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Wir Erzieher stehen jeden Tag kurz vor dem Burnout

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STRESSED NURSERY TEACHER
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Es ist 06:00 Uhr ... der Wecker spielt wie immer meinen Lieblings-Song, doch ist mein erstes Gefühl nach dem ich die Augen öffne Angst.

Angst davor, wie der Tag werden wird. Mein Bauch drückt und mein Kopf schmerzt. Noch einen Milchkaffee für die Seele und schon geht's los. Frühdienst in der Kita Musterberg!

Es ist 6:50 Uhr. Vor der Tür warten schon die ersten Eltern und während ich alleine die Stühle runter stelle, verdränge ich genervt die Türklingel. Unsere FSJ-lerin Mareike müsste gleich kommen.

Die Eltern bringen ihre Kinder direkt aus dem Bett her

Mareike ist erkältet und Ihre Augen sind ganz rot! "Bestimmt Bindehaut", lache ich und schließe pünktlich um 07:00 Uhr die Türe auf. Ich begrüße müde Kinder und angestrengte Eltern, weise mal wieder auf die noch leeren Listen fürs Sommerfest hin und wechsle bereits die ersten Windeln, da einige Eltern ihr Kind scheinbar direkt aus dem Bett hierherbringen.

Gegen 07:30 Uhr klingelt das Telefon und mein Magen krampft sich zusammen, denn bis 07:30 Uhr sollen alle Kollegen anrufen, die sich krankmelden wollen.

Mareike nimmt ab und presst die Lippen zusammen. An ihrem Gesicht sehe ich bereits, was gleich kommen wird! "Jörg ist bis einschließlich Freitag krank!", sagt sie seufzend. Also heißt es bis 08:30 Uhr durchhalten ... irgendwie. Dann kommen Sybille und Marion.

Es ist 07:45 Uhr: Es sind bereits 8 U3 Kinder und 6 Ü3 Kinder da.

"Wie kann das nur sein, dass keiner sieht wie beschissen die Bedingungen für die Kinder und uns sind?" denke ich mir und verzweifle an der spürbaren Überlastung dieses Gedankens.

Wir sind selbst Opfer dieser Bildungspolitik

Morgenkonferenz 09:30 Uhr: Wir schauen uns ratlos und niedergeschlagen an und wissen, - ohne es auszusprechen - dass heute mal wieder keine Pause drin ist. Unsere jüngsten Kinder schlafen bereits nach dem Frühstück ein und kommen somit nach dem Mittagessen nicht zur Ruhe.

Nina ist alleine bei den 23 Kitakindern und Sybille hat ein Eingewöhnungskind.

Kurz informieren wir uns über den Notfallplan, der eher dem üblichen Tagesplan entspricht und beschließen, wie so oft, nach draußen zu gehen. Die Leitung, Frau Brand, steht ratlos und geknickt neben uns, spricht kurz über das Sommerfest und die Themen aus dem Elternbeirat.

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Was soll sie machen? Die zehnte Überlastungsanzeige schreiben, den Träger zum hundertsten Mal anrufen und die Fachberatung um Hilfe bitten?

In den letzten Wochen stehen immer wieder Eltern in ihrem Büro und beschweren sich über die fehlende Qualität, die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder und die mangelnde individuelle Förderung.

"Ich wünschte so sehr, die Eltern würden erkennen, dass wir selbst Opfer dieser Bildungspolitik sind und unsere Ohnmacht und Überforderung an ihre Kinder weitergeben!" flüstere ich zähneknirschend in die Runde.

14 Uhr: Ich spüre, wie die Kraft mich verlässt

Frühstücken, Basteln, Wickeln, Spielen, Lesen, Tränen trocknen, Kuscheln, Toben und das oft bei einer Lautstärke von 90 Dezibel (ich denke an meinen Vater, der an der Kreissäge mit 85 Dezibel einen Gehör-Schutz tragen muss).

Ich lasse fiebernde Kinder von verärgerten Eltern abholen, rotiere verzweifelt mit 9 U3 Kinder am Mittagstisch und während der Schlafwache mit zwei quietschfidelen Einjährigen kämpfe ich mit Erschöpfung.

Es ist 14:00 Uhr und während ich bemerke, dass ich noch keine Pause gemacht und vor gut drei Stunden das letzte Mal etwas getrunken habe, spüre ich wie mich die Kraft verlässt, mein Rücken schmerzt und ich einfach nur heulen könnte.

Die ersten Kinder werden wach ... weiter geht's! Es drückt in meiner Brust!

Es ist 15:00 Uhr. Aus Erschöpfung wird Aggression.

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Deutlich spüre ich meine Ungeduld und den lauten Ton mit den Kindern. Ich bin ruppig und bemerke, wie ich die Kinder für etwas verantwortlich mache, das ich selbst zu verantworten habe. Mein Kiefer verkrampft sich.

Überall gleichzeitig sein, allen gerecht werden, es irgendwie schaffen!

Ich bin so traurig und wütend

Marion kommt auf mich zu und fragt, ob ich bis 17:00 Uhr bleiben könnte, da Jörg ja krank sei und der Spätdienst fehle. Ich lasse Marion nicht hängen und nick. Mein Kopf tut so weh!

16:00 Uhr: Auch wenn es Eltern scheinbar kaum auffällt, ich bin so traurig und wütend und werde Kindern, Kollegen und vor allem mir selbst nicht mehr gerecht! "Pädagogik für'n Arsch!", denke ich mir und sitze erschlagen auf der Kante des Sandkasten, tue so als wäre ich noch anwesend und sage Eltern beim Abholen das, was sie hören wollen!

17 :10 Uhr: Endlich nach Hause! "Ich kann nicht mehr!", sind meine letzten Gedanken, während ich unglücklich auf die Couch sinke und kaum noch Kraft habe, mein Lieblingsbuch zu lesen.

"Zum Kotzen!", fauche ich und verneige mich in Gedanken ehrfürchtig vor meinen Kollegen, die eigene Kinder zu Hause haben! "Vielleicht mach ich morgen krank", denke ich mir verzweifelt.

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"Und Kinder und Kollegen im Stich lassen? NEIN!" Ich balle eine Faust schließe die Augen und spüre den Druck auf der Brust wachsen. Es wird dunkel.

06:00 Uhr: Der Wecker dröhnt, mein Bauch zieht sich zusammen. "Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr!"

Der Beitrag erschien zuerst auf Facebook.

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