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"Ich habe einfach nur Angst" - was es für Kinder bedeutet, wenn Kitas unterbesetzt sind

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Erzieher in Deutschland arbeiten oft unter miserablen Bedingungen. Andreas Ebenhöh berät deutsche Bildungsinstitutionen und will auf die untragbaren Rahmenbedingungen der Kindertagesstätten aufmerksam machen. Wie die Kinder die Situation in den Kitas erleben, hat er hier aufgeschrieben.

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Ich bin ein Jahr alt und wohne mit Mama und Papa in einem wunderschönen zu Haus... mein zu Hause. Dort spielen, toben, schmusen und lachen wir gemeinsam. Papa wuschelt mit seinen Haaren durch mein Gesicht und wenn er lacht, dann hat er lustige Grübchen um die Augen.

Wenn ich auf dem Wickeltisch liege und meine Füße bestaune, krault mich Mama sanft, bis tausende kleine Pünktchen entstehen...das ist wunderbar!

Eine Erzieherin ist krank, ein andere im Urlaub

Mama bringt mich dann um 07:30 Uhr in die Krippe. Dort wartet bestimmt schon Michaela... meine Michaela. Sie ist toll, einfach toll, denn sie wirft mich manchmal in die Luft! Heute Morgen ist Michaela wohl doch nicht da.

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Peter, der Erzieher von den großen Kindern sagt, dass sie Urlaub hat und Bianca, die tollste Vorleserin der Welt, ist wohl krank. Peter meint zu Mama, dass Kathi heute meine Gruppe betreut.

Kathi habe ich noch nicht kennen gelernt! In meiner Gruppe sind schon Tom, Jana, die wilde Shenmi, Laura, die lustige Mia, Hugo, Ahmet und der mutige Jonas.

Ich fühle mich unwohl und weine. Ich vermisse Michaela und möchte lieber bei Mama bleiben. Kathi nimmt mich auf den Arm während ich weine und strample. Ich will das nicht, ich will zu Mama,... meine Mama! Ich habe heute Angst hier zu sein!

Ich weiß nicht was hier passiert. Ich habe Angst! Bitte Mama, bitte...! Mama presst die Lippen aufeinander und versucht zu lächeln. Sie geht und winkt! Mein Herz schlägt wild, mein Bauch tut weh, meine Augen brennen! Ich verstehe das nicht! Was passiert hier?

"Ich bin wieder alleine! Ich habe Angst und will nach Hause.

In der Gruppe setzt mich Kathi auf den Spielteppich. Sie möchte mit mir ein Buch anschauen. Jonas kratzt Laura im Gesicht und Tom schüttet seinen Trinkbecher auf die Bücherkiste. Kathi ist wohl alleine hier und springt auf. Sie läuft zu Jonas und Laura.

Ich weine, weil ich ganz alleine bin! Ich will zu meiner Mama. Shenmi haut mit einem Baustein auf meinen Kopf - das tut mir weh! Kathi kommt zurück und dann steht der Papa von Merle an der Tür und ruft nach Kathi. Shenmi haut mich wieder mit dem Baustein und Mia steckt sich Teppichflusen in den Mund.

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Nach dem Mittagessen weine ich beim Schlafengehen und Ramona - eine Erzieherin aus der anderen Gruppe - tröstet mich. Ramona hat Schlafwache, muss aber immer wieder auch in die anderen Schlafräume. Ich bin wieder alleine! Ich habe Angst und will nach Hause.

Zwei Erwachsene passen auf alle Kinder auf

Nach dem Schlafen gehen wir raus. Alle Kinder sind draußen und ich freue mich wieder! Kathi ist auch wieder da und auch der nette Peter. Nur zwei Erwachsene und alle Kinder! Ein großer Junge fährt mit dem Laufrad gegen die lustige Mia. Sie schreit ganz laut und das macht mir Angst!

Peter läuft hin und hilft Mia. Ich finde ein paar Steinchen und stecke sie mir in den Mund!

Auf dem Hügel sitzen Ahmet und Hugo. Hugo schubst Ahmet um und legt sich auf sein Gesicht. Ahmet fängt an zu weinen und haut Hugo. Beim Wickeln sehe ich Kathi im Flur weinen. Ramona nimmt sie in den Arm.

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"Schnell, schnell", sagt Astrid (eine Erzieherin von den großen Kindern). Wickeln in der Krippe geht immer schnell! Schnell Händewaschen, schnell anziehen und schnell raus gehen!

Um 17 Uhr kommt Papa mich abholen. Er sieht müde aus, mein Papa! Er nimmt mich in seine Arme und küsst mich ganz doll. Da sind sie wieder, seine Grübchen! Mir wird ganz warm, mein Herz ist ganz ruhig, mein Papa ist da!

Er spricht noch mit Kathi und sie sagt, dass alles gut gelaufen ist. Kathi hat noch ganz rote Augen. Papa und ich fahren nach Hause. Mama steht an der Haustür mit offenen Armen und Ruft: Ja wer kommt denn da? Ich laufe aufgeregt an Papas Hand und rufe: Ich bin Cora!

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