steht es um Kanäle wie Y-Titty (über drei Millionen Abonnenten), auf dem drei Freunde vor allem Musikvideos parodieren. Mit mehr als einer Million Abonnenten hat Sami Slimani als HerrTutorial zwar etwas weniger Fans, ist aber zugleich einer der bekanntesten männlichen Blogger, der über Herrenkosmetik spricht.

Passives Konsumieren wird zur aktiven Entscheidung

Daneben befreit uns das Internet von starren Fernsehprogrammen. Nun können wir als Konsumenten eigenständig entscheiden, was wir sehen wollen. In einer flammenden Rede brach Kevin Spacey beim Edinburgh International Television Festival mit dem Bild des unaufmerksamen Konsumenten, der nicht für mediale Inhalte bezahlen wolle.

Vielmehr müsse man nur das Angebot entsprechend gestalten, denn kreative Formate würden sehr wohl auf bezahlfreudige Zuschauer treffen. Netflix sei der Beweis dafür. Das US-amerikanische Unternehmen bietet Videos-on-Demand gegen Bezahlung an und hat schon heute mehr Zuschauer als herkömmliche Fernsehsender und mehr Abonnenten als der größte amerikanische Kabelanbieter Comcast.

In Deutschland können Konsumenten auf Anbieter wie Watchever oder Maxdome zurückgreifen, seit einiger Zeit drängt aber auch Netflix in den deutschsprachigen Markt. Auch die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie kommt zu dem Ergebnis, dass rund 74 Prozent der Onliner sich Bewegtbilder im Netz ansehen. Dabei werden nicht nur Portale wie YouTube angesurft, sondern auch zeitversetzt klassische Fernsehinhalte konsumiert, etwa in den Mediatheken.

Zusätzlich nimmt auch die Zahl der sogenannten Smart-TVs in privaten Haushalten drastisch zu. Ausgehend von den sogenannten Onlinern kam die Onlinestudie zu dem Ergebnis, dass in 96 Prozent aller Haushalte Fernseher stünden, von denen rund ein Drittel zu diesen internetfähigen Geräten gezählt werden.

Zwar nutzen noch viele Besitzer ihren Smart-TV nicht, um damit ins Internet zu gehen. Doch die Zahl derer, die es tun, stieg allein innerhalb eines Jahres um zehn Prozentpunkte. Mittels App auf dem Fernseher lassen sich so auch Portale wie YouTube binnen Sekunden auswählen und öffnen.

In der Fachwelt spricht man hier von sogenannten „Over-The-Top"-Angeboten, die zusätzlich zum herkömmlichen Fernsehen genutzt werden. Für den Zuschauer heißt das, unabhängig von Uhrzeit und Tag das Fernsehprogramm individuell gestalten zu können.

Hangouts On Air: Das neue Live-Format?

Anbieter wie Google und die Hersteller moderner Smartphones reagieren ebenfalls auf den Trend des Bewegtbildes im Internet. Mit Hangouts on Air wird die Bildübertragung vom privaten Handy ins Internet in Echtzeit möglich. So kann der passionierte Fußballfan zum Live-Reporter werden oder der Passant zum zufälligen Erstberichterstatter.

Teure Übertragungswagen und mehrere Mann umfassende Teams könnten so in Zukunft ersetzt werden. Doch die Live-Streaming-Dienste könnten auch zur echten Konkurrenz für den professionellen Medienberichterstatter werden. Denn alles, was der private Besucher eines Events braucht, ist ein Smartphone mit Datentarif ins Internet und schon kann die Live-Übertragung beginnen.

Da Google nicht nur die Software für Hangout On Air anbietet, sondern auch Youtube besitzt, wird der Film direkt online auf dieser Plattform für Millionen Zuschauer sichtbar und nach der Übertragung als Video archiviert.

Eine Sendungen mit Hangouts on Air zu erstellen braucht etwas Übung. Dieses Handbuch gibt Einsteigern eine Einführung in die Vorbereitung und erfolgreiche Live-Sendungen auf YouTube.

Berichterstattung aus Kriegen und Krisen

Musste sich früher der wagemutige Journalist in Krisengebiete begeben, um an Informationen und Bildmaterial zu gelangen, so ersetzt ihn heute der Smartphone-Besitzer vor Ort. Seien es die Revolutionen im arabischen Frühling oder der anhaltende Syrienkrieg: Informationen und Filme gelangen oftmals zunächst über Facebook und YouTube in den Westen.

Selbst große Nachrichtensendungen nutzen heute Videomaterial, das mittels YouTube verfügbar ist. Zeitnah erlangen wir Informationen aus Ländern, die vormals nur über Umwege von außen zu erreichen waren. YouTube wird hier weniger zur Konkurrenz als zum Lieferanten und Übermittler. Dabei ist journalistische Arbeit weiterhin unerlässlich.

Denn es benötigt die Expertise von erfahrenen Reportern, um die Echtheit der überlieferten Informationen und Bilder zu prüfen. Journalisten werden in ihrer Bedeutung also nicht zwangsläufig von YouTube und Amateur-Sendern bedroht. Allerdings müssen sie sich den neuen Anforderungen stellen und die erforderlichen Fähigkeiten aneignen. Sie können nach wie vor als Gate Keeper funktionieren.